Auf den Kopf gestellt

Mittrainiert: MT-Mitarbeiterin Julia Klassen muss feststellen, dass Turnen nicht Fahrradfahren ist

Von Julia Klassen Erstellt: 23. September 2017, 00:00 Uhr
Auf den Kopf gestellt Salti vorwärts und rückwärts, mit und ohne Schraube: Turntrainer Jens Geiger (re.) beobachtet Jonas Grottker beim Bodenturnen. Foto: Fotomoment

Mit fünf Millionen Mitgliedern ist der Deutsche Turnerbund der zweitgrößte Sportverband in Deutschland. Fast jeder hat schon einmal geturnt. Freiwillig oder unfreiwillig. Julia Klassen war früher selbst aktive Turnerin und hat bei den Männern des TV Mühlacker mittrainiert – das Ergebnis war für die MT-Reporterin ernüchternd.

MT-Reporterin Julia Klassen versucht sich am Seitpferd, an dem sonst nur Männer turnen.MT-Reporterin Julia Klassen versucht sich am Seitpferd, an dem sonst nur Männer turnen.

Mühlacker. Heute stehe ich richtig unter Druck. Jens Geiger weiß, dass ich früher selbst Turnerin war. Großspurig habe ich dem Trainer der Turner des TV Mühlacker erzählt, was ich alles mal konnte. Salto, Flic-Flac und so. Dass Turnen für mich ja nichts Neues sei. Dass ich mir extra das Training der Männer ausgesucht habe, weil ich eine Herausforderung brauche. Hätte ich mal lieber die Klappe gehalten! Das denke ich, als wir uns warmmachen.

Ein Spielchen zum Anfang, bei dem der Ball mit der Hand abwechselnd gegen die Wand geschlagen wird. „Batscherles“, nennen die Turner das. Je früher man dabei ausscheidet, desto mehr Liegestützen oder Klappmesser muss man machen. Wer meistens als Erstes ausscheidet, ist leicht zu erraten. Am Ende hätte ich rund 60 Liegestütze und 18 Klappmesser machen müssen – es waren ein paar weniger. Die Turner im Alter zwischen 15 und 25 Jahren hatten wohl Mitleid mit mir.

Dann geht es an das erste Gerät. Lockeres Einturnen am Boden. Strecksprünge, Hocksprünge, Sprünge auf einem Bein, die Matte rauf und runter, wahlweise im Raupengang oder auf allen Vieren. Mein Schultergürtel schmerzt schon jetzt. Hatte ich dort nicht früher mal Muskeln? Auch die Flexibilität hat nachgelassen. Das merke ich beim Dehnen, das Michael Flamm (25) anleitet. Mann, bin ich eingerostet! Das kann ja noch heiter werden!

Wird es auch. Wir bleiben am Boden. Der war schon immer mein Lieblingsgerät.

Jedes Gerät fordert andere Muskelgruppen

Am Anfang klappt es auch noch gut. Rolle vorwärts, Handstand, Räder. Alles dreht sich. Turnen verlernt man nicht, bin ich sicher. Auch wenn ich seit mindestens sechs Jahren nicht mehr auf der Matte war. Turnen ist bestimmt wie Fahrradfahren, versuche ich mir einzureden. Allerdings tut mir beim Fahrradfahren nie nach ein paar Minuten schon alles weh. Jetzt aber zieht und ziept es überall. Vor allem im Rücken. Und an den Adduktoren. Und den Schultern. Die Waden auch. Von den Handgelenken ganz zu schweigen.

Es wird schwungvoller. Radwende, Strecksprung halbe Drehung, Flugrolle. Das konnte ich mit acht. Mit 38 kann ich es auch noch, aber es tut weh und ich sehe Sterne. Da hilft auch der von den Turnern vor fast 30 Jahren selbst gebaute Schwungboden nicht. Der federt schön und hilft den Turnern beim Absprung. Beim Handstandüberschlag setze ich aus Sicherheitsgründen trotzdem aus. Bei allem, was danach kommt, auch. Die Jungs machen Salti, vorwärts und rückwärts, mit und ohne Schraube. Ich mache eine Standwaage. „Sieht doch gut aus“, sagt Jens Geiger und grinst.

Der 43-Jährige ist ein Urgestein der Mühlacker Turner. Vor 37 Jahren hat er mit dem Turnen angefangen, seit er 16 ist, ist er auch noch Trainer. Gemeinsam mit Jeremias Marz, Marcel Wahl und Michael Flamm leitet er dreimal in der Woche das Training der männlichen Turner.

Nach dem Boden geht es ans Pauschenpferd, auch Seitpferd genannt. Dieses Gerät hat mich schon immer fasziniert. Keine Ahnung, wie Turner es schaffen, nur auf den Armen gestützt über dieses Lederteil zu wandern oder sich um ihre eigene Achse zu drehen. Aber TVM-Turner Patrick Greger zeigt, dass es geht. Trotz fehlender Muskulatur muss ich es jetzt auch einmal ausprobieren.

Ich halte mich an den Pauschen fest und stemme mich hoch. Das geht ja noch. „Jetzt ein Bein nach vorne über die Pausche schwingen“, sagt Jens Geiger. Scherzkeks – dafür müsste ich ja mit einer Hand loslassen! „Das geht schon“, glaubt er tatsächlich. Ich versuche es. Und zumindest bringe ich das Bein irgendwie nach vorne, ohne mich auf die Nase zu legen. Elegant ist wohl anders, aber immerhin. Ich kann verstehen, warum das Pauschenpferd bei den meisten Turnern nicht besonders beliebt ist und erkläre meine Seitpferdkarriere spontan für beendet. Ist ja sowieso ein Männergerät.

Während die Frauen an vier Geräten, an Boden, Sprung, Stufenbarren und Balken, turnen, müssen die Männer an sechs Geräten ran: Boden, Seitpferd, Sprung, Barren, Ringe, Reck. Für jedes Gerät braucht man ein bisschen andere Muskelgruppen und Bewegungsabläufe. Auch das ist ein Grund, warum Turnen eine sehr trainingsintensive Sportart ist. Talent benötigt man natürlich auch, aber: „Mit viel Ehrgeiz kann man fehlende Begabung wettmachen“, sagt Jens Geiger.

Bei mir hat es heute nicht an Talent oder Ehrgeiz gehapert, sondern ganz klar an Muskulatur und Beweglichkeit.

Turnen ist eben nicht wie Fahrradfahren, das man niemals verlernt. Turnen ist Turnen. Und wenn es einfach wäre, würde es Fußball heißen – das sagen zumindest die Aktiven gerne. Wer gut turnen will, der muss regelmäßig trainieren. Sonst kann es ziemlich weh tun. Das habe ich am eigenen Leib erfahren. Und an den Muskelkater, der mich erwartet, will ich noch gar nicht denken. Trotzdem war es schön, sich mal wieder auf den Kopf zu stellen. Wenn auch ein klein bisschen ernüchternd.

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