Verkehrs(w)ende

Von Frank Goertz Erstellt: 28. Dezember 2019, 00:00 Uhr
Verkehrs(w)ende Verkehrs(w)ende

Alle reden von der Verkehrswende, auf der Schiene stockt sie aber

Die „Respektrente“ hat sich den Titel „Wort des Jahres“ redlich verdient. Der Begriff führe die besondere Fähigkeit der deutschen Sprache vor Augen, durch das Zusammensetzen von Wörtern nahezu unbegrenzt neue Wörter bilden zu können, erklärt die Jury der Gesellschaft für deutsche Sprache. In diese Kategorie passt auch „Verkehrswende“. Nur dass sie festgefahren zu sein scheint. Davon kann jeder Pendler ein Lied singen, der auf den Zug wartet.

„Die Wahrheit liegt am Bahnsteig“, hat vor einigen Tagen der FDP-Landtagsabgeordnete Professor Dr. Erik Schweickert in Anlehnung an Otto Rehhagels fußballphilosophische Feststellung „Die Wahrheit liegt auf dem Platz“ festgestellt. Wahrscheinlich hat auch Schweickert im Sommer beim Betreiberwechsel von der Deutschen Bahn zu Abellio und Go-Ahead auf ein neues Zeitalter der Residenzbahn gehofft, nachdem er die Pünktlichkeitswerte der Deutschen Bahn treffend als „die täglichen Leiden der Pendler in Zahlen gefasst“ bezeichnet hat.

Heute würden sich Pendler vielleicht über diese „Leiden“ freuen. Denn die Pünktlichkeitswerte sind – selbst bei wohlwollender Betrachtung und eingebauten Toleranzen – noch tiefer in den Keller gerauscht. Wobei ausgefallene Züge noch nicht einmal in der Pünktlichkeitsstatistik erfasst werden. Immer schön nach dem Motto: „Wer gar nicht kommt, kann auch nicht unpünktlich sein.“ Diese Hausfrauenphilosophie – sorry, liebe Hausfrauen – könnte auch vom großen Dichter und Denker Otto Rehhagel stammen…

So gelingt die Verkehrswende in der Region auf jeden Fall noch nicht einmal ansatzweise. Ohne die Bahn kommt sie nicht ins Rollen. Momentan sieht es aber so aus, dass, wer einen Termin beispielsweise in Pforzheim hat, besser mit dem Auto fährt, um pünktlich zu sein. Und dabei Sprit verschleudert, die Luft verpestet und den Parkautomaten füttert. Das ist der Verkehr vor der Wende.

Aber bleiben wir beim großen Fußballphilosophen Otto Rehhagel. Der würde in solch einer Situation wahrscheinlich knarzend feststellen, dass mit Abellio und Go-Ahead ja auch zwei völlig neue Spieler auf dem Platz stehen. Und dann hat es auch noch den Anschein, dass die ausgebootete Deutsche Bahn mit ihrer maroden Schienen- und Kommunikationsinfrastruktur dem Konkurrenten ebenso von hinten in die Beine grätscht wie die Ausrüster der neuen Akteure. Ohne funktionierende Züge bewegen sie sich auf dem Platz so souverän wie ein Kicker in Turnschuhen auf rutschigem Geläuf. Diese Erkenntnisse nutzen den geplagten Pendlern wenig. Ihnen bleibt nur die Hoffnung, dass sich die Situation so schnell wie möglich bessert. „Mal verliert man – mal gewinnen die anderen“, mit dieser Rehhagel-Erkenntnis wollen sie auf jeden Fall nicht länger klaglos leben.

Frank Goertz

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