Ein Troll unter Elfen

Mittrainiert: Bei der Ballettstunde im Ballett Zentrum Mühlacker fühlt sich MT-Reporterin Julia Klassen in ihre Kindheit zurückversetzt

Von Julia Klassen Erstellt: 23. Juni 2018, 00:00 Uhr
Ein Troll unter Elfen Und hoch das Bein: Auch wenn die Ballettstunde manchmal richtig wehtut, reißt sich unsere Reporterin Julia Klassen zusammen und hat sogar meist ein Lächeln auf den Lippen. Fotos: Fotomoment

Ballett – das ist Anmut, Grazie und Perfektion. Es ist aber auch hartes Training, Schweiß und Muskelkater. Reporterin Julia Klassen hat im Ballett Zentrum in Dürrmenz mittrainiert und festgestellt: Wenn die Beine nicht machen, was der Kopf will, sieht das ziemlich lustig aus.

Mühlacker. Ballett! Schon das Wort weckt bei mir wunderschöne Kindheitserinnerungen. Als ich sechs Jahre alt war, hatte ich meine erste Ballettstunde. Oben am Wasserturm, in einem winzig kleinen Raum, bei Frau Trippner-Lüttgen und Frau Beeh. Ich erinnere mich an die Musik, die damals nicht vom Band kam, sondern von einer weißhaarigen Dame, namens Frau Brodbeck, live am Klavier gespielt wurde. Dazu tanzten wir und fühlten uns wie kleine Elfen. Schwerelos und leicht.

Deshalb ist es kein Wunder, dass ich voller Vorfreude ins Ballett Zentrum komme, das seit kurzem im Dürrmenzer Krokusweg beheimatet ist. Dort unterrichtet Lió Mazzocato, die die Schule Anfang des Jahres von Susanne Beeh übernommen hat. Lió Mazzocato ist 26 Jahre alt und sieht genauso aus, wie ich mir eine Balletttänzerin vorstelle: zierlich, sportlich, die Haare zum typischen Dutt hochgeknotet.

Einen Dutt habe ich mir in weiser Voraussicht heute auch gemacht, damit ich zumindest optisch nach Ballett aussehe. Denn meine letzte Tanzstunde liegt mehr als 25 Jahre zurück und ich habe keine Ahnung, was noch hängen geblieben ist. Für den vollen Schein sorgt Lió Mazzocato. Sie hat mir Ballettkleidung mitgebracht. Ein Trikot, ein Röckchen, eine Strumpfhose, Ballettschläppchen – fertig ist die Ballerina. Die Illusion ist perfekt. Zumindest, bis ich mich an die Stange stelle. Die gehört zum Ballett wie Kartoffelsalat zu Maultaschen. An ihr beginnt jedes Training. Hier werden Fuß- und Beinarbeit gelehrt und Dehnübungen gemacht.

Die Gruppe ist bunt gemischt, was das Alter angeht. Von Mitte 20 bis Mitte 50 sind die Teilnehmerinnen des Erwachsenenkurses. Und dann ist da noch Andreas Fuchs, der einzige Mann. „Männer haben leider immer noch Hemmungen“, sagt Lió Mazzocato, „ich würde mir mehr in meinen Kursen wünschen.“

Die Grundpositionen, mit denen wir beginnen, sind mir noch ein Begriff. Fünf an der Zahl gibt es für die Beine und die Arme. Auch nach 25 Jahren kenne ich die Reihenfolge noch genau. Was dann kommt, kommt mir allerdings ziemlich französisch vor. Denn, und das ist bekannt, im Ballett wird französisch gesprochen. Lió Mazzocato wirft die Begriffe in den Raum und alle wissen genau, was zu tun ist. Alle, bis auf mich. Verstohlen schaue ich zu meinen Nachbarinnen rechts und links und versuche nachzuahmen, was sie gerade machen. Der große Spiegel an der Frontseite des Ballettsaals verrät mir: besonders gut klappt mein Trick nicht.

Plié, Demi-plié, Grand-plié – als ich herausgefunden habe, dass damit Kniebeugen verschiedener Ausprägung gemeint sind, ist die Gruppe schon eine Übung weiter. „Relevé“ heißt es nun und danach „Rond de jambe par terre“ und „Rond de jambe en l’air“. Ich krame in meinem Hirn nach den Überresten des jahrelangen Französischunterrichts. Doch bis ich so weit bin, sagt Lió Mazzocato „Soutenu“ – und alle drehen sich um. Jetzt folgen die Übungen mit der anderen Hand an der Stange, spiegelverkehrt sozusagen. Da ich nun halbwegs weiß, was auf mich zukommt, komme ich besser mit.

Und es beginnt, Spaß zu machen. Lió Mazzocato lächelt mir immer wieder aufmunternd zu. Die Ballettlehrerin aus Leidenschaft kommt ursprünglich aus Venedig und lebt seit sechs Jahren in Deutschland. „In Italien kann man von diesem Beruf nicht leben“, sagt Lió Mazzocato, die im Alter von zwölf Jahren – und damit relativ spät – ihre Liebe zum Ballett entdeckt hat. Eine eigene Schule, sagt sie, sei schon immer ihr Traum gewesen. Neben dem Unterricht in Mühlacker, der in der Regel mittwochs, donnerstags und freitags stattfindet, unterrichtet sie auch noch an einer Ballettschule in Öhringen. „Mein Ziel ist es, jeder Schülerin und jedem Schüler eine hohe Unterrichtsqualität zu bieten, Freude am Tanzen und die Motivation zu regelmäßigem Training zu vermitteln“, beschreibt die 26-Jährige ihre Ziele. Das mit der Freude und der Motivation funktioniert bei mir auf jeden Fall. Auch wenn ich beim nun folgenden Dehnen die Zähne zusammenbeißen muss. Ich erinnere mich wehmütig an Zeiten, in denen ich beim Spagat noch lächeln konnte und versuche, mir den Schmerz nicht anmerken zu lassen als ich mein Bein – etwas zu optimistisch – auf die obere der beiden Stangen lege. Unauffällig rutsche ich eine Etage tiefer, und meine Muskeln entspannen sich wieder.

Nach den Übungen an der Stange geht es in jeder Ballettstunde in die Mitte. Dort werden freie Übungen und kleine Choreographien mit Sprüngen und Drehungen getanzt. Lió Mazzocato tanzt vor und es sieht so einfach aus. Die Theorie habe ich verstanden, aber in der Umsetzung hapert es ein bisschen. Ich schaue mich um und bin beruhigt, dass ich nicht die einzige bin, die sich gerade Knoten in die Beine macht. Manche aber tanzen die Schrittfolgen mit einer bewundernswerten Leichtigkeit – einige sogar mit Spitzenschuhen. Das sind jene Schuhe, aus denen in Ballettfilmen gerne mal Blut tropft. Im Ballett Zentrum Mühlacker geht es allerdings weniger martialisch zu. „Wir üben die Schrittfolgen schon seit ein paar Wochen“, beruhigt mich Lió Mazzocato, die wohl mein angsterfülltes Gesicht gesehen hat. Schritt für Schritt erklärt sie mir die einzelnen Abfolgen, und als wir dann alle zusammen zur Musik tanzen, fühle ich mich trotzdem wie ein Troll unter Elfen. Irgendwie machen meine Beine nicht das, was mein Kopf ihnen sagt. Nach ein paar Wiederholungen wird es zwar besser, aber nicht gut. Spaß macht es trotzdem und anstrengend ist es auch. Ballett ist nicht nur Anmut und Grazie, sondern vor allem harte Arbeit für den Körper und für den Kopf.

Als die Stunde vorbei ist, habe ich die klassische Musik im Kopf und fühle mich gut. Beim Hinausgehen werfe ich noch einen Blick in den Spiegel. Ein bisschen sehe ich immer noch aus wie eine Ballerina. Ballett verbessert die Ausstrahlung und die Haltung, hat Lió Mazzocato vorhin noch gesagt. In meinem Fall könnte es allerdings auch nur am Dutt liegen.

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