Haltung bewahren!

Mittrainiert: Beim Cantienica-Training in Mühlacker bekommt MT-Mitarbeiterin Julia Klassen ein ganz neues Körpergefühl

Von Julia Klassen Erstellt: 9. März 2019, 00:00 Uhr
Haltung bewahren! Sich richtig aufzurichten, ist gar nicht so leicht: Diese Erfahrung macht unsere Mitarbeiterin Julia Klassen beim Cantienica-Training, das dazu dient, die Wirbelsäule „aufzuspannen“. Fotos: Fotomoment

Rückenschmerzen sind das Volksleiden Nummer eins. Wer sie hat, weiß, wie schwer es ist, sie wieder loszuwerden. Wer langfristig schmerzfrei sein will, muss konsequent sein. Zum Beispiel beim Cantienica-Training in Mühlacker.

Mühlacker. Eine schlechte Haltung ist nicht gut, das ist bekannt. Rückenschmerzen, Gelenkschmerzen und Verletzungen können die Folgen sein. Wenn die Beschwerden erstmal da sind, greifen viele Menschen – ich zum Beispiel – leichtfertig zum Schmerzmittel. Dann verschwinden die Symptome zwar kurz, doch die Wurzel des Übels bleibt. Und die sitzt meist nicht dort, wo der Schmerz spürbar ist.

„Ein Teufelskreis“, sagt Irina Töltl, „dabei sollte der Schmerz eigentlich unser Freund sein, denn er macht uns darauf aufmerksam, dass im Körper etwas nicht stimmt.“ Und genau da sollte man ansetzen. Die Heilpraktikerin, Schmerztherapeutin und Osteopathin aus Mühlacker kennt eine Methode, mit der viele auf Dauer ohne Schmerzmittel auskommen können. „Cantienica-Methode für Körperform und Haltung“, erklärt sie, „ist eine Anleitung zur Selbstheilung bei Schmerzen aller Art im Bewegungsapparat.“

Für alle Rückengeplagten, zu denen ich mich leider auch zähle, klingt das verheißungsvoll. Allerdings ist der Weg zur Schmerzfreiheit ein langer und erfordert viel Übung und Konsequenz. Das merke ich, als mir Irina Töltl vor dem Kurs in den Räumen der Musikschule Gutmann in Mühlacker eine Einweisung in die Methode gibt, die die Schweizerin Benita Cantieni Ende der 1990er Jahre entwickelt hat. Vereinfacht gesagt geht es bei der Cantienica-Methode darum, das Skelett optimal auszurichten und es in seinen Tiefenmuskeln zu befestigen. „Die Wirbelsäule wird zwischen der Beckenbodenmuskulatur und dem Kronenpunkt, dem höchsten Punkt des Körpers, aufgespannt“, erklärt Irina Töltl. Ein Hauptaugenmerk der Cantienica-Methode liegt auf dem Beckenboden.

Den kennen die meisten Frauen aus der Rückbildungsgymnastik nach einer Geburt. Wie wichtig er auch im normalen Leben nicht nur für Frauen ist, erklärt mir Irina Töltl anhand eines Filzstoffmodells. Der Muskel ist vorne mit den Bauch- und hinten mit den Rückenmuskeln vernetzt und spielt so eine wichtige Rolle im inneren Gleichgewicht.

Der zu erwartende Effekt des Trainings klingt vielversprechend: Zwischen den Wirbeln entsteht mehr Raum, die Bandscheiben werden gedehnt, die Muskeln miteinander vernetzt. „Unser Körper besteht nicht aus Einzelteilen“, betont die 44-Jährige, „alles in ihm ist miteinander verbunden.“ In der Praxis gestaltet sich die Einnahme der korrekten Haltung allerdings nicht ganz leicht. Immer wieder leitet mich Irina Töltl an. Mal sind die Schultern zu weit oben, mal das Becken zu weit hinten. Doch unter Anleitung der Cantienica-Instruktorin gelingt es mir, mich aufzurichten – und das fühlt sich richtig gut an. Genauso wie die richtige Atmung: Niemals in den Bauch hinein. „Wieso auch?“, fragt Irina Töltl: „Der Bauch ist kein Atmungsorgan. Wer in den Bauch atmet, drückt alles nach unten, Leber, Herz, Lunge, Magen und Zwerchfell, so kann man sich nicht aufrichten.“

Und aufgerichtet bin ich nun. Ich fühle mich auch irgendwie größer als sonst. Irina Töltl bestätigt das: „Seit ich mit der Cantienica-Methode arbeite und trainiere, bin ich um drei Zentimeter gewachsen“, sagt sie und verhilft mir dann wieder zu einer aufrechten Haltung. Denn wie von selbst sind meine Schultern wieder nach vorne gekippt. „Man ändert nicht von heute auf morgen etwas, das man sein Leben lang so gemacht hat“, sagt sie. Deshalb sei das kontinuierliche Training so wichtig. „Die rückenfreundliche Aufspannung wird so lange trainiert, bis sie zur Gewohnheit wird und man nicht mehr ständig daran denken muss“, erklärt Irina Töltl.

Dafür, dass der Kurs erst jetzt beginnt, habe ich schon eine Menge gelernt. Die restlichen Teilnehmer, Männer und Frauen verschiedenen Alters und mit ganz unterschiedlichen Vorgeschichten und (Schmerz-)Problemen, trainieren seit mehreren Monaten nach der Cantienica-Methode. Unter ihnen sind Menschen mit Bandscheibenproblemen, Beckenbodenschwäche, Organsenkungen, Arthrose oder solche, die Operationen hinter sich haben.

Axel Hecker aus Pforzheim ist seit einem Jahr dabei. Er hatte einen Bandscheibenvorfall und konnte zu Beginn kaum aufrecht stehen. Mittlerweile ist er so gut wie schmerzfrei und um eine Operation herumgekommen. Er strahlt, wenn er davon erzählt, betont aber auch, dass das Training „viel Konzentration und Konsequenz erfordert“.

Wie im richtigen Leben arbeiten wir uns auch in dieser Stunde von unten nach oben. Beginnend bei den Füßen. Mit zwei Bällen werden die Fußsohlen sanft massiert und gelockert. Dann nehmen wir die Füße in die Hand und wringen sie aus wie ein Handtuch. Am Anfang fühlt sich das noch komisch an, doch schon bald stellt sich ein angenehmes Gefühl ein. Als der rechte Fuß ausgewrungen ist, machen wir die Probe und stellen uns auf ein Bein. Erst auf den Fuß, den wir bearbeitet haben. Das geht wunderbar. Auf dem linken Fuß, der noch nicht dran war, wackle nicht nur ich herum wie auf Eiern. Verblüffend. Und so geht es weiter. Wir lassen die Bälle über die Beine, die Hüfte bis hoch zu den Armen wandern und achten immer wieder auf die korrekte Haltung. Auch wenn wir nach außen kaum sichtbare Bewegungen machen, kann ich eine gewisse Anstrengung nicht leugnen. „Morgen gibt das vielleicht ein Muskelkätzchen“, sagt Irina Töltl. Das klingt irgendwie nett. Dafür aber breitet sich mit jeder Übung – rund 600 davon hat die Cantienica-Methode zu bieten – mehr Leichtigkeit in meinem Körper aus.

Irina Töltl leitet ihre Teilnehmer immer wieder zur korrekten Ausführung der einzelnen Übungen an und beschreibt exakt, was zu tun ist. Es erfordert viel Konzentration, so dass meine Gedanken gar keine Möglichkeit haben abzuschweifen, ich bin komplett auf die Übungen, auf meinen Körper fokussiert. „Am Anfang“, sagt Irina Töltl, „ist das gar nicht so einfach. Aber der Körper merkt sich sehr schnell die Haltung, die ihm gut tut, und fordert sie selbst ein. Und das ist das Ziel. Die Besonderheit der Methode ist es, dass man die Übungen auch unauffällig in den Alltag einbauen kann. Morgens im Bett, beim Autofahren, beim Arbeiten, beim Einkaufen, beim Zähneputzen oder wenn der Schmerz sich mal wieder meldet – Haltung zu bewahren, ist immer gut. Die Gelenke werden entlastet, die Mobilisation macht Sehnen, Faszien und Bänder geschmeidig und erlaubt beschwerdefreie Bewegungen, verspricht die Therapeutin. „Ich gebe den Teilnehmern Hilfe zur Selbsthilfe. Ich korrigiere sie nicht, sondern leite sie an, damit jeder die Veränderungen in seinem Körper selbst vollzieht“, betont sie.

Wir wechseln auf den Boden. Die Hoffnung, dass es dort weniger anstrengend wird, zerschlägt meine Nachbarin gleich. „Das wird nicht einfacher“, sagt sie und lacht. Sie hat recht. Doch die Übungen entfalten in verblüffender Art und Weise ihre Wirkung, was wir beim „Nachspüren“ auch gleich merken.

Als die Stunde zu Ende ist, sind meine Rückenschmerzen tatsächlich ein bisschen besser geworden. Im Laufe des Tages, beim Arbeiten am Computer oder beim Autofahren richte ich mich immer wieder auf. Meine Haltungsnoten sind heute super. Mein Rücken wird es mir danken.

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