Toter Mast

Von Thomas Eier Erstellt: 14. Dezember 2019, 00:00 Uhr
Toter Mast Toter Mast

Mit dem Rückzug der Stadt rückt
der Abriss der Sender-Nadel näher

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen: Die eine hält in derber Liebeslust sich an die Welt mit klammernden Organen; die andre hebt gewaltsam sich vom Dust zu den Gefilden hoher Ahnen.“

Gut möglich, dass sich dieser Tage besonders viele Mühlackerer in die Lage von Goethes Faust versetzen können, dessen lyrische Wehklage zum Synonym innerer Zerrissenheit geworden ist. Hier, in derber Liebeslust, die Verbundenheit mit dem Sender als Leuchtturm unserer Heimat, dort die weltliche Erkenntnis, dass die fragliche Haushaltslage keine Ausflüge in höhere Gefilde erlaubt. So musste jedes einzelne Mitglied des Gemeinderats wählen zwischen zwei Herzen in seiner Brust – und die Mehrheit hat sich für den Kopf entschieden.

Die Strategie, ein ergebnisoffenes Verfahren mit der Forderung nach einem ungedeckten Vorschuss über 60000 Euro zu belasten, war dem Ziel des Sender-Erhalts mit Sicherheit nicht dienlich, doch unabhängig davon gingen die Wortbeiträge im Ratssaal weit über den Aspekt neuer Spannschlösser hinaus. Die vorgezogene Grundsatzdebatte über ideelle Werte und mutmaßliche Kosten lässt den Beobachter mit gemischten Gefühlen zurück, und der Autor, dem der Sender seit frühester Kindheit heimleuchtet, ist innerlich genauso gespalten wie das Gemeinderatsgremium.

Mag sein, dass sich mit dem Geld, das für den Erhalt des Senders eingespart wird, eine Schule, Straße oder Brücke sanieren lässt, aber mit demselben Argument hätte die klamme Stadt schon ihre Löffelstelz verfallen lassen und die historische Kelter samt altem Lienzinger Rathaus, das eben für eine Million saniert wurde, plattmachen können. Gerade deshalb geht es ja beim Denkmalschutz nicht allein um Kosten und Nutzen, sondern um die Verantwortung für das historische Erbe, das für kommende Generationen bewahrt werden soll.

Der Sender ist ein Kulturdenkmal, und die Frage lautet: Wer trägt die Verantwortung? Der SWR, dem die eigene Rundfunkgeschichte herzlich egal ist, wenn es darum geht, den Klotz am Bein loszuwerden, schiebt den Schwarzen Peter über eine „großzügige Offerte“ der Senderstadt zu, die dankend ablehnt, damit am Ende Behörden in Stuttgart und Karlsruhe nach Aktenlage entscheiden – auch ohne ein hoffnungsloser Romantiker zu sein, hätte man dem Lulatsch einen schöneren und respektvolleren Schlussakt gewünscht.

Ob der Sendermast, dessen Vorgänger Mühlacker einst zu den Stadtrechten verhalf, das 90-Jahr-Jubiläum überleben wird, ist mehr als fraglich und hängt nun allein davon ab, wie hoch die Denkmalschützer des Landes den Wert des Bauwerks einschätzen, den SWR und Stadt bereits relativiert haben. Ein „toter Mast“ sei nicht die Zukunft der Stadt, hieß es, und in der Bevölkerung herrsche die Meinung vor: Ihr werdet doch nicht … (kaufen). Mag sein, dass dies aus heutiger Sicht die klügere Haltung ist, aber hoffentlich heißt es nicht irgendwann: Wie konntet ihr nur ..?

Thomas Eier

Redaktionsleiter E-Mail: redaktion@muehlacker-tagblatt.de Telefon: (07041) 805-27

Thomas.Eier@muehlacker-tagblatt.de

Weiterlesen
Alltagstauglich?

Alltagstauglich?

Lockerungsübungen haben unzählige Facetten und Tücken im Detail Mit dem Wiedereinstieg in eine Art Normalität hat das große Kopfzerbrechen begonnen. Eine landesweite Verordnung, die den Rahmen des Erlaubten absteckt, ist… »