Wer presst, gewinnt

Taktikschule: Der langjährige DFB-Stützpunkttrainer Patrick Bouquerot erklärt modernen Fußball – Heute: das Mittelfeldpressing

Von Julia Klassen Erstellt: 19. Februar 2018, 00:00 Uhr
Wer presst, gewinnt Mittelfeldpressing ist eine taktische Ausrichtung im Verteidigungsverhalten. Dabei befindet sich der komplette Mannschaftsverbund in einem Bereich zwischen etwa 20 Metern vor und hinter der Mittellinie.Grafik: Klassen / fussballtraining.com

Dreierkette, flache Vier, abkippende Sechs, falsche Neun? Wer da bislang nur Bahnhof versteht, dem hilft unser Taktikfuchs: Patrick Bouquerot war Stützpunkttrainer des Deutschen Fußballbundes (DFB) in Enzberg und erklärt in dieser Serie den modernen Fußball. Heute: „das Mittelfeldpressing“.

Enzkreis. Pressing ist eines der Schlüsselwörter im modernen Fußball. Überall wird gepresst. MT-Taktikfuchs Patrick Bouquerot erklärt den Unterschied zwischen den verschiedenen Pressingarten.

Was ist Mittelfeldpressing?

Mittelfeldpressing ist eine taktische Ausrichtung im Verteidigungsverhalten. Dabei befindet sich der komplette Mannschaftsverbund in einem Bereich zwischen etwa 20 Metern vor und hinter der Mittellinie (siehe Grafik). Die verteidigende Mannschaft beginnt kurz vor Erreichen der Mittellinie, den ballbesitzenden Spieler unter Druck zu setzen.

Wie läuft das Mittelfeldpressing ab?

„Prinzipiell gilt: Läuft oder passt der gegnerische Ballbesitzer in den Bereich um die Mittellinie, wird dieser sofort vom unmittelbaren Gegenspieler angelaufen und unter Druck gesetzt“, erklärt Patrick Bouquerot. Die verteidigende Mannschaft hat darüber hinaus die Möglichkeit, das Angriffsspiel des Gegners zu lenken. „Möchte man beispielsweise den Gegner auf die Flügel locken, um dort den Ball zu erobern, steht der Defensivblock zunächst relativ kompakt in der Mitte des Feldes (siehe Grafik) und verschiebt bei einem Pass nach Außen dann gemeinsam zum Ball“, sagt der Taktikexperte.

Welche taktischen Varianten gibt es?

Das Angriffspressing: Dabei wird der gegnerische Ballbesitzer bis weit in die gegnerische Hälfte unter Druck gesetzt, auch der Torhüter wird bei Rückpässen angelaufen. Die Abwehrreihe schiebt weiter nach vorne, teilweise bis an die Mittellinie.

Das Abwehrpressing: Bei Ballverlusten zieht sich die verteidigende Mannschaft sofort vor das eigene Tor zurück. Die vordersten Spieler laufen den Gegner erst in der eigenen Hälfte, etwa 30 bis 40 Meter vor dem eigenen Tor, an.

Welche Spielsysteme sind typisch für welche Pressingform?

„Beim Angriffspressing sind viele Systeme denkbar, zum Beispiel ein offensives 4-3-3, so wie es zum Beispiel Borussia Dortmund unter Ex-Trainer Peter Boss praktiziert hat“, erklärt Patrick Bouquerot.

Mittelfeldpressing wird häufig in einem 4-4-2-System gespielt, Abwehrpressing meist in Systemen mit einer Fünferkette, zum Beispiel im 5-4-1.

Wann kommt Mittelfeldpressing zum Einsatz?

„Der Einsatz von Mittelfeldpressing ist in vielen Situationen denkbar und wird von nahezu allen Bundesligisten zumindest teilweise gespielt“, sagt der ehemalige Stützpunkttrainer. „Mittelfeldpressing kann zum Beispiel über das ganze Spiel praktiziert werden, solange der Spielstand kein anderes Verteidigungsverhalten erfordert. Teams, die gerne Angriffspressing spielen, wechseln aber auch häufig kurzfristig ins Mittelfeldpressing, um den Spielern eine kleine Erholungsphase vom permanenten Anlaufen zu verschaffen.“

Was sind die Vorteile von Mittelfeldpressing?

„Aus der kompakten Ordnung fällt es zumeist leicht, in Ballnähe eine Überzahl gegen die Angreifer herzustellen und Passwege für die Angreifer zu verschließen“, weiß Patrick Bouquerot, „außerdem ist Mittelfeldpressing bei guter Organisation nicht so laufintensiv wie Angriffspressing.“ Gleichzeitig besteht keine unmittelbare Gefahr für das eigene Tor wie häufig im Abwehrpressing.

Was sind die Nachteile von Mittelfeldpressing?

„Hinter der Abwehrreihe gibt es noch freie Räume, die die Angreifer mit einem Pass, beziehungsweise mit einer gezielten Passkombination nutzen können“, warnt der Taktikfuchs, „die nicht unter Druck gesetzten gegnerischen Verteidiger bekommen außerdem viel Zeit, einen Angriff dementsprechend vorzubereiten.“

Welche Pressingformen waren im Bundesligaspiel VfB Stuttgart gegen Borussia Mönchengladbach (1:0) zu beobachten?

Beide Teams haben zunächst im Mittelfeldpressing begonnen. Über eine Balleroberung von VfB-Abwehrspieler Emiliano Insua im Bereich der Mittellinie kamen die Stuttgarter auch zum schlussendlich entscheidenden 1:0.

Im weiteren Spielverlauf war Gladbach ab Mitte der ersten Hälfte bemüht, den VfB im Aufbau etwas früher unter Druck zu setzen. Dennoch fand kein Wechsel ins Angriffspressing statt, die Innenverteidiger und Torwart Ron-Robert Zieler wurden nur situativ angelaufen.

In der zweiten Hälfte wechselte der VfB dann spätestens mit der Hereinnahme von Abwehrspieler Holger Badstuber und der Umstellung auf ein 5-4-1-System ins Abwehrpressing. Hier ging es den Stuttgartern nur noch um das Verteidigen des knappen Vorsprungs.

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