Flüchtling aus Afghanistan wird Deutscher Meister

Mit 14 Jahren verließ Mansour Sadat sein Heimatland, nun ist er auf dem Weg zum Profi-Thaiboxer

Von Steffen-Michael Eigner Erstellt: 17. November 2017, 00:00 Uhr
Flüchtling aus Afghanistan wird Deutscher Meister Bilder mit Bibelsprüchen über dem Fenster, ein grüner Wandvorhang und nun auch ein Pokal: Der neue Deutsche Junioren-Meister im Thaiboxen[[br]]Mansour Sadat (re., mit seinem Trainer Carmelo Noto) hat sein kleines Zimmer im Haus Schmie mit einfachen Mitteln gemütlich gemacht. Foto: Eigner

Mansour Sadat kam vor zweieinhalb Jahren als Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland und lebt inzwischen im Haus Schmie. Seit dem vergangenen Wochenende ist der 16-Jährige Deutscher Junioren-Meister im Thaiboxen bis 70 Kilogramm. Schon in der ersten Runde schlug er seinen Gegner k.o..

Maulbronn-Schmie. „Ein Uppercut. Die Technik habe ich erst vor kurzem von meinem Trainer gelernt“, sagt Mansour Sadat und ahmt die Bewegung mit der Faust nach. Der Knockout in der ersten Runde seines Debütkampfes, den er am Wochenende auf einer Kampfgala in Heilbronn bestritt, brachte dem 16-Jährigen den zuvor vakanten Titel des Deutschen Meisters in dieser Alters- und Gewichtsklasse sowie einen golden glänzenden Pokal ein, den er in seinem Zimmer auf den Tisch gestellt hat. Ein einfacher, fast quadratischer Raum von vielleicht 16 Quadratmetern mit Einbauschrank und Waschbecken, darin Bett, Tisch und Stuhl, ein altes Sofa und ein Sessel, ein kleiner Couchtisch, ein grüner Wandvorhang – so lebt Mansour Sadat. Mit einfachsten Mitteln hat er es sich gemütlich eingerichtet.

Neben der Tür hängen Zeitungsausschnitte über seinen ersten Trainer Uwe Hück, in dessen Lernstiftung er mit dem Thaiboxen begonnen hat, ehe er in der Kampfsportschule von Carmelo Noto sportlich so richtig durchstartete, sowie selbst gezeichnete Bilder. Über das Fenster hat er einige kleine Poster mit stimmungsvollen Landschaftsfotos und Psalmen und anderen Bibelsprüchen gehängt – obwohl er gläubiger Moslem ist. „Mir gefallen die Bilder so gut“, begründet Mansour Sadat. Über dem Schrank pappt eine selbstgemalte Deutschlandflagge.

Bilder von seinem Herkunftsland sucht man in dem kleinen Zimmer vergebens. „Afghanistan ist keine Heimat. Dort ist Krieg, die Taliban haben bei uns alles zerstört, die Schulen, Fabriken und Krankenhäuser niedergebrannt“, erzählt Mansour Sadat in nahezu fehlerfreiem Deutsch, wenngleich ihm die Aussprache manchmal Schwierigkeiten bereitet. Seine Eltern und neun Geschwister ließ er zurück, als er vor zweieinhalb Jahren sein Dorf im Norden des Landes nahe der Stadt Masar-i-Sharif verließ. Damals war er 14.

„Das Boot zerbrach, 20 Menschen sind gestorben, darunter einige Kinder“

„Ich bin zu Fuß durch den Iran gegangen, das dauerte einen ganzen Monat. Ich habe einen Tag Pause gemacht, bin dann zu Fuß durch die Türkei, das dauerte wieder einen Monat“, schildert er. „Auf einem ganz kleinen Boot bin ich nach Griechenland gefahren, es waren 45 Menschen darauf. Das Boot zerbrach, 20 Menschen sind gestorben, darunter einige Kinder und Babys. Zum Glück kann ich gut schwimmen.“ Eines der Kinder habe er gepackt und festgehalten, bis ein großes Schiff gekommen sei und sie gerettet habe.

Nach weiteren Wirrungen landete Mansour Sadat in Pforzheim und zog vor sieben Monaten schließlich ins Haus Schmie. In Pforzheim begann er vor etwa einem Jahr in der Lernstiftung Hück mit dem Thaiboxen. „Ich habe aber schon in Afghanistan ein wenig geboxt“, erzählt er. Carmelo Noto, der in Pforzheim und Mühlacker eine Kampfsportschule betreibt, entdeckte das junge Talent.

Seitdem trainiert Mansour Sadat, der mit dem Ziel Schweißer zu werden in Bretten das Berufskolleg besucht, beinahe jeden Tag: montags in Pforzheim, mittwochs in Mühlacker, wo Carmelo Noto sein Thaibox-Training derzeit in einem Fitnessstudio in der Industriestraße anbietet. „Wir suchen derzeit dringend eigene Räumlichkeiten in Mühlacker, damit meine Kindergruppe beisammenbleiben kann, die ich hier aufgebaut habe“, sagt Noto, der seinen Schützling dienstags und freitags nach auswärts zum Training mitnimmt, unter anderem nach Reutlingen, wo es eine große Kampfschule und viele Trainingspartner gebe. Meist trainieren die beiden auch samstags noch zusammen.

Carmelo Noto hält große Stücke auf Mansour: „Ein großes Talent. Normalerweise dauert es mindestens ein Jahr, bis man den ersten Kampf machen kann, er ist schon nach einem halben Jahr Deutscher Meister.“ Den nächsten Kampf bestreitet Mansour Sadat am 3. Dezember in Wernau, dann soll er am 18. Februar bei einer großen Kampfgala in Reutlingen und im April bei einer noch größeren Veranstaltung in Erfurt vor dann vermutlich 4000 Zuschauern in den Ring steigen. Und Carmelo Noto hat sogar noch weitergehende Pläne mit Mansour Sadat: „Wir wollen nächstes Jahr um einen Gürtel boxen, also um die Deutsche Meisterschaft bei den Profis“, kündigt er an. „Danach vielleicht um die Europameisterschaft.“

Mansour Sadat lächelt fast verlegen, während sein Coach ins Schwärmen gerät. Sein größter Wunsch ist derzeit ein anderer: „Ich hatte seit sechs Monaten keinen Kontakt mit meiner Familie. Ich hoffe, dass sie noch leben.“