Segelflieger nehmen sogar Ballast mit

Erfolgsrezepte: Junioren-Weltmeister Julian Klemm vom FSC Mühlacker braucht keine Weihnachts-Diät

Von Steffen-Michael Eigner Erstellt: 3. Januar 2018, 00:00 Uhr
Segelflieger nehmen sogar Ballast mit Segelflug-Weltmeister Julian Klemm schwört auf das Hefezopf-Rezept seiner Großtante Hannelore. Foto: Eigner

Wie genießen die Sportler der Region die stillen Tage, was kommt auf den Tisch? Dieser Frage geht das Mühlacker Tagblatt nach und entlockt den Athleten ein Lieblingsrezept. Diesmal haben wir Julian Klemm in Ötisheim besucht, der 2017 Junioren-Weltmeister im Segelfliegen geworden ist.

Ötisheim. Gewicht spielt beim Segelfliegen eine Rolle, das leuchtet ein. Die Vermutung liegt also nahe, ein erfolgreicher Pilot wie Julian Klemm im müsste Diät halten, damit sein Flugzeug und er möglichst leicht sind und ausreichend lange in der Luft bleiben. Doch weit gefehlt. Wenn der amtierende Junioren-Weltmeister der Clubklasse zu einem Flug aufbricht, dann nimmt er sogar extra Ballast in Form von Bleigewichten und Wasser mit an Bord.

„Es ist besser, wenn das Flugzeug schwerer ist, dann hat es mehr Energie“, erklärt Julian Klemm. Es erreiche also eine höhere Geschwindigkeit. Im Wettkampf gebe es deshalb auch kein Mindestgewicht, sondern ein zulässiges Höchstgewicht. Nur in einer Situation ist weniger Gewicht von Vorteil. „Bei schlechtem Wetter steigt ein leichtes Flugzeug besser. Wenn man also schon recht tief unten ist und keine Thermik findet, kann man von dem Wasserballast etwas ablassen und so den Flug etwas verlängern“, erklärt Klemm das Prinzip. Dennoch komme es bisweilen vor, dass es nicht mehr bis zum Flugplatz reicht.

„So eine Außenlandung ist gar nicht so selten, aber kein Problem“, sagt Klemm. Alles, was er braucht, um seinen Flieger sicher aufzusetzen, ist eine Wiese oder ein Feld, einigermaßen eben und mindestens 150 bis 200 Meter lang. „Und natürlich braucht man einen langen, freien Anflug.“ Kameraden müssen dann helfen, das Flugzeug zurück zum Flugplatz zu transportieren. Segelfliegen ist eben auch Teamsport. Schon für den Start ist ein mehrköpfiges Bodenpersonal nötig. „Wenn man dann mal oben ist, ist es wieder Einzelsport“, sagt Julian Klemm, der bei Wettkämpfen für den FSC Mühlacker antritt.

Der Rückblick auf das abgelaufene Jahr fällt natürlich rundum positiv aus: „Mit dem WM-Titel bei den Junioren habe ich das Größte erreicht, was man bisher erreichen konnte. Ich bin mit 2017 also sehr zufrieden, zumal ich vom Studium her mit Praxissemester sehr eingespannt war“, sagt Klemm, der im sechsten Semester Wirtschaftsingenieurwesen studiert. 2018 will er bei der WM der Senioren dabei sein, die im Juni im polnischen Ostrów stattfindet.

Im Winter fehlt die nötige Thermik zum Segelfliegen

Jetzt im Winter ist Julian Klemm aber selten in der Luft. Erstens gibt es derzeit andere Prioritäten als die Segelfliegerei. Demnächst stehen die Prüfungen zum Bachelor an. Außerdem fehlt es in der kalten Jahreszeit an den richtigen Bedingungen zum Segelfliegen. „Im Winter ist die Thermik allgemein nicht gut. Je nach Wetterlage kann man höchstens an der Odenwaldkante oder am Schwarzwald fliegen, wenn es Leewellen gibt.“

Unter einer Leewelle verstehen die Flieger den Luftstrom, der auf der windabgewandten Seite eines Bergrückens zunächst den Hang hinabgleitet, ehe er dann wieder aufsteigt. Diesen Aufwind nutzen die Segelflieger dann, um an Höhe zu gewinnen. Doch wirkliche Distanzflüge sind so kaum möglich.

„Man könnte natürlich auf andere Kontinente flüchten, zum Beispiel nach Namibia oder Argentinien“, sagt Julian Klemm. Doch derartige Reisen, für die das Segelflugzeug verfrachtet werden müsste, sind kostspielig und daher eher nichts für den 24-Jährigen, der neben dem Studium im Ötisheimer Gasthaus Lamm als Kellner jobbt. Den Winter nutzt Klemm deshalb lieber für Wartungs- und Reparaturarbeiten. „Außerdem gibt es an einem Segelflugzeug immer etwas zu tüfteln“, berichtet er von der ständigen Suche seiner Zunft nach noch besserer Aerodynamik.

Bei gutem Wetter bis zu zehn Stunden im engen Cockpit

Die Feiertage hat Julian Klemm mit der Familie verbracht. „Weihnachten fiel üppig aus“, sagt er mit Blick auf das Essen. „Traditionell gab es Sauerbraten bei der Oma.“ Für unsere Serie aber hat er sich ein anderes Rezept ausgesucht: „Den Hefezopf von meiner Großtante Hannelore esse ich sehr gerne“, sagt der 24-Jährige und präsentiert sein selbst frisch gebackenes Prachtexemplar.

Außer Form ist Julian Klemm aber nach den Weihnachtstagen keineswegs. Körperlich fit muss sich der Junioren-Weltmeister ebenso außerhalb der Saison halten, denn Segelfliegen ist auch Ausdauersport. „Ich gehe regelmäßig joggen, um das lange Sitzen im Cockpit auszuhalten. Bei gutem Wetter bin ich bis zu zehn Stunden in der Luft, und im Cockpit ist es eng und es wird ziemlich warm.“ Deshalb hat er stets ausreichend Verpflegung dabei. Etwas Obst und Müsliriegel, vielleicht auch ein belegtes Brötchen sind mit an Bord. Außerdem nimmt er mindestens vier Liter Wasser zum Trinken mit. Und wie wird man die Flüssigkeit dann wieder los? „Dafür hat jeder Pilot seine eigene Lösung“, sagt Klemm, ohne näher auf die pikante Frage einzugehen. Nur so viel verspricht er: „Es kommt nichts unten an.“

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