Nostalgie auf acht Rollen

Mittrainiert: Beim RRMSV Kieselbronn erlebt MT-Mitarbeiterin Julia Klassen den Rausch der Geschwindigkeit – zumindest fast

Von Julia Klassen Erstellt: 17. Februar 2018, 00:00 Uhr
Nostalgie auf acht Rollen Gruppenbild mit Rollen: Trainer Klaus Katzer mit Julia Klassen, die im sicheren Stand mit Akrobatik überzeugt, und Sportlerinnen des RRMSV Kieselbronn. Fotos: Fotomoment

Im südkoreanischen Pyeongchang kämpfen derzeit auch die Eiskunstläufer um olympische Medaillen. Eiskunstlauf kann man beim RRMSV Kieselbronn zwar nicht betreiben, aber etwas ganz Ähnliches. Allerdings auf Rollen statt auf Kufen. Und kalt ist es auch nicht. MT-Mitarbeiterin Julia Klassen hat sich im Rollkunstlauf versucht.

Wie auf Eiern, macht aber großen Spaß.Wie auf Eiern, macht aber großen Spaß.

Kieselbronn. Ich erinnere mich noch ganz genau an mein erstes Paar Rollschuhe. Sie waren knallrot mit zwei weißen Streifen an der Seite. Ich war damals vielleicht acht Jahre alt, hatte sie von meiner Cousine geerbt und habe sie geliebt. Mit ihnen bin ich die Öschelbronnerstraße in Dürrmenz hinuntergesaust, ohne Rücksicht auf Verluste und ohne Helm. Angst hatte ich keine. Richtig schlimm hingefallen bin ich nie.

Etwa 30 Jahre später sitze ich in der Sporthalle von Kieselbronn und habe wieder Rollschuhe an den Füßen. Dieses Mal sind sie weiß statt rot und ein paar Nummern größer. Früher wäre ich einfach aufgestanden und losgefahren. Heute bleibe ich sitzen. Zumindest bis Klaus Katzer den Startschuss gibt. „Fangen wir an“, sagt der Trainer des RRMSV Kieselbronn und lächelt mir aufmunternd zu. Klaus Katzer ist 61 Jahre alt und bewegt sich auf seinen Rollschuhen wie ein junger Gott. Mit zehn Jahren startete seine Rollkunstlaufkarriere, in der er es bis zum deutschen Meistertitel im Paarlaufen brachte. Seit über 30 Jahren wohnt der gebürtige Viernheimer in Kieselbronn. Und seitdem ist er auch beim RRMSV aktiv.

Ich stehe also auf und fühle mich als würde ich auf Eiern gehen. Auf Eiern, die auf Glatteis liegen. Auf frisch gewischtem Glatteis. Mit Schmierseife. Vorsichtig rolle ich ein wenig nach vorne und frage mich, wo eigentlich meine Schutzausrüstung ist. Helm, Knieschoner, Polster am Hintern, Ganzkörperschutzanzug und so. „Das gibt es bei uns nicht“, sagt Klaus Katzer und lacht. Selbst die Jüngsten, und die sind beim RRMSV gerade einmal drei Jahre alt, fahren ohne Schoner. Das war mir nicht bekannt. „Hinfallen kann man lernen“, erklärt der Trainer. Na gut, denke ich.

Jetzt will ich sowieso erst mal laufen lernen. Meine Mitstreiterin ist Heidi, die heute auch ihre allererste Schnupperstunde macht. Allerdings besitzt sie immerhin eigene Rollschuhe – mit denen sie aber nicht ganz zufrieden ist. „Wenn ich dabeibleibe, kaufe ich mir richtige“, sagt sie. Je nachdem für welche sie sich dann entscheidet, müsste Heidi dafür dann ziemlich tief in die Tasche greifen. „Richtig gute Rollschuhe kosten um die 300 Euro“, sagt Klaus Katzer, „aber man kann natürlich auch mit einfacheren oder mit gebrauchten Schuhen Spaß haben.“ Rollschuhlaufen kommt langsam aber sicher wieder in Mode. In Berlin, erzählt Klaus Katzer, gibt es seit kurzem sogar wieder eine Rollschuhdisko. Bis ich mich dahin wagen könnte, dürfte es noch eine Weile dauern, aber die ersten Runden sind gedreht und so langsam bekomme ich ein Gefühl für die Rollschuhe. Auch wenn sie sich immer noch ein bisschen anfühlen wie Klötze an den Beinen. Abwechselnd sollen wir nun jeweils einen Klotz, pardon, einen Fuß, nach oben nehmen und kurz auf einem Bein gleiten. Gar nicht so einfach. Dabei bin ich doch mit weniger als Schrittgeschwindigkeit unterwegs. Danach üben wir den sogenannten Eierlauf. Dabei beschreibt man mit den Rollschuhen eine Eiform auf dem Boden. Die Beine gehen immer wieder auseinander und zusammen. Dadurch bekommt man ganz schön Schwung. Das macht Spaß, vor allem weil ich beide Beine auf dem Boden behalten kann. Und ich werde plötzlich richtig schnell. Das denke ich zumindest, bis die erfahreneren Läuferinnen an mir vorbeidüsen. Ich fühle mich gerade trotzdem richtig gut, als Klaus Katzer die nächste Übung erklärt. Nun sollen wir auf jeweils einem Bein gleiten und das andere elegant nach hinten strecken. Strecken geht, elegant nicht. Man kann nicht alles haben im Leben. Dafür komme ich jetzt echt gut voran – das sind meine Gedanken, bevor es mich plötzlich aushebelt und ich auf dem Boden der Realität lande, beziehungsweise auf dem der Kieselbronner Sporthalle. Und der ist hart. Ich habe mich kurz ablenken lassen. Der Sturz ging direkt aufs Steißbein. Ich stehe auf und lasse mir nichts anmerken. „Alles o.k.“, sage ich. „Autsch“, denke ich. „Man muss immer einmal mehr aufstehen als hinfallen“, sagt der Trainer. Das klingt zumindest logisch.

Mund abputzen, weitermachen. Ich versuche es gleich nochmal. Klaus Katzer nimmt mich vorsichtshalber an die Hand, bis ich wieder sicherer werde.

Wenn ich mein schmerzendes Steißbein mal ausblende, macht es wirklich richtig Spaß. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, wie viel Training und Fleiß dahinterstecken muss, damit man so gut fahren kann, wie es die Frauen der Erwachsenengruppe tun. Meinen Respekt haben sie jedenfalls. Hinfallen sehe ich an dem Abend übrigens keine. Stattdessen drehen sie sich, üben kleinere Sprünge und Standwaagen. Wie beim Eiskunstlauf, nur im Warmen. Und sie bewegen sich auf den acht Rollen, als ob es das Einfachste auf der Welt wäre. „Mit regelmäßigem Training hat man das schnell raus“, sagt Klaus Katzer, „und irgendwann geht das wie von allein.“

Ich persönlich belasse es für heute beim im Kreis fahren. Als ich die Rollschuhe ausziehe, fühle ich mich plötzlich ganz leicht und noch kleiner als sonst. Ich schlüpfe in meine Sneakers und habe das Gefühl, der Boden unter mir bewegt sich. Auf dem Weg nach Hause denke ich an meine roten Rollschuhe und werde ein bisschen nostalgisch. Die liegen vermutlich irgendwo im Keller meiner Eltern und warten darauf, dass sie jemand wiederentdeckt. Mir passen sie leider nicht mehr. Und bevor ich mich das nächste Mal auf acht Rollen wage, muss ich mir sowieso erst mal Gedanken machen. Darüber, wie ich ein kleines Polster ganz unauffällig an meinem Steißbein platzieren könnte.

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