„Voltigieren ist ein echter Allroundsport“

Im Trainingscamp von Pegasus Mühlacker fließt der Schweiß in Strömen – Junge Sportler trainieren mit viel Hingabe

Von Isabel Hansen Erstellt: 6. August 2018, 00:00 Uhr
„Voltigieren ist ein echter Allroundsport“ Brücke, Bogengang und Balance: Die Kür der Voltigierer vom RFV Zaisenhausen ist auch ein Kraftakt. Fotos: Hansen

Sieben Vereine, 80 Athletinnen, 20 Betreuer mit elf Pferden: Die Teilnehmer des viertägigen Trainingscamps, das der Voltigierverein Pegasus Mühlacker auf der Reitanlage in Zaisenhausen organisiert hat, wollen es genau wissen. Warum hapert es beim Aufgang? Wieso klappt die Rolle rückwärts beim Abgang nicht? Wie sieht ein perfekter Stand auf dem Pferderücken aus?

Mühlacker/Zaisenhausen. Beim mehrfachen Landesmeister sind die jungen Sportler in den besten Händen. Doch das muntere Treiben trügt auch ein wenig: Gerne würde der Verein mehr Nachwuchs im Breitensport fördern.

Noch eins, noch eins, und noch eins – bei Mara Angelè und Liv Engelhardt vom PSV Eschelbach dreht sich alles. Die beiden schlagen ein Rad nach dem anderen, so dass einem schon vom Zuschauen schwindelig werden könnte. Weckruf um 6.30 Uhr, Frühstück um sieben Uhr, Training von 8.30 Uhr bis 12 Uhr und von 14 bis 18 Uhr und dann noch Theorie büffeln – für die Achtjährigen vom PSV Eschelbach trotz Ferien kein Problem. Ist doch ganz einfach: „Ich voltigiere, weil es Spaß macht“, sagt Liv. Ihr Ziel haben die Mädchen klar vor Augen. Am heutigen Montag wollen sie das Vierer-Voltigierabzeichen bestehen. Neben Grundsitz, Knien oder einer Fahne müssen sie ohne fremde Hilfe auf ein galoppierendes Pferd springen, was gar nicht so leicht ist. Denn natürlich ist das Pferd viel größer als Mara und Liv. Sie müssen die Arme weit nach oben strecken, um an den Griff des Voltigiergurtes zu kommen, und auch der Abgang erfordert einiges an Überwindung. Das Bein über den Kopf des Pferdes heben, am Gurt festhalten, und dann beträgt die Entfernung zum Boden trotzdem noch einen halben Meter. Da hält sich die erst fünfjährige Sarah Welz lieber noch ein paar Sekunden am Gurt fest und hängt in der Luft, bevor sie den Absprung schafft. Ihren Ersten im Galopp – die Longenführerin hatte vergessen, Capri zum Schritt durchzuparieren.

Beim Voltigierverein Pegasus Mühlacker stapeln sich die Pokale und Medaillen in einer Kiste auf der Tribüne. Nur zwei von vielen Siegerschärpen der Landesmeisterschaften wurden am Eingang der Reithalle in Dürrmenz aufgehängt. Bei der Sportlerehrung des Mühlacker Tagblattes sind die Pegasus-Sportler Stammgäste, die schon einmal für eine spontane artistische Einlage auf der Bühne gefeiert wurden. Damit das so bleibt, würde der Verein mit derzeit 50 Aktiven, vier Turnier- und einer Newcomer-Gruppe gerne mehr Nachwuchs in den eigenen Reihen sehen.

Trotz teurer Pferdehaltung ist Voltigieren im Verein kein elitärer Sport. „Mitgliedsbeitrag oder Zeltlager – dass kann sich jede Familie leisten. Die Kinder müssen nur Spaß an der Bewegung mitbringen“, betont Pegasus-Vorsitzende Antonia Schubert, die auch die S-Turniergruppe trainiert. „Voltigieren ist ein echter Allroundsport – es schult Beweglichkeit und Balancegefühl, Teamgeist und Takt, Kraft und Kondition. Bei dem Umgang mit dem Pferd sind außerdem Ruhe, Verantwortungsbewusstsein und Zuverlässigkeit gefragt.“

Um über die verschiedenen Klassen von E (Einsteiger) über A (Anfänger), L (leicht), M (Mittel) bis in eine S-Gruppe (Schwer) zu gelangen, gehört in jedem Fall eine Menge Geduld und Ausdauer. „Es kann schon ein bis zwei Jahre dauern, bis man allein aufs Pferd kommt. Auch Stehen im Galopp ist keine Sache von Wochen, sondern eher von Jahren“, erklärt Schubert. Überhaupt sei die Bezeichnung Anfänger etwas irreführend: Wer in einer A-Gruppe startet, voltigiert in der Regel bereits mehrere Jahre.

So wie Tamara Betz (13), die seit sechs Jahren dabei ist, und Anna Coletti (15), die sieben Jahre Erfahrung mitbringt und außerdem noch seit zehn Jahren turnt. „Spannung“, „Kopf hoch“: Trainer Michael Walker feilt bei der Pflichtübung Fahne an Feinheiten. „Kompakter einrollen und schneller strecken“, verbessert er Tamara, die sich erstmals an einer Rolle als Abgang versucht. Zwei Versuche enden mit unfreiwilligem Bodenkontakt, der dritte Anlauf sieht vielversprechend aus. Auch die Kür der Mitglieder vom RFV Ludwigsburg-Oßweil zeigt: Hier sind keine Anfänger am Werk. Stehen, Handstand, Waage, miteinander, übereinander, nebeneinander. Auch ohne Musik und Thema macht die Akrobatik auf dem Wallach Limoncello mit einem Gardemaß von 1,80 Meter bis zum Widerrist Eindruck. Anstrengung und Konzentration stehen den Mädchen ins Gesicht geschrieben. Voltigieren ist kein Sport zum Sitzen und Ausruhen.

Das wird auch bei Trainerin Petra Kirchner deutlich. „Du musst im Takt bleiben. Nun fang schon an! Soll das Pferd für die Deutsche Meisterschaft galoppieren, während Du es Dir gemütlich machst? Dafür ist es viel zu heiß.“ Das gilt wohlgemerkt fürs Pferd, nicht für die Voltis. Während Fuchswallach Kapitän Cook, das ehemalige Turnierpferd von Pegasus, eine Pause einlegen darf, müssen die Mitglieder der L-Gruppe vom RV Fellbach schwitzen. In den Liegestütz, mit dem Beinen rankrabbeln, mit den Händen wegkrabbeln, in den Liegestütz und von vorne, solange bis nach 20 Metern das andere Ende der kurzen Seite der Reithalle erreicht ist. Die Köpfe sind rot, der erste Gang nach der Übung führt zur Wasserflasche.

Zum Trainings-Camp gehört auch der richtige Umgang mit dem Pferd, beispielsweise beim Longier-Lehrgang. Ein Pferd, das sich beim Turnier entspannt, ruhig und gut gymnastiziert präsentiert, ist mittlerweile ein wichtiger Erfolgsfaktor und fließt in die Gesamtwertung ein. „Bei der Deutschen Meisterschaft bewerten zwei von sechs Richtern nur das Pferd“, erklärt Schubert.

Seit knapp 30 Jahren organisiert Pegasus das Zeltlager, das nicht nur zu einem der ersten Trainingscamps, sondern auch zu einem der größten in Baden-Württemberg gehört. Petra Kirchner, Michael Walker und Hans Reinhardt – externe Referenten gehören dabei seit jeher neben der eigenen Expertise zum Konzept. „Jeder Trainer sieht andere Fehler. Dabei suchen wir die Trainer nicht nur nach sportlichen Erfolgen aus. Michael Walker beispielsweise war auf der Deutschen Meisterschaft Vierter im Pas de deux, sondern auch danach, ob sie gut und verständlich korrigieren können“, betont Schubert.

Beim Zeltlager hat Pegasus der Erfolg in punkto Teilnehmerzahl möglicherweise auch einen Strich durch die Rechnung. „Durch die Teilnahme an der Deutschen Meisterschaft mussten wir den Termin für das Zeltlager verschieben. Am üblichen Termin hätten wir wohl ein Drittel mehr Anmeldungen gehabt“, so Schubert.

Weiterlesen
Weihnachtsreiten

Weihnachtsreiten

Mühlacker (pm). Die Reitabteilung des TV Mühlacker veranstaltet am kommenden Sonntag in der geschmückten Reithalle „Auf der Wasserhalde“ in Mühlacker ihr traditionelles Weihnachtsreiten. Ab 14 Uhr werden diverse Vorführungen der… »