(Über-)Leben

Von Ramona Deeg Erstellt: 20. April 2019, 00:00 Uhr
(Über-)Leben (Über-)Leben

Hebammen-, Pflegekräfte- und Schulleitermangel in der Region

„Das ist ja zum Kinderkriegen“, sagt man gerne umgangssprachlich, wenn etwas zum Verzweifeln ist. Es entbehrt nicht einer gewissen Situationskomik, dass ausgerechnet dieses „Kinderkriegen“ selbst zum Problemfall geworden ist. Zum wiederholten Male – könnte man mit Blick auf die Situation im Kreißsaal Mühlacker sagen. Die Hebammen sind zu wenige, um einen verlässlichen 24-Stunden-Betrieb aufrechtzuerhalten. Das ist kein spezielles Mühlacker Problem. Die Geburtsstation am Krankenhaus Bretten musste schon vor mehreren Jahren ihre Pforten schließen. Ob Mühlacker ein ähnliches Schicksal droht? Das bleibt nach aktuellem Stand der Dinge wohl abzuwarten. Eine Schließung sei nicht das Ziel, betonte Regionaldirektor Dominik Nusser dieser Tage. Obgleich er durchblicken ließ, dass es schwer sei, eine Lösung auf dem Silbertablett zu präsentieren.

Dass keinesfalls nur im Kreißsaal Personalnot herrscht, wird deutlich, wenn man die Debatten der vergangenen Wochen, Monate und teils sogar Jahre Revue passieren lässt. In Kindergärten fehlen Erzieherinnen, Rektorenstellen bleiben unbesetzt, um kranke und alte Menschen möchten sich auch nicht genügend Fachkräfte kümmern. Kurzum: In den Berufen, bei denen sich Menschen um Menschen kümmern, fehlt es an Personal. Dr. Jens Hanf, scheidender Vorsitzender der FDP-Fraktion im Gemeinderat, rückte diesen Umstand im Rahmen der Schulleiter-Debatte für Lomersheim und Mühlhausen unlängst in die Nähe eines Staatsversagens.

Fairerweise gilt es an dieser Stelle auch darauf hinzuweisen, dass es in anderen Branchen ebenfalls eine zum Teil ausgeprägte Fachkräftenot gibt. Sie fällt auf den ersten Blick vielleicht nur nicht so drastisch auf wie im Krankenhaus, wo die Schwester von Patient zu Patient hetzt, oder in der Schule, wo Unterricht ausfällt und das Rektorenbüro verwaist bleibt. Und das ist allemal ein Alarmzeichen. Denn es geht darum, Mitmenschen in ganz unterschiedlichen Ausprägungen und Phasen beim (Über)leben zu helfen. Wenn das schon beim Start ins weltliche Dasein problematisch ist, ist das wirklich zum sprichwörtlichen Kinderkriegen – nämlich zum Verzweifeln und Verrücktwerden. Und wenn es in frühen Stadien des Lebens, nämlich in Kindergarten und Schule, genau so weitergeht und auch das Ende des Lebens aufgrund von Personalengpass eher verwaltet als gestaltet wird, ist es höchste Eisenbahn, an der Attraktivität dieser wichtigen Berufe zu arbeiten. Leben ist mehr wert.

Ramona Deeg

Redakteurin E-Mail: redaktion@muehlacker-tagblatt.de Telefon: (07041) 805-27

ramona.deeg@muehlacker-tagblatt.de

Weiterlesen
Brachland

Brachland

Schließung von Sparkassen-Filialentrifft die (ältere) Dorfbevölkerung hart Mitten in den Wirren der Corona-Krise ereilt Kommunen wie Mühlacker, Knittlingen, Maulbronn und Ölbronn-Dürrn eine zusätzliche Hiobsbotschaft: Die Sparkasse Pforzheim-Calw, das größte und… »