Haltung bewahren!

Mittrainiert: Bei den Baden Bisons in Ispringen lernt Julia Klassen, dass Armdrücken alles andere als ein Kneipensport ist

Von Julia Klassen Erstellt: 13. April 2019, 00:00 Uhr
Haltung bewahren! Kurz vor ihrem ersten und einzigen Armwestling-Sieg im Training bei den Baden Bisons des KSV Ispringen hat Julia Klassen noch gut lachen – danach macht ihr Gegner ernst.Fotos: Fotomoment

Jeder kennt es, viele haben es selbst schon einmal ausprobiert: Armdrücken – der Kampf Mensch gegen Mensch. Was gemeinhin eher als Kneipensport bekannt ist, hat auch eine ernsthafte Variante. Armwrestling nennt sich das Ganze und wird bei den Baden Bisons in Ispringen betrieben. MT-Mitarbeiterin Julia Klassen hat mittrainiert.

Ispringen. Der feste Händedruck lässt mich zusammenzucken. „Autsch“, sage ich. Lothar Hoppe lacht – und drückt noch ein bisschen fester zu. Der Mann hat Kraft. Seine Hand, man könnte auch Pranke sagen, ist riesig. Lothar Hoppe ist 77 Jahre alt. Er ist Teambetreuer bei den Baden Bisons und im Armdrücken macht ihm so schnell keiner was vor. Wobei Armdrücken eigentlich nicht die richtige Bezeichnung ist. Was die Männer in dem kleinen Trainingsraum in Ispringen machen, nennt sich Armwrestling und hat mit dem klassischen Armdrücken, das man aus Kneipen und von Stammtischen kennt, wenig zu tun. „Armwrestling“, sagt Lothar Hoppe, „ist ein Sport, für den es sehr viel Technik braucht.“ Nur dicke Arme reichen dafür nicht aus.

Das ist meine Chance, denke ich. Denn Kraft ist nicht gerade meine Stärke. Und die richtige Technik könnte ich heute, beim Training der Baden Bisons, lernen. So nennen sich die Mitglieder der Armwrestling-Abteilung des KSV Ispringen.

Armwrestling ist in Deutschland erst seit Mitte der 1980er Jahre bekannt. Auslöser für einen kleinen Armdrück-Boom war damals der Actionstreifen „Over the Top“ mit Sylvester Stallone im Jahr 1987. Der Film handelt vom Lkw-Fahrer Lincoln Hawke, der versucht, seinen entfremdeten Sohn zurückzugewinnen und Weltmeister im Armdrücken wird. „Over the Top“ bezieht sich auf eine Technik im Armwrestling, bei der man sich einen Vorteil gegenüber dem Gegner verschafft.

Im Rahmen der Dreharbeiten wurden auf der ganzen Welt Sportler für die reale Armwrestling-Weltmeisterschaft in Las Vegas gesucht, die die Kulisse für die Film-WM bilden sollte. Während der Sport in Amerika schon populär war, war er in Deutschland wie im Rest Europas noch weitgehend unbekannt. Deshalb veranstaltete die Produktionsfirma in Zusammenarbeit mit der AAA (American Association of Armwrestling) Turniere, um geeignete Sportler aus allen Nationen zu finden. Diese Turniere waren gleichzeitig die Qualifikation für die WM.

Der Film wurde ein Kassenschlager. Und in Deutschland wandelten plötzlich viele auf den Spuren von Sylvester Stallone. Regionale und überregionale Turniere folgten, 1988 wurde die Deutsche Armwrestling-Organisation gegründet. Seitdem werden nationale Meisterschaften als Qualifikation für Welt- und Europameisterschaften veranstaltet, regionale Turniere und Landesmeisterschaften. Mittlerweile gibt es in Deutschland 16 Vereine, in denen Armwrestling betrieben wird. Der KSV Ispringen mit seinen Baden Bisons ist einer davon. Und René Scholze deren zweiter Vorsitzender.

Und genau dieser nimmt sich meiner nun an. Er ist nicht ganz so groß und breit wie Lothar Hoppe. Dafür sind seine Armmuskeln hart wie Stahl. Nachdem wir unsere Handgelenke und die Arme aufgewärmt haben, stellen wir uns gegenüber an einen Tisch. Denn gekämpft wird beim Armwrestling im Stehen und nicht wie beim Kneipen-Armdrücken im Sitzen. So kann man den ganzen Körper einsetzen und die Kraft kommt nicht nur aus dem Unterarm. „Fürs Armwrestling braucht man neben der reinen Kraft Explosivkraft, Ausdauer, Technik und die richtige Taktik“, erklärt mir René Scholze. Ich habe von allem ungefähr nichts.

Der Tisch, an dem wir nun kämpfen, ist 1,04 Meter hoch, kostet rund 800 Euro und hat vier Polster – zwei quadratische, auf dem die Ellbogen der Kontrahenten platziert werden und zwei längliche. Letztere sind das Ziel. Derjenige, dessen Hand als Erstes das Polster berührt, hat verloren. Ein Blick auf meine Spaghettiärmchen verrät mir: In unserem Fall werde das mutmaßlich ich sein. Links und rechts am Tisch befindet sich jeweils ein Haltegriff, der mit der nicht kämpfenden Hand ergriffen werden muss und während des Kampfes nicht losgelassen werden darf.

Es geht los. René Scholzes Hand umschließt meine, und Lothar Hoppe richtet uns aus. Zu Beginn jedes Kampfes müssen die Handgelenke gerade sein, die Hände müssen sich über der Mitte des Tisches und die Schultern parallel zum Tisch befinden. „Ready?“, fragt Lothar Hoppe. Wir nicken. „Go!“ René Scholze ist gnädig. Er hält nur ein ganz kleines bisschen dagegen, und mit sehr viel Kraft und Körpereinsatz – der ganze Rumpf bewegt sich mit dem Arm mit – zwinge ich seinen Arm aufs Polster. Sieg! Lothar Hoppe jubelt und ich recke die Faust Richtung Decke. „Jetzt mach’ aber mal ernst“, sage ich zu René Scholze. Das hätte ich lieber nicht tun sollen. Denn der nächste Kampf dauert gerade einmal eine Sekunde. Zack und fertig. Ich bin geschlagen.

An den anderen Tischen, vier gibt es in dem kleinen Trainingsraum, dauern die Duelle eindeutig länger. „Das können mehrere Minuten sein, das geht dann richtig an die Ausdauer“, sagt René Scholze. Insgesamt sind heute elf Sportler zum Training gekommen. Vier davon haben ein Handicap. Das ist eine der Besonderheiten bei den Baden Bisons: Behinderte und Nichtbehinderte trainieren hier zusammen. Im Armwrestling gibt es verschiedene Klassen. Neben den üblichen Gewichtsklassen wie im Ringen oder Boxen gibt es auch verschiedene Klassen für Menschen mit Behinderungen: sitzend, stehend, blind und gehörlos.

„Alles, was man braucht, ist mindestens ein Arm“, sagt Eric Hoppe und grinst. Der 39-Jährige aus Malsch ist Gründungsmitglied, Vorsitzender, Trainer und Aushängeschild der Abteilung. Er ist halbseitig gelähmt und kämpft mit links. Und das äußerst erfolgreich. Deutsche Meister- und Vizetitel bei den Behinderten und Nichtbehinderten gehören bei dem 1,87 Meter großen und 101 Kilo schweren Athleten zum Standard. Zuletzt wurde er dreifacher World-Cup-Sieger. Der Unterarmumfang des Europameisters von 2012 beträgt stolze 38 Zentimeter, sein Oberarmumfang übrigens auch. Zum Vergleich: Mein Ärmchen misst unten knapp 18 Zentimetern und oben 24. „Du könntest noch ein bisschen trainieren“, sagt Ivo Josipovic und grinst frech. Der 36-Jährige sitzt im Rollstuhl, ist eigentlich professioneller Handbiker und kommt regelmäßig zum Armwrestling-Training nach Ispringen. Auch seine Armmuskeln sind mehr als beeindruckend.

Auf seinen Rat hin fange ich also genau jetzt mit meinem Training an. Und zwar am sogenannten Armbogdanski, einer eigens fürs Armwrestling entworfenen Trainingsmaschine. Unten hängt ein Gewicht, das mit Hilfe eines Seilzuges bewegt werden muss. Die 15-Kilo-Scheibe tausche ich heimlich gegen fünf Kilo aus und lege dann mit klassischen Armdrückbewegungen los. Das geht gar nicht so schwer, und ich fühle meine Muskeln schon wachsen.

Frauen gibt es im Armwrestling übrigens nicht viele. Bei deutschen Meisterschaften sind vielleicht fünf am Start. In mir keimt leise Hoffnung auf. Vielleicht habe ich nun endlich die Sportart gefunden, bei der ich zu Ruhm und Ehre kommen kann. Doch René Scholze holt mich schnell wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. „Die Frauen, die teilnehmen“, sagt er und ich spüre seinen Blick auf meinem Unterarm, „die sind richtig stark.“ Na gut. Ich denke an meinen einzigen Sieg des Abends und beende meine Karriere.

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