Sentimental?

Von Frank Goertz Erstellt: 31. Oktober 2014, 00:00 Uhr
Sentimental? Sentimental?

Auch wenn man es nicht verstehen muss: Der Sender in Mühlacker stiftet Identität. Aber was ist Identität wert?

Außenstehende schütteln verwundert den Kopf: Warum in aller Welt wollen so viele Menschen in Mühlacker den Sender erhalten? Eine 273 Meter hohe Nadel, die früher wegen der Funkwellenbelastung auch schon Gegenstand erbitterter Debatten war. Und was in aller Welt ist das Argument wert, dass früher auf jedem Röhrenradio eine Mittelwellenfrequenz Mühlacker eingezeichnet war? Mühlacker war wie Beromünster und Hilversum: völlig unbekannt. Aber auf den Skalen standen diese Orte neben Weltstädten wie Moskau, London und Paris. Außerdem sorgt der Mast immer noch dafür, dass Mühlacker bei klarem Wetter aus allen Himmelsrichtungen von Weitem erkennbar ist. „Da wo die Nadel in den Himmel sticht, da ist meine Heimatstadt“, gibt der Mast den „Senderstädtern“ Orientierung.

Dies mag verstehen, wer will. Aber Orientierung beziehungsweise Identität ist ein hohes Gut. Was den New Yorkern ihre rostende Freiheitsstatue, den Römern ihr Kolosseum, um das herum der Verkehr tobt, und den Brüsselern ihr eigentlich völlig unscheinbares Manneken Pis ist, ist den Menschen in Mühlacker ihr Sender. Dabei identifizieren sich nicht nur Senioren, die mit rauschenden, krächzenden Röhrenradios und der Mittelwelle Mühlacker groß geworden sind, mit dem Mast, sondern vor allem auch sehr viele junge Menschen, die sich in sozialen Netzwerken für „ihren“ Sender starkmachen.

Oberbürgermeister muss völlig unsentimentale Fragen stellen

Auch wenn er den Anforderungen des Denkmalamts nicht genügt, um ihn unter Schutz zu stellen, steht der Sender doch für ein Stück deutscher (Rundfunk-)Geschichte. Leider stellt sich jetzt die völlig unsentimentale Frage: Was ist der Sender den Menschen und ihrer Stadt wert – nicht etwa in wachsweichen Sympathiepunkten ausgedrückt, sondern in Euro und Cent? Eine Frage, die Oberbürgermeister Frank Schneider gestern unmöglich beantworten konnte. Aber immerhin liegen die Zahlen auf dem Tisch – und machen klar, welche Mammutaufgabe eine Rettung des Senders ist. Eine Mammutaufgabe, die nicht unlösbar scheint.

Was manche Dinge wert sind, entdeckt man übrigens erst, wenn sie nicht mehr da sind. Fällt der Sender 2017, ist die Stadt, der es sowieso schon an einer kollektiven Identität mangelt, um mehr als einen Orientierungspunkt ärmer.

Frank Goertz

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