Der Traum vom Fliegen

Mittrainiert: Beim FSC Mühlacker hebt MT-Mitarbeiterin Julia Klassen ab und bekommt den Steuerknüppel in die Hand

Von Julia Klassen Erstellt: 2. September 2017, 00:00 Uhr
Der Traum vom Fliegen Rasanter Start von null auf 100 in drei Sekunden: Julia Klassen hebt mit Fluglehrer Michael Wagner ab. Foto: Fotomoment

„Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein“, das behauptet nicht nur Reinhard May. Beim Flugsportclub Mühlacker hat sich MT-Reporterin Julia Klassen zwar nicht ganz so hoch, aber doch in die Lüfte begeben und festgestellt: Segelfliegen könnte tatsächlich süchtig machen.

Mühlacker. Er hat es tatsächlich getan. Michael Wagner hat losgelassen. Und nun sitze ich da, in 350 Metern Höhe, und habe einen Steuerknüppel in der Hand. Mir wird ein bisschen komisch zumute. „Nur Mut“, sagt mein Lehrer. Vorsichtig bewege ich den Hebel nach vorne. Das Flugzeug reagiert prompt. Es sinkt einige Meter tiefer. Also schnell zurück mit der Steuerung in ihre Normalposition. Der Segelflieger liegt nun wieder waagrecht in der Luft. Ich fliege. Ein tolles Gefühl. Allerdings auch nur, weil ich weiß, dass Michael Wagner hinter mir in Nullkommanichts eingreifen könnte.

Der 56-Jährige ist ehrenamtlicher Fluglehrer beim FSC Mühlacker und seit mehr als 42 Jahren begeisterter Segelflieger. Normalerweise bringt er den Mitgliedern des FSC Mühlacker das Fliegen bei. Heute bin auch ich seine Flugschülerin.

Rückblick: Pünktlich um neun Uhr stehe ich mit 20 weiteren Segelfliegern vor dem großen Hangar am Hangensteiner Hof. Segelfliegen ist kein Sport, den man „mal eben“ macht. Wer fliegen will, verbringt den ganzen Tag auf dem Segelfluggelände des FSC Mühlacker. „Unser Hobby ist zeitintensiv“, sagt Wolfgang Oehler, der zweite Vorsitzende des Vereins, „man ist als Flugschüler den ganzen Tag hier oben – und macht dann vielleicht drei Starts.“ Aber die Segelflieger machen das gerne. „Jeder wird gebraucht. Das gibt einem ein Gemeinschaftsgefühl“, weiß Wolfgang Oehler.

Sechs Leute, so sagt man, braucht man mindestens für einen Flugtag: den Flugleiter, den Fluglehrer, den Fahrer, der die Winde zum Hochziehen des Flugzeugs bedient, den Flugbetriebshelfer, einen Autofahrer für das Fahrzeug, das das Seil zurückholt – und einen, der in der Küche ein Mittagessen für die ganze Mannschaft zubereitet. „Der ist der Wichtigste“, scherzt Thomas Pöggel, der an diesem Tag der Flugleiter ist.

Bevor der erste Flieger abhebt, steht ein ausführliches Briefing aller Piloten und Piloten in spe an. Für den Nachmittag seien Gewitter mit Hagelschauer angekündigt, erläutert Thomas Pöggel. Man müsse schauen, wie sich das Wetter entwickelt und gegebenenfalls reagieren. Und zwar schnell. Fast allen ist noch das Unwetter vom Sommer 2013 in Erinnerung. Zwei Flugzeuge erlitten dabei schwere Hagelschäden und mussten verkauft werden. Dann steht der Vorflugcheck an. Dabei werden alle Flugzeuge, die an diesem Tag zum Einsatz kommen sollen, auf Herz und Nieren geprüft.

So langsam wird es ernst. „Runter kommen sie alle“, dieser – zugegebenermaßen ausgelutschte – Spruch geht mir durch den Kopf, als ich in die ASK 21 einsteige, den Doppelsitzer, der beim FSC Mühlacker für die Ausbildung eingesetzt wird. Doch Michael Wagner versichert mir, dass Segelfliegen ein sehr sicherer Sport sei. Weil man sich nicht auf die Technik verlassen muss. Schließlich gibt es keinen Motor, der ausfallen kann. Und unser Segelflugzeug mit seiner Flügelspannweite von 17 Metern würde trotz seines Gewichts von 370 Kilogramm niemals wie ein Stein vom Himmel fallen. Einen Fallschirm legen wir aber trotzdem an. „Sicherheit ist das A und O“, sagt Michael Wagner und erklärt mir dann die Instrumente. Das Cockpit ist übersichtlich: ein Höhen- und ein Fahrtmesser, ein Variometer zur Bestimmung der vertikalen Geschwindigkeit, ein Kompass sowie das „Flarm“, ein Sicherheitssystem, das Kollisionen vermeiden soll. Mein Lieblingsinstrument ist allerdings der Haubenfaden. Das ist tatsächlich ein Wollfaden, der mit Klebeband an der durchsichtigen Haube des Fliegers angebracht ist. Der Faden richtet sich im Flug wie eine Fahne entlang des Fahrtwindes aus. Um mit möglichst geringem Widerstand zu fliegen, steuert man so, dass er immer parallel zur Längsachse bleibt. Gutes kann manchmal so einfach sein.

Plötzlich geht ein Ruck durch das Flugzeug. Es geht los.

Am anderen Ende der Startbahn hat jemand die 280 PS starke Winde in Gang gesetzt, die nun das am Flugzeug angebrachte Stahlseil aufwickelt. Sie zieht uns wie einen Drachen nach oben. Von null auf 100 in drei Sekunden. Es drückt mich in den Sitz. So einen rasanten Start hätte ich nicht erwartet.

In etwa 350 Metern Höhe klinkt Michael Wagner das Seil aus und wir segeln. Wie schwerelos und ganz ruhig. Ich schaue nach unten, entdecke Enzberg, Niefern, Öschelbronn und Pinache, Dürrmenz natürlich, ich sehe den Sender. Im Segelflugzeug erfüllt sich der Traum vom Fliegen in seiner natürlichsten Form. Wie ein Vogel schweben wir durch die Luft. Michael Wagner erzählt mir, dass Streckenflieger, die sich auch im sportlichen Wettbewerb messen, 1000 Kilometer und mehr zurücklegen. Der Weltrekord liegt bei 3009 Kilometern und 15 Stunden Flugzeit.

So weit kommen wir an diesem Tag nicht. Da keine Thermik herrscht, sinken wir kaum merklich zwar, aber dennoch unaufhaltsam tiefer. Federleicht fühlt sich das an – bis mir Michael Wagner das Steuer übergibt.

Denn jetzt muss ich mich wirklich konzentrieren.

Obwohl es Spaß gemacht hat, bin ich froh, als der Fluglehrer das Steuer wieder übernimmt und den Landeanflug vorbereitet. Es ruckelt ziemlich, als der Flieger auf dem Rasen aufsetzt.

Sieben Minuten waren wir in der Luft. Die Zeit verging wie im Flug. Und trotzdem verstehe ich nun, warum Segelflieger einen großen Teil ihrer Freizeit für ihren Sport opfern. Der Traum vom Fliegen ist einfach zu schön.

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