Ein zähes Ringen

Mittrainiert: Beim Profiteam der KSV Ispringen Ringen GmbH ist MT-Reporterin Julia Klassen nur auf der Waage erfolgreich

Von Julia Klassen Erstellt: 1. Dezember 2018, 00:00 Uhr
Ein zähes Ringen Die richtige Leistungsklasse: Im Kampf mit dem zehnjährigen Levan hat Julia Klassen ihren Spaß. Foto: Fotomoment

Ringen ist eine der ältesten Sportarten der Welt. Der Kampf Mensch gegen Mensch fasziniert seit Jahrtausenden. In Ispringen gibt es eine Ringermannschaft, gespickt mit Olympiasiegern und Weltmeistern. MT-Mitarbeiterin Julia Klassen hat mittrainiert – und dabei so Einiges lernern können.

Gegen Alexander Leipold weicht Julia Klassen anfangs lieber zurück.Gegen Alexander Leipold weicht Julia Klassen anfangs lieber zurück.

Ispringen. Die Stunde der Wahrheit schlägt schon, ehe es überhaupt losgeht. Gleich am Eingang der alten Tennishalle in Ispringen steht sie: die Waage. Sie ist unbestechlich. An ihr führt kein Weg vorbei. Jeder Ringer, der die Halle betritt, stellt sich, leicht bekleidet, erst mal auf sie. Und da ich heute bei den Profiringern der KSV Ispringen Ringen GmbH mittrainieren darf, bleibt auch mir das Wiegen nicht erspart. Doch ich habe Glück. Wenn ich morgen einen Kampf hätte, könnte in meiner Gewichtsklasse starten, ohne mir Gedanken zu machen. „Du könntest sogar noch etwas essen“, sagt Alexander Leipold, der Trainer der Ispringer Ringer. Beruhigend, denke ich.

Die echten Ringer dagegen bewegen sich immer am Limit. An dem ihrer Gewichtsklassen. Wer vor dem Wettkampf zu viel auf die Waage bringt, ist raus. Weil es aber ein Vorteil ist, in einer niedrigeren Gewichtsklasse zu starten, beginnt rund eine Woche vorher der Kampf vor dem Kampf. Gewichtmachen nennt sich das, oder Abkochen. Nicht selten verlieren Ringer dabei mehrere Kilo in einer Woche durch Hungern, Dursten und Schwitzen. Und selbst, wer kurz vor dem Wiegen noch ein paar Gramm zu viel hat, muss nicht verzagen. „Da gibt es einige Tricks“, sagt Alexander Leipold. Sich komplett nackt auszuziehen, zum Beispiel. Oder sich kurz vorher noch auf den Kopf zu stellen, was auch noch bis zu 30 Gramm bringen soll.

Beides erlebe ich an diesem Abend nicht. Bei den Ispringer Ringern ist nämlich alles im Lot. Kein Wunder, sie sind Profis. Und die meisten sind erst heute, am Tag vor dem Wettkampf, angereist – aus Georgien, Russland, den USA, Moldawien, Armenien oder Ägypten. In der Deutschen Ringerliga (DRL), die Mitte 2016 nach jahrelangen Streitigkeiten der Bundesligaclubs mit dem Deutschen Ringer-Bund (DRB) von fünf Spitzenteams gegründet wurde, gehen überwiegend Ausländer an den Start – auch weil der DRB angekündigt hatte, jeden einzelnen Ringer an der DRL teilnehmender Vereine zu sperren.

Dafür treffe ich in der alten Ispringer Tennishalle nun auf absolute Weltklasse. Olympische Medaillengewinner, Weltmeister und Europameister werden sich gleich mit mir auf die Matte begeben. Nicht zu vergessen Alexander Leipold. Der zweifache Welt-, vierfache Europameister und Gewinner der Olympischen Spiele von Sydney ist bis heute das Aushängeschild des deutschen Ringens. Er war sieben Jahre lang Bundestrainer und ist seit der vergangenen Saison Coach in Ispringen. Auch seiner Strahlkraft ist es zu verdanken, dass so viele Topathleten in Ispringen auf die Matte gehen.

„Beim letzten Heimkampf hatten wir ein Olympisches Finale auf dem Programm“, sagt Diana Mehner, „und auch die restlichen Kämpfe hatten WM-Niveau.“ Diana Mehner ist die sportliche Leiterin der Ispringer Ringer und für die Verpflichtungen der Topstars verantwortlich. Sie lotst sie nach Ispringen, bucht Flüge, holt die Athleten an den Tagen vor den Kämpfen am Flughafen ab, organisiert die Unterbringung und all das, was sonst noch anfällt. „Der Google-Übersetzer hilft mir dabei“, verrät sie. Denn viele der osteuropäischen Sportler sprechen weder deutsch noch englisch.

Das ist allerdings beim Aufwärmen gar kein Problem. Alexander Leipold macht die Übungen vor und alle wissen, was zu tun ist. Bis auf mich natürlich. Inmitten der Modellathleten, die zwischen 59 und 130 Kilo auf die Waage bringen, fühle ich mich übrigens noch kleiner als ohnehin schon. Und dann das: Wir spielen Basketball. Das Spiel ist mir wohl bekannt. Nicht aber die „speziellen Ringerregeln“. Es geht sehr körperbetont zu. Um jeden Ball wird – natürlich – gerungen. Dass ich selten angespielt werde, ist mir da ganz recht. Doch die Jungs haben Spaß und mir wird zumindest vom hin- und herrennen schnell richtig warm.

Dann wird es ernst. Es geht auf die Matte. Alexander Leipold will mir ein paar „einfache Techniken“ zeigen. Und plötzlich schubst er mich. Hey!, denke ich noch und schubse zurück. Ich schubse ins Leere, denn Alexander Leipold ist mir einfach ausgewichen. Womit wir bei Lektion eins des Ringens wären: den Gegner aus dem Gleichgewicht bringen. „Ringen“, sagt Alexander Leipold, „ist wie Schach auf der Matte. Man muss immer die Reaktion des Gegners einberechnen und zwei bis drei Züge vorausschauen.“ Mehr als 100 Techniken gibt es, jeder Ringer entwickelt seine eigenen Strategien und passt diese auf den Gegner an.

Mein nächster Gegner heißt Levan, ist der Sohn eines Athleten und zehn Jahre alt. Wir sollen versuchen, uns gegenseitig von der Matte zu schieben. Ich hätte niemals gedacht, dass das so anstrengend ist. Immerhin wiegt er halb so viel wie ich. Dafür ist er allerdings scheinbar doppelt so stark. Danach liege ich auf dem Bauch und der Kleine soll mich auf den Rücken bringen. Sobald beide Schultern auf dem Boden sind, habe ich verloren. Und das passiert nach etwa drei Sekunden, obwohl ich mich mit Leibeskräften gewehrt habe. Aber auch ich schaffe es, ihn im Gegenzug auf den Rücken zu legen. Immerhin.

„Ringen ist die einzige Zweikampfsportart, bei der es nicht darum geht, den Gegner kampfunfähig zu machen“, erklärt mir der Alexander Leipold, der mehrere Bücher geschrieben hat und unter anderem Vorträge mit dem Thema „Wer nicht kämpft, hat schon verloren – Glaub‘ an dich“ hält.

Ich glaube an mich und versuche nun, den zweifachen Weltmeister mit einem Schulterwurf zu Boden zu bringen. Weil er sich freundlicherweise nicht besonders wehrt, klappt das sogar.

Als das Training vorbei ist, bin ich fix und fertig. Am nächsten Tag bekomme ich noch eine SMS von Alexander Leipold. Er schickt mir Bilder vom Wettkampf. Dazu schreibt er: „Du bist eine gute Ringerin.“ Ich gebe zu, ich bin ein bisschen stolz. Vielmehr: Ich könnte vor Freude an die Decke springen. Allein mein Muskelkater hindert mich daran.

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