Alltagstauglich?

Von Thomas Eier Erstellt: 23. Mai 2020, 00:00 Uhr
Alltagstauglich? Alltagstauglich?

Lockerungsübungen haben unzählige Facetten und Tücken im Detail

Mit dem Wiedereinstieg in eine Art Normalität hat das große Kopfzerbrechen begonnen. Eine landesweite Verordnung, die den Rahmen des Erlaubten absteckt, ist eine Sache, die Umsetzung in der Praxis eine andere. Jedes Geschäft, jedes Lokal, jeder Sportverein und jeder Kindergarten ist anders, weshalb es keine Blaupause für alle Eventualitäten gibt. Folglich bleibt nur das mühselige Feilen an individuellen Konzepten, die im besten Fall anschließend ihre Alltagstauglichkeit beweisen.

Beispiel Gastronomie. Während viele Kunden noch schwanken zwischen Vorsicht und der Lust auf eine Einkehr, haben die Wirte die undankbare Aufgabe, Abstandsregeln und Desinfektionsmaßnahmen in ihre Abläufe zu integrieren. Und weil der hungrige und durstige Mensch ein Gewohnheitstier ist, der sich gerne spontan auf den ersten freien Platz stürzt, sitzen die zahlenmäßig begrenzten Gäste nun auch schon mal zwischen rot-weißen Flatterbändern, die es braucht, um den Zulauf zu kanalisieren. Eine Szenerie, die symbolhaft steht für die vielzitierte „neue Normalität“.

Beispiel Kitas. Hier ist der Spagat besonders schwierig, weil Kleinkinder im Gegensatz zu Erwachsenen, die sich teils kindisch gebärden, das Recht haben, unvernünftig zu sein. Die Hoffnung der Träger, das Ministerium werde ihnen eine Bedienungsanleitung an die Hand geben, blieb unerfüllt, und so liegt der Schwarze Peter nun zumeist bei den Kommunen, die für jede einzelne Einrichtung maßgeschneiderte Lösungen entwerfen müssen. Die Erwartung, der Neustart in einen (eingeschränkten) Regelbetrieb könnte reibungslos und ohne Kompromisse beim Gesundheitsschutz über die Bühne gehen, ist illusorisch.

Beispiel Freibäder. Die Betreiber warten auf ein Signal und sehen sich gleichzeitig einem wahren Fragenkatalog gegenüber. Wie steuern wir die Besucherzahl, wie soll es an der Kasse laufen? Wie sorgen wir für Sicherheitsabstände auf der Liegewiese und im Planschbecken? Was ist mit Umkleiden und Duschen, Rutsche, Spielplatz und Bolzplatz? Was bleibt, wenn wir alles einschränken, vom Badespaß noch übrig?

Schulalltag, Sportangebote, Kulturbetrieb … Die Liste an Beispielen ließe sich fortsetzen. Die Lockerungsübungen haben zigfache Tücken, und vielleicht scheren sich deshalb manche Demonstranten so wenig um Hintergründe und Fakten: Ihnen ist die neue Normalität schlichtweg zu stressig und zu blöd.

Thomas Eier

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