Schutzbedürftig

Von Thomas Eier Erstellt: 1. August 2020, 00:00 Uhr
Schutzbedürftig Schutzbedürftig

Corona in einer Firma: Warum geben die Behörden keine Details preis?

Warum, fragen sich Bürger und Leser, nennen die Behörden nicht Ross und Reiter – sprich: den Namen der Mühlacker Firma, die wegen 19 Corona-Fällen unter Quarantäne gestellt wurde? Gehen hier der Datenschutz und der Schutz eines Unternehmens über den Schutz der Bevölkerung? Was unterscheidet diesen Fall von Müller-Fleisch?

Zur Erinnerung: Sogar im Fall der Birkenfelder Fleischfabrik hatte sich das Landratsamt zunächst bedeckt gehalten, obwohl hier keine 19, sondern am Ende mehr als 400 Beschäftigte betroffen waren, was den Blick auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der Lohnarbeiter lenkte und aus dem Corona-Ausbruch ein Politikum machte. Außerdem gelten für die Lebensmittelbranche, deren Ware auf dem Teller landet, andere Maßstäbe als für einen Betrieb, der Kunststoffteile produziert, zu denen – Ironie des Schicksals? – unter anderem Schutzschilde gegen das Virus gehören sollen.

Die Allgemeinheit, die im Mühlacker Fall keine Quarantäneeinrichtungen finanzieren muss, ist nach Einschätzung der Gesundheitsbehörden ausreichend geschützt, weshalb es schlichtweg nicht nötig – und aus Datenschutzgründen auch nicht erlaubt – sei, die Firma beim Namen zu nennen. Allerdings löst das nicht nur unterm Sender, sondern überregional Spekulationen aus, weshalb manche im Land schon von einem „Hotspot Mühlacker“ ausgehen. Und weil ohne klare Angaben die mittelständischen Unternehmen in der Stadt unter Generalverdacht stehen, wurde mindestens bei einem Handwerksbetrieb bereits ein Auftrag von außerhalb abgesagt.

Ein Beispiel, das exemplarisch steht für die Verunsicherung, die trotz überschaubarer Fallzahlen herrscht. Da gilt es mindestens als Fanal, wenn nicht als Skandal, wenn sich in einer Belegschaft Kollegen anstecken, die im produzierenden Gewerbe beim besten Willen nicht ins Homeoffice können. Doch gerade bei Covid-19 ist, weil extrem ansteckend, jede Stigmatisierung von Betroffenen fehl am Platz; jedenfalls dann, wenn sie sich an die Regeln gehalten und nicht bierselig am Ballermann geschunkelt haben.

Bei Müller-Fleisch, Tönnies und Co. gab es ein klares öffentliches Interesse, weil die Verbraucher und weite Bevölkerungskreise tangiert waren. In Mühlacker geht es neben ärgerlichen Negativeffekten für andere Betriebe vor allem um die verständliche Neugierde – und das allein reicht aus Behördensicht nicht aus, um Ross und Reiter zu nennen.

Thomas Eier

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