Für das richtige Training ist es nie zu spät

Mittrainiert: Reporterin Julia Klassen lernt, wie im DRK-Seniorenzentrum Stürzen vorgebeugt wird

Von Julia Klassen Erstellt: 20. Januar 2018, 00:00 Uhr
Für das richtige Training ist es nie zu spät Julia Klassen (Mitte) bei der Sportstunde, die die Senioren auch an ihre Grenzen bringt. Foto: Fotomoment

Zweimal in der Woche wird es richtig sportlich im DRK-Seniorenzentrum am Erlenbach. Auf die Gymnastikstunden freuen sich die Bewohner sehr. MT-Mitarbeiterin Julia Klassen hat bei der Fallschule zur Sturzprophylaxe mitgemacht und festgestellt, dass Sport Menschen jeden Alters glücklich machen und im Ernstfall sogar schwere Verletzungen verhindern kann.

Ergotherapeut Jürgen Siebert leitet das Training am Seniorenzentrum.Ergotherapeut Jürgen Siebert leitet das Training am Seniorenzentrum.

Mühlacker. Es ist so schnell passiert. Ein falscher Schritt, eine schwache Sekunde, eine kleine Unachtsamkeit und schon liegt man am Boden. Während ein Sturz für jüngere Menschen in der Regel glimpflich ausgeht und allenfalls peinlich ist, hat er für Senioren oft dramatische Folgen. Vor kaum einer Verletzung fürchten sich ältere Menschen so sehr wie vor dem Oberschenkelhalsbruch. Danach wieder auf die Beine zu kommen, ist schwer. Manche schaffen es nicht mehr, andere leiden unter chronischen Schmerzen, Bewegungseinschränkungen oder verminderter Belastbarkeit. Wenn es erst mal passiert ist, ist der Weg zurück lang und beschwerlich. Besser also, man tut alles dafür, um es gar nicht so weit kommen zu lassen.

Und genau das ist das Ziel von Jürgen Siebert. Er ist seit 18 Jahren Ergotherapeut im DRK-Seniorenzentrum in Mühlacker und hilft den Bewohnern unter anderem dabei, Stürze entweder ganz zu vermeiden oder zumindest dafür zu sorgen, dass sich seine Schützlinge im Ernstfall noch mit den Armen abstützen können, um das Schlimmste zu verhindern. Wie das geht, zeigt er mir bei der sogenannten Fallschule, die er einmal pro Woche für die Bewohner des Hauses anbietet.

„Bei entsprechendem Training wachsen Muskeln in jedem Alter“

Entstanden ist diese Art der funktionellen Gymnastik vor rund 15 Jahren. Die AOK hat das Projekt zur Sturzprophylaxe ins Leben gerufen, bei dem zahlreiche Altenheime im Enzkreis mitgemacht haben. Seitdem gehört die Gymnastik zum festen Programm im DRK-Seniorenzentrum Mühlacker.

Ich gebe zu, ich passe nicht so recht ins Bild. Zwar werde ich dieses Jahr auch schon 40, aber die restlichen Teilnehmer sind alle mehr als doppelt so alt wie ich. Sie sitzen erwartungsvoll auf ihren Stühlen und dass es keine Singsang-Kuschelstunde mit Arme in die Höhe wird, erkenne ich an den Gewichtsmanschetten, die sie um die Beine gebunden haben und den Hanteln, die auf einem zweiten Stuhl schon bereitliegen. „Wir haben hier ein Ziel und arbeiten ernsthaft daran, fast wie im Fitnessstudio mit festgelegten Wiederholungen“, betont der Ergotherapeut. Dadurch sollen vor allem die Muskeln der Senioren gestärkt werden, damit sie im Falle eines Falles ebendiesen abfangen können. Es sei nämlich nicht wahr, betont Jürgen Siebert, dass man in fortgeschrittenem Alter keine Muskeln mehr aufbauen könne. „Bei entsprechendem Training wachsen Muskeln in jedem Alter“, sagt er.

Neben den Kraftübungen steht die Verbesserung des Gleichgewichts im Vordergrund. Viele der Teilnehmer gehen am Stock oder brauchen einen Rollator, so dass sie es gar nicht mehr gewohnt sind, das Gleichgewicht zu halten. „Das kann gefährlich werden, wenn sie dann mal ohne ihr Hilfsmittel auskommen müssen“, sagt Jürgen Siebert.

Mit Übungen, die den Gleichgewichtssinn ansprechen, geht es los. Wir stehen auf und wer möchte, darf sich am zweiten Stuhl festhalten. Die meisten möchten nicht und halten das Gleichgewicht sogar mit geschlossenen Augen. Dann wird es schon kniffliger. Vorsichtig wechseln wir von einem Bein auf das andere, was für viele eine sehr wacklige Angelegenheit ist. Aber alle meistern die Aufgabe. „Wir wollen die Senioren auch an Grenzen bringen“, sagt Jürgen Siebert und lässt die Teilnehmer wieder hinsitzen. Allerdings nicht zum Ausruhen, denn „Pausen gibt es hier nicht so viele“, sondern für das Armtraining mit den Hanteln. Die wiegen zwischen 0,5 und 1,5 Kilogramm, je nach Leistungsvermögen der Teilnehmer. Die Gewichtmanschetten an den Füßen, die man hier scherzhaft „Fußfesseln“ nennt, haben ein Gewicht von bis zu zwei Kilogramm.

Nach der Kraftübung mit zehn Wiederholungen müssen die Bewohner auch schon wieder aufstehen. Dieses Mal sollen sie ein Knie nach oben nehmen. Ich bin wirklich beeindruckt, wie die Senioren bei der Sache sind und wie konzentriert sie darauf achten, die Übungen richtig auszuführen. So geht es weiter, immer im Wechsel mit Kraft- und Gleichgewichtsübungen. Die Hanteln werden nach vorne, nach oben und zur Seite gestemmt. Mit ihren Fußfesseln meistern die Ü80-Sportler sogar den einbeinigen Stand zwischen den Stühlen.

Zur Belohnung folgt ein lockerer Teil zu Schlagermusik. Doch pausiert wird auch dabei nicht, aber „jetzt ist es nicht mehr so ernst“, wie Jürgen Siebert lachend erklärt. Anstrengend bleibt es trotzdem. Die Musik scheint die meisten davon allerdings ganz gut abzulenken. Hier und da huscht bei den Melodien von „Marmor, Stein und Eisen bricht“ oder „Anita“ ein Lächeln über die ansonsten angestrengt konzentrierten Gesichter.

„Mein Grundprinzip ist es, die Menschen aktiv zu halten“

Zum Schluss geht der Ergotherapeut noch mit einem kleinen Medizinball durch den Stuhlkreis und wirft ihn jedem zu. Alle fangen und werfen ohne Probleme. Als die Stunde zu Ende ist, sind die Bewohner zufrieden, aber auch erschöpft. „Jetzt ruhe ich mich den Rest des Tages aus“, scherzt eine Über-90-Jährige. Alle freuen sich aber schon auf das nächste Mal – neben dem Kurs am Mittwoch, bietet Jürgen Siebert auch freitags ein Gymnastikprogramm an. „Mein Grundprinzip ist es, die Menschen aktiv zu halten“, sagt er. Dies geschieht auch, aber nicht nur durch Sport. Der Ergotherapeut bietet neben der Gymnastik viele weitere Aktivitäten an, zum Beispiel Kochen oder Handwerken. „Das läuft hier nicht nach dem Gießkannenprinzip“, betont er, „wir legen Wert darauf, dass jeder das machen kann, worauf er Lust hat.“ Der Spaß steht im Vordergrund. Und wenn die Aktivität dann noch dabei hilft, schwere Verletzungen zu vermeiden, so wie die Sturzprophylaxe ist das natürlich umso besser.

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