Alles Müller?

Von Thomas Eier Erstellt: 2. Mai 2020, 00:00 Uhr
Alles Müller? Alles Müller?

Die Corona-Pandemie hält uns die
Mängel im System vor Augen

Die Krise legt die Mängel im System schonungslos offen, und das bezieht sich nicht allein auf den Notstand in der Altenpflege, den Personalmangel in Kliniken oder den Umstand, dass wichtige Schutzkleidung im billigen Ausland produziert wird. In der Region steht die Firma Müller-Fleisch im Kreuzfeuer der Kritik, nachdem sich unter Leiharbeitern das Virus explosionsartig ausgebreitet hat. Kein Wunder, sagen die Gewerkschaften und beklagen, dass die preiswerten Arbeitskräfte aus Ungarn, Rumänien etc. in ebenso preiswerten Sammelunterkünften zusammengepfercht würden. Von einer verantwortungslosen Firmenpolitik und schlechtem Informationsfluss ist die Rede, während die Bundestagsabgeordnete Katja Mast (SPD) erklärte, sie habe den Fall bis ins ferne Berlin getragen.

Die Empörung ist groß, und das gilt auch für viele Verbraucher, die sich allerdings weniger um das Wohlergehen der infizierten Schlachthaus-Mannschaft als um die Unbedenklichkeit ihrer Fleisch- und Wurstwaren scheren. Diese sollen nicht nur frei von Erregern, sondern auch möglichst günstig beim Discounter erhältlich sein – und schon rückt im knallharten Preiskampf in der Lebensmittelindustrie das Wohl und Wehe von Tieren und Mitarbeitern in den Hintergrund. Der Aufregung um die Zustände bei Müller zum Trotz, hat ein branchenfremder Betriebsrat in einem Leserbrief zu bedenken gegeben, würden dieser Tage wieder Erntehelfer zum Spargelstechen aus Osteuropa eingeflogen, die an ihrem Einsatzort sicherlich keine Einzel-Bungalows beziehen.

Arbeitskräfte, die von Subunternehmern im Ausland rekrutiert und mit Werkverträgen ausgestattet werden, um die Produktionskosten zu drücken und die Lücken im reichen Deutschland zu füllen – dieses Phänomen ist älter als die Corona-Krise, und wenn Politiker und Verbraucher jetzt Krokodilstränen über solche „Praktiken“ weinen, erscheint das doch einigermaßen plakativ. Wären die Müller-Leute gesund geblieben, hätte sich jemand um ihren Komfort geschert? Wie ist es in den Container-Dörfern auf Großbaustellen? Würde das Ganze ohne EU-Ausländer überhaupt noch funktionieren? Wer würde zu gleichen Bedingungen im Schlachthof oder auf dem Spargelfeld einspringen? In der Pflege, im Krankenhaus?

Die Krise zeigt uns die Missstände auf und hält uns den Spiegel vor. Doch ob sich deshalb am System etwas ändert ..?

Thomas Eier

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