Zitternd vor Wut im Sitzungssaal

Äußerungen von Günther Bächle und Rolf Leo stoßen sauer auf – Mitglieder des Türkischen SV fürchten um ihre sportliche Heimat

Von Steffen-Michael Eigner Erstellt: 24. Dezember 2013, 00:00 Uhr
Zitternd vor Wut im Sitzungssaal Integration andersrum: Der Vorsitzende Sebattin Yildirim (re.) und Dogan Özdemir (2.v.re.) vom Türkischen SV Mühlacker zeichnen im Rahmen des Fußball-Stadtturniers 2012 „ihre Ausländer“ für ehrenamtliches Engagement aus. Achim Kröger (v.li.) ist Schriftführer und betreut die Vereins-Webseite, Gerhard Eichert war Trainer und Rainer Ruoff fungierte als Kassier. Eichert und Ruoff sind sogar Gründungsmitglieder des Türkischen SV. Hinter Dogan Özdemir verdeckt steht Svenja Kröger, die wie ihr Vater ebenfalls im Verein engagiert ist. Archivfoto: Eigner

Die letzte Gemeinderatssitzung des Jahres sorgt beim Türkischen SV Mühlacker auch fast eine Woche danach noch für Unmut. Weniger ärgert die Mitglieder und Funktionäre, dass es weiterhin keine Aussicht auf einen adäquaten Fußballplatz gibt, sondern vielmehr die Wortwahl im Verlauf der Sitzung.

Mühlacker. „Ich war so wütend. Meine Hände haben gezittert, aber ich durfte ja nichts sagen“, schildert Sebattin Yildirim seine Gefühlslage als Zuschauer im Ratssaal. Was ihn derart auf die Palme gebracht hat, waren zwei ähnlich lautende Äußerungen von Günther Bächle (CDU) und Rolf Leo (Freie Wähler). Die beiden Fraktionsvorsitzenden hatten den Mitgliedern des Türkischen SV nahegelegt, sich „deutschen Vereinen“ anzuschließen. Dies sei dann „gelebte Integration“, fanden Leo und Bächle. „Neben mir saß ein Deutscher aus einem anderen Fußballverein, den ich vom Sehen her kenne. Der schüttelte nur den Kopf und sagte, dass er sich schäme“, berichtet Yildirim.

„Den Vorwurf, wir würden uns nicht integrieren, kann man so nicht stehenlassen“, sagt auch Achim Kröger, Schriftführer des Türkischen SV. Schließlich sei die Mannschaft des Vereins seit 1988 in den Spielbetrieb des Deutschen Fußballbundes integriert und bestehe mitnichten nur aus Türken: „Bei uns spielen alle möglichen Nationalitäten. Deutsche, Italiener, Griechen, zurzeit haben wir auch Spieler aus Gambia. Und einer unserer engagiertesten Fußballer ist Artur Malysev, ein Spätaussiedler aus Russland. Das ist Integration!“

Achim Kröger selbst ist Deutscher, der nach seinem Zuzug nach Mühlacker in mehreren Vereinen Mitglied war. „Ich bin dann beim FC Anadolu hängengeblieben, weil mich der technische Fußball der Türken so begeistert hat.“ Der 1986 gegründete Türkische SV, der für zwei Jahre mit Anadolu zum FC Mühlacker verschmolz, ist seit dessen Stilllegung 2010 wieder eigenständig. Achim Kröger, der nach eigener Aussage kein Türkisch spricht, ist noch immer dabei.

„Ich kann ja auch nicht richtig Türkisch“, gesteht Sebattin Yildirim. „Also sprechen schon, aber schreiben nicht.“

Die Mitglieder des Türkischen SV Mühlacker sehen sich als Verein wie jeder andere. Außer dem Ursprung, dem Namen und ein paar heute noch prägenden Personen sei eigentlich nichts türkisch. „,Die Türken‘ gibt es sowieso genauso wenig wie ,die Jugend‘“, unterstreicht Kröger. Zudem habe sich die Struktur der Mannschaft mit den Jahren gewandelt. „Wir haben natürlich immer noch Schichtarbeiter im Team, aber die meisten unserer Spieler gehen aufs Gymnasium oder studieren.“

„Am Enztalsportplatz ist langfristig nichts zu machen“

Den häufig gehörten Vorwurf, keine Jugendarbeit zu machen und anderen Vereinen die Spieler abzuwerben, wollen sich die beiden Vorstände schon gar nicht gefallen lassen. Eine Nachwuchsabteilung würden sie schon lange aufbauen, wenn sie einen geeigneten Platz hätten. „Welche Eltern würden ihr Kind ins Training schicken, wenn es zu den Umkleiden, zur nächsten Toilette und zum nächsten Sanitätsraum 500 Meter Fußweg sind?“, fragt Achim Kröger. „Das wären allerdings Kinder, die in anderen Vereinen dann fehlen“, merkt Yildirim an, dass der Nachwuchs-Kuchen in Mühlacker insgesamt nicht größer würde, wenn auch der Türkische SV junge Fußballer ausbildete.

„Ich behaupte, in zehn Jahren wird der Stadtpokal nur noch zwischen vier bis fünf Mannschaften ausgetragen“, sagt Achim Kröger mit Blick auf die derzeitige Nachwuchsstruktur in Mühlackers Fußballclubs (siehe Infokasten). Nur Phönix Lomersheim stellt Mannschaften in sämtlichen Altersklassen. „Phönix macht da phantastische Arbeit, deswegen gönnen wir ihnen den Kunstrasen. Aber das geht zulasten der anderen Vereine“, so Kröger, der sich aus besagter Gemeinderatssitzung wenigstens ein positives Signal und eine Perspektive erhofft hätte. Beispielsweise, dass der Hartplatz am Hallenbad, der ohnehin saniert werden soll, im Zuge dessen zum Kunstrasen oder Rasenplatz umgewandelt würde und danach für Training und Heimspiele zur Verfügung stünde.

„Die Diskussion wird leider auf irgendwelche Schlagworte reduziert. Rolf Leo hat sich nur auf die Maulwürfe gestürzt und alle anderen Probleme ausgeblendet. Das ist Naturschutzgebiet, wir müssten die Maulwürfe einzeln mit dem Spaten erschlagen“, weist Achim Kröger auf die Fülle von Widrigkeiten am Enztalsportplatz hin, den der Türkische SV gerne ganz aufgeben würde. „Dort ist langfristig nichts zu machen. Es gibt keine Toiletten, weder für Männer noch für Frauen. Wo sollen die Zuschauer denn hin?“, fragt Kröger. „Bandenwerbung ist untersagt. Etwas zu essen oder zu trinken zu verkaufen, hat uns das Gesundheitsamt verboten“, fügt Yildirim hinzu. Der nötige Wasseranschluss fehlt. Anfragen an andere Vereine zur Kooperation scheiterten. Tenor: „Mit den Türken auf keinen Fall.“ Nicht einmal das Aufstellen eines abschließbaren Containers auf der Wiese beim Hallenbad wurde gestattet. Begründung: „Die würde an heißen Tagen als Parkplatz für das Freibad benötigt. Dabei hätte der Container allenfalls zwei Stellplätze im Eck belegt. Unser Eindruck ist, in der Stadtverwaltung will man einfach nicht“, berichtet Kröger.

Immerhin aber drücken die Ordnungshüter inzwischen ein Auge zu, wenn die Vereinsmitglieder Ausrüstungsgegenstände mit dem Auto zu ihrer Heimspielstätte fahren. „Wir haben eine Sondergenehmigung für ein Auto, aber das muss immer sofort wieder wegfahren.“ Noch vor einiger Zeit kamen immer wieder Strafzettel.

„Spieler kommen und gehen, aber für uns Vorstände wäre ein Vereinswechsel ein schwerer Schritt“, hofft Sebattin Yildirim auf ein Überleben des Türkischen SV und bekommt bei diesen Worten feuchte Augen. Nach mehr als einem Vierteljahrhundert Vereinsgeschichte fürchtet er um seine sportliche Heimat. Mit einem häufig unbespielbaren Sportplatz und ohne Clubheim, in dem sich die Fußballer treffen könnten, würden die Spieler bald zu anderen Clubs abwandern und der Türkische SV einfach von der Fußballlandkarte verschwinden wie einst der spanische CF Mühlacker. Angesichts der demografischen Entwicklung wäre es womöglich nicht der letzte Verein, der die Segel streichen müsste.

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