Julian Klemm: „Man kann nicht kurz rechts ranfahren“

WM-Sieger Julian Klemm über die große mentale und physische Belastung im Cockpit und die Suche nach warmen Luftpaketen

Von Maik Disselhoff Erstellt: 18. August 2017, 00:00 Uhr
Julian Klemm: „Man kann nicht kurz rechts ranfahren“ Julian Klemm.

Mühlacker/Ötisheim. Der Ötisheimer Julian Klemm (23) ist der neue Junioren-Weltmeister im Segelfliegen in der Clubklasse. Im Interview spricht das Aushängeschild des Flugsportclubs Mühlacker unter anderem über das gewisse Fingerspitzengefühl, das für den Erfolg unabdingbar ist, das Risiko und die speziellen Anforderungen seines Sports.

Gar nicht so einfach, ein Foto von Julian Klemm und seinem Sportgerät zu schießen. Teamkollege Stefan Langer (WM-Dritter) hat es geschafft, mal kurz auf den Auslöser zu drücken. Fotos: Langer/privatGar nicht so einfach, ein Foto von Julian Klemm und seinem Sportgerät zu schießen. Teamkollege Stefan Langer (WM-Dritter) hat es geschafft, mal kurz auf den Auslöser zu drücken. Fotos: Langer/privat

 

Herr Klemm, was bedeutet Ihnen der WM-Titel?

Der Weltmeistertitel ist der höchste Titel, den man erfliegen kann. Deshalb hat er natürlich eine große Bedeutung für mich.

 

Wie schon berichtet, hat Julian Klemm den Titel in Litauen gewonnen. Lesen Sie hier den Artikel dazu.

 

Welchen Anteil haben Zufälle wie Wind, Regen oder andere Außeneinflüsse am WM-Erfolg?

Für uns Segelflieger spielt der reine Wind nicht so eine große Rolle. Was wir brauchen, sind Aufwinde. Dabei handelt es sich um warme Luftpakete, die aufsteigen und von einem Segelflugzeug durch Kreisen genutzt werden können. Um den möglichst besten Aufwind, auch Thermik genannt, zu finden, benötigt man viel Erfahrung in Verbindung mit dem gewissen Fingerspitzengefühl. Je besser man die Thermik findet und ausfliegt, desto höher ist am Ende die Durchschnittsgeschwindigkeit über die Strecke. Bei großflächigem Regen lässt sich nicht an Segelfliegen denken, da in solchen Wetterlagen keine Thermik entsteht. Kleinere Regenschauer lassen sich jedoch umfliegen.

 

Ein Boxer muss vor einem Kampf intensiv trainieren und dabei physisch und mental an seine Grenzen gehen. Wie viel Trainingsfleiß steckt hinter Ihrem Erfolg?

Bei unserem Sport ist ebenfalls physische und mentale Stärke gefragt. Bei einem Wettbewerbsflug steht man teilweise bis zu sieben Stunden unter enormem Druck und muss ständig konzentriert bleiben. Da ist mentale Stärke sehr gefragt. Um die physischen Belastungen aushalten zu können, die die Hitze und das relativ enge Cockpit mit sich bringen, ist körperliche Fitness ebenfalls sehr wichtig.

Das Fliegerische trainiere ich in Trainingslagern und Wettbewerben über das Jahr verteilt. Von meinem Heimatflugplatz in Mühlacker aus versuche ich auch so oft es geht, Trainingsflüge zu starten. Ich habe bisher 1700 Flugstunden auf meinem Konto – das kommt nicht von heute auf morgen zusammen.

 

Was unterscheidet einen sehr guten Flieger von einem Piloten, der bei Wettbewerben meist hinten im Feld landet?

Konstante Tagesergebnisse sind in unserem Sport sehr wichtig. Aber man muss nicht jeden Tag gewinnen, um am Ende vorne zu stehen.

 

Ein 19-jähriger Segelflieger aus Fellbach ist Ende Juni auf der Schwäbischen Alb abgestürzt. Für ihn kam jede Hilfe zu spät. Ist Segelfliegen ein Hochrisikosport?

Nein. Die Wahrscheinlichkeit, dass einem beim Autofahren etwas passiert, ist deutlich höher. Man muss natürlich immer mit dem nötigen Respekt an die ganze Fliegerei herangehen. Wenn man in der Luft ist, dann kann man eben nicht einfach kurz rechts ranfahren und nachdenken, wie man mit einer kniffligen Situation umgeht.

 

Gab es bei der WM Situationen, wo Ihnen im Cockpit zumindest etwas mulmig wurde?

Vor dem Abflug befindet man sich manchmal mit bis zu 50 Flugzeugen in einem Aufwindpaket. Dort geht es natürlich sehr eng zu. Wenn jeder aufpasst und Rücksicht auf den anderen nimmt, ist das jedoch kein Problem.

 

Welchen Stellenwert hat der Segelflugsport in Deutschland?

Das ist eine gute Frage. Durch die Massensportarten wie Fußball rücken solche Randsportarten leider sehr in den Hintergrund. Dadurch gestaltet sich auch die Sponsorensuche sehr schwierig. Vielleicht findet ja ein kleiner Wandel statt. Dies würde ich natürlich sehr begrüßen.

 

Nervt es Sie, dass ihr Sport und dadurch ihre Leistung in der Breite kaum Beachtung findet?

Na ja, nerven klingt immer so penetrant. In den Segelflugkreisen wird die Leistung natürlich sehr geschätzt. Es wäre natürlich schön, wenn der gesamte Segelflugsport wieder etwas mehr in die Öffentlichkeit getragen würde. Das wäre natürlich auch für alle anderen Randsportarten wünschenswert.

 

Was sind Ihre nächsten Ziele, und ist vor dem Hintergrund Ihres jüngsten Coups auch ein WM-Sieg bei den Senioren denkbar?

Für den Winter steht erst einmal mein Studium im Vordergrund. Leistungssport und Studium sind nicht ganz so einfach unter einen Hut zu kriegen. Bei der WM im nächsten Jahr werde ich natürlich alles geben, um möglichst weit vorne mitzufliegen. Die „Senioren“ befinden sich meiner Meinung nach auch nicht in unerreichbarer Schlagweite.

 

Sie fliegen in der Clubklasse, daneben gibt es noch die Standardklasse – was ist der wesentliche Unterschied?

Die Flugzeuge in beiden Klassen haben eine Spannweite von 15 Metern. Die Standardklasse darf die Abflugmasse durch zusätzlichen Wasserballast bis auf 525 Kilogramm erhöhen. Wenn das Wetter gut ist, kann dadurch eine höhere Durchschnittsgeschwindigkeit erreicht werden. Bei der Clubklasse ist kein Wasserballast erlaubt. Diese Flugzeuge fliegen ungefähr mit Massen zwischen 350 und 400 Kilogramm durch die Lüfte.

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