Aus dem Takt

Von Thomas Eier Erstellt: 15. Juni 2019, 00:00 Uhr
Aus dem Takt Aus dem Takt

Verspätete Züge sind eine schlechte
Alternative zu verstopften Straßen

Für alle Zugreisenden und Pendler auf der Schiene hat es in dieser Woche nur ein Thema gegeben: die als chaotisch geschilderten Zustände im Bahnverkehr zum Start mit den neuen Betreibern. Wobei: „Bahn“-Verkehr? Ist diese Bezeichnung überhaupt noch korrekt, nachdem die Deutsche Bahn außen vor ist?

Sprachliche Spitzfindigkeiten sind dem Kunden herzlich egal, der analog zum grünen Verkehrsminister große Hoffnungen in die private DB-Konkurrenz setzte, die erst einmal einen kräftigen Dämpfer erhielten. Die Wirkung des verpatzten Auftakts ist verheerend. Warum, fragt sich der Fahrgast auf dem Service-Abstellgleis, ist es hierzulande so schwierig, einen verlässlichen und pünktlichen Zugverkehr auf die Beine zu stellen? In einem hoch entwickelten Land mit brummender Wirtschaft?

Das beginnt beim Material. Während es ein Hersteller nicht geschafft hat, seine neuen Züge mit funktionierenden Trittbrettern auszustatten, konnte der andere erst gar nicht alle Fahrzeuge zum Stichtag liefern. So oder so kein Ruhmesblatt, während in der Vergangenheit schon die störungsanfälligen ICE-Züge Schlagzeilen machten. Dabei wollen die zahlenden Kunden nichts anderes als Züge, die zuverlässig fahren.

Abgesehen von solchen Grundvoraussetzungen hakt es allenthalben – bei der personellen Ausstattung, bei der Kommunikation, wenn Züge verspätet oder gar nicht fahren, und beim Krisenmanagement, wenn technische Mängel und Fehlleistungen, die Menschen mit Terminen in die Bredouille bringen, als „Kinderkrankheiten“ verharmlost werden. Wenig Begeisterung gibt es auch für den neuen Fahrplan, und die nüchterne Feststellung, dass der Bahnhof Mühlacker, wenn die schnellen Züge wirklich fahren, als großer Gewinner von der Umstellung profitieren wird, gilt im Umland – in Ötisheim, Enzberg, Niefern etc. – fast als Provokation. Sei doch hier alles schlechter geworden.

Bei allem Verständnis für Anlaufschwierigkeiten war diese Woche keine Werbung für den „Bahn“-Verkehr, den alle als umweltfreundliche Alternative zum Stau auf den Straßen propagieren. Abgesehen davon, dass die Fahrt mit dem Auto in vielen Fällen nach wie vor preiswerter ist, sollte die Zugfahrkarte doch zumindest ihren Preis wert sein. Dafür braucht es – siehe oben – handfestere Argumente als ein reines Klimaschutz-Gewissen und eine volle A8.

Apropos: Während es auf der Schiene zunächst nur stockend vorangeht, gibt es Unterstützung für Go-Ahead, Abellio und Co. von unverhoffter Seite: Der Ausbau des hiesigen Nadelöhrs auf der Autobahn verzögert sich weiter – und wer zu einer bestimmten Uhrzeit in Stuttgart oder Karlsruhe erscheinen muss, kann weiterhin eine Münze werfen. Verstopfte Straßen oder verspätete Züge: An den leidigen Alternativen hat sich kurz nach dem Abschied der Deutschen Bahn noch nicht viel geändert.

Thomas Eier

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