Wieder nur ein Strohfeuer?

Durch die Weltmeisterschaft im eigenen Land findet der Handballsport wieder den Weg in die breite Öffentlichkeit

Von Silas Schüller Erstellt: 2. Januar 2019, 00:00 Uhr
Wieder nur ein Strohfeuer? Der Ball bleibt liegen: Im Januar werden die Mühlacker Handballer aufgrund der Weltmeisterschaft kein Ligaspiel absolvieren. Foto: Schüller

Am 10. Januar beginnt die Handball-Weltmeisterschaft, die in Deutschland und Dänemark ausgetragen wird. Die Vergangenheit hat dabei gezeigt, dass das mediale Interesse nicht immer positive Nebeneffekte für die Basis schafft.

Mühlacker. Man schrieb das Jahr 2007. Die Deutschen hatten gerade erst die Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land gewonnen, ehe wenige Monate später die Heim-WM der Handballer vor der Tür stand. Angeführt von Trainer Heiner Brandt, dem charismatischen Schnauzbartträger, eilten die Gastgeber von Sieg zu Sieg und stoßen bis ins Finale vor.

In Köln setzten sich die Deutschen dann gegen Polen die Krone auf und schrieben ihr eigenes „Wintermärchen“. Was folgte, war ein Handballhype, der den (Ball-)Sport, der oftmals als Nummer zwei hinter dem Fußball angesehen wird, wieder ins mediale Rampenlicht stellte. Die Erwartungen, dass davon – man denke an den Tennis-Boom in den 1980er-Jahren – auch die Amateurvereine profitieren könnten, bewahrheiteten sich allerdings nicht, berichtet Thomas Ufrecht, der schon damals als Erster Vorsitzender beim HC Blau-Gelb Mühlacker die Szene im Blick hatte. „Da hat sich jeder viel erhofft, aber mehr als ein kleiner Hype war das nicht“, erklärt Ufrecht. Langfristig habe sich zumindest bei Blau-Gelb kaum etwas geändert. Zwar seien in der Folgezeit ein paar Interessierte zu den Trainingseinheiten gekommen, doch richtige Neuzugänge habe es nicht gegeben. So betrachtet der Handballenthusiast, der als Dauerkarteninhaber häufig nach Göppingen fährt, um bei „Frisch Auf“ Bundesligaspiele zu sehen, den damaligen Erfolg „mehr als Strohfeuer, der an der Basis leider wenig bewirkt hat“. Ein Blick in die Mitgliederstatistik des Deutschen Handball Bundes (DHB) beweist, dass die WM 2007 im Land durchaus einen positiven Effekt hatte: Zählte der DHB vor dem Turnier knapp 820000 Mitglieder, so waren es zwölf Monate später schon 842000 und zum Jahreswechsel 2009 sogar 847000. Das Problem: In den folgenden Jahren ging die Mitgliederzahl stetig zurück, erst 2016 stabilisierten sich die Werte bei etwa 760000 Mitgliedern.

Zwölf Jahre später stellt sich daher wieder die Frage, was ein Turnier im eigenen Land entfachen könnte. „Ich traue den Deutschen alles zu“, sagt Ufrecht. „Es gibt keine große Erwartungshaltung, und außer den Franzosen, die den besten Kader haben, gibt es keine großen Favoriten“.

Was dem selbstständigen Unternehmer dabei sauer aufstößt, ist die Vergabe der Austragungsorte: „Es wird unter anderem in Berlin, Hamburg, München und Köln gespielt, obwohl Köln und München keine erstklassigen Clubs haben und gar keine Handballstädte sind.“ Er bedauert die Entscheidung, die SAP-Arena in Mannheim, wo die Rhein-Neckar Löwen zu Hause sind, außen vor zu lassen. Denn damit hätten Zuschauer aus dem Südwesten lange Anfahrtswege zu den vier deutschen Hallen, und Hobbyhandballer, die mit ihren Mannschaften wegen der WM im Januar eine „Zwangspause“ einlegen, könnten die Partien nicht vor Ort verfolgen. „Aber genau das war ja Idee hinter den ganzen Spielverlegungen, die die Vereine in Bredouille bringen“, ärgert sich Ufrecht, der mit dem Bezirksliga-Team erst Anfang Februar wieder einen Gegner in der Enztalsporthalle empfängt. Fast zwei Monate werden die Blau-Gelben dann kein Pflichtspiel mehr bestritten haben, während die Konkurrenz vornehmlich an WM-freien Tagen in die Rückrunde startet. Nichtsdestotrotz helfe die Aufmerksamkeit, die in der zweieinhalbwöchigen Turnierzeit entsteht, dem Sport: „Es ist wichtig, dass die Medien berichten und Öffentlichkeit schaffen“, betont Ufrecht.

Leider habe der Profi-Handball seit Langem mit seiner unzureichenden Präsenz im Fernsehen zu kämpfen. Vor allem die Öffentlich-Rechtlichen Sender, die zwar die männliche Nationalmannschaft bei den Turnieren begleiten, die Bundesliga aber kaum mit Liveübertragungen präsentieren, müssten eine größere und regelmäßigere Berichterstattung fahren. „Wenn die dritten Programme Drittliga-Fußball zeigen und das Derby zwischen Göppingen und den Löwen nur im Pay-TV läuft, ist das schon bedenklich“, bemerkt der Blau-Gelb-Vorstand. Umso mehr komme es nun auf die Weltmeisterschaft an, den Handball als attraktiven Sport in der breiten Masse zu platzieren.

„Bisher ist es uns nicht gelungen, die vorhandenen Vorzüge gegenüber dem Fußball richtig herauszustellen“, erzählt Ufrecht. Denn mit 60 Minuten durchgängiger Action, weniger Distanz zwischen Zuschauern und Spielern, Fairness auf dem Platz und der Tribüne sowie jeder Menge Tore gebe es einige Gründe, die für den Handball sprechen.

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