Wenn das Schutzknie zur Gefahr wird

Taktikschule: Der langjährige DFB-Stützpunkttrainer Patrick Bouquerot erklärt den modernen Fußball – Heute: der Torhüter

Von Julia Klassen Erstellt: 9. Oktober 2017, 17:44 Uhr
Wenn das Schutzknie zur Gefahr wird Bei Flanken sollte der Torhüter nicht am kurzen Pfosten stehen (rote Markierung), da das Tor nicht direkt bedroht ist. Stattdessen sollte er sich mittig vor dem Tor postieren (grüne Markierung). So kann er sowohl kurze als auch lange Flanken abfangen und ist zudem in der Nähe des zentralen gegnerischen Stürmers, von dem bei einer Hereingabe die meiste Torgefahr ausgeht.Grafik: Eigner / fussballtraining.com

Dreierkette, flache Vier, abkippende Sechs, falsche Neun? Wer da nur Bahnhof versteht, dem hilft unser Taktikfuchs: Patrick Bouquerot in Enzberg war Stützpunkttrainer des Deutschen Fußballbundes und erklärt in dieser Serie den modernen Fußball. Heute: „das Verhalten des Torhüters bei Flanken“.

Patrick Bouquerot ist unser TaktikfuchsPatrick Bouquerot ist unser Taktikfuchs

Enzkreis. Die schlimmen Bilder von Christian Gentners Zusammenprall mit Koen Casteels, dem Torhüter des VfL Wolfsburg, sind vielen Fußball-Fans noch in schlechter Erinnerung. Mittlerweile wurde der VfB-Kapitän erfolgreich operiert und ist auf dem Weg der Besserung. Absicht hat Casteels damals niemand unterstellt. Wie der Torhüter es hätte besser machen und so eine Verletzung von Christian Gentner hätte vermeiden können, weiß unser Taktikfuchs. Außerdem erklärt er ganz allgemein das Verhalten von Torhütern bei Flanken.

 

Wie muss sich ein Torhüter positionieren, um möglichst viele Flanken abfangen zu können?

Um eine gute Ausgangsposition zu haben und möglichst viele Flanken vor dem eigenen Tor herunterpflücken zu können, sollte sich der Torhüter in Erwartung einer Flanke ziemlich mittig im Tor positionieren. Er sollte außerdem nicht auf der Torlinie, sondern einige Schritte hervorgezogen stehen. „Unvorteilhaft ist eine Positionierung am ballnahen Pfosten, da der Keeper bei weit geschlagene Flanken dann nicht eingreifen kann“, erklärt Patrick Bouquerot. Der Torhüter verteidigt in Erwartung von Flankenbällen also nicht sein Tor, da in der Regel keine direkte Gefahr durch einen Torschuss zu erwarten ist, sondern er verteidigt den Raum vor seinem Tor und versucht dort den Ball vor den gegnerischen Stürmern zu bekommen (siehe Grafik).

 

Welche Rolle spielen Anzahl und Position der gegnerischen Angreifer im Strafraum?

Je mehr Angreifer sich im eigenen Sechzehnmeter-Raum befinden, desto schwieriger wird es, Flanken abzufangen. „Grundsätzlich hat eine Mehrzahl an Angreifern allerdings keine Auswirkung auf das Stellungsspiel“, betont der Taktikfuchs. Anders verhält es sich bei der Position der Angreifer: Stehen alle Gegenspieler in einer Seite des Sechzehners, orientiert sich der Torhüter ein wenig in diese Richtung, da von dort zunächst die größte Gefahr zu erwarten ist. Bei lediglich einem gegnerischen Stürmer im Strafraum kann sich der Torwart mit seinem Stellungsspiel an ihm ausrichten, da anderweitig zunächst keine Gefahr droht. Diese Ausrichtung erhöht die Wahrscheinlichkeit, den in den Sechzehner gespielten Ball vor dem einzelnen Angreifer zu erreichen.

Welche Rolle spielt es, ob der Ballführende von einem Abwehrspieler attackiert wird?

„Hat der ballführende Spieler keinen Druck durch einen Verteidiger, ist Vorsicht geboten“, warnt Patrick Bouquerot. Durch die vielen Handlungsoptionen kann der Spieler auch aus größerer Entfernung zum Tor gefährlich werden, so zum Beispiel Caiuby vom FC Augsburg bei seinem Tor aus über 30 Metern gegen den zu offensiv postierten Lukas Hradecky von Eintracht Frankfurt am vierten Spieltag. „Hier gilt es für den Torhüter also, die direkte Gefahr für das eigene Tor richtig abzuschätzen und in seiner Position eine gute Balance zwischen dem Beschützen des Tores und dem Abfangen möglicher Abspiele zu finden“, sagt Patrick Bouquerot.

 

Welche Torhüter machen es in der Bundesliga besonders gut?

„Der Schalker Torhüter Ralf Fährmann hat ein sehr gutes Stellungsspiel“, sagt der Taktikexperte, „und auch der derzeit verletzte Bayern-Keeper Manuel Neuer glänzt mit hervorragender Strafraumbeherrschung.“

 

Welche Torhüter aus der Bundesliga haben Nachholbedarf?

„Zum Beispiel Jiri Pavlenka von Werder Bremen“, findet Patrick Bouquerot, „er steht ausschließlich am ballnahen Pfosten, bei besserem Stellungsspiel wäre beispielsweise das 1:0 von Divock Origi für den VfL Wolfsburg am sechsten Spieltag eventuell zu verhindern gewesen.“

 

Was ist in diesem Zusammenhang das Schutzknie?

Der Torhüter benötigt seine Arme und Hände zum Fangen des Balles, er kann sich also im Luftduell mit Feldspielern, die ihre Arme in gewissem Rahmen einsetzen dürfen, nicht wehren. Mit dem nach oben angezogenen Knie kann sich der Torhüter schützen und sich die Gegenspieler – und zum Teil auch die Mitspieler – vom Leib halten, sodass er bei einem Zusammenprall in einer stabilen Position bleibt. Im Fall Casteels gegen Gentner hat der Wolfsburger Torwart sein Knie aus vollem Lauf direkt auf den VfB-Kapitän gerichtet und so die Verletzung von Gentner in Kauf genommen. „Das war rücksichtslos“, sagt Patrick Bouquerot, „ein Elfmeter und eine Verwarnung für Casteels wären korrekt gewesen, vergleichbar mit einem Ausschlagen mit dem Ellenbogen.“ Dabei hätte eine kleine Bewegungsänderung die schlimme Verletzung mit zahlreichen Gesichtsbrüchen und einer schweren Gehirnerschütterung vermeiden können. „Hätte Casteels sein Knie leicht seitlich eingedreht, wäre Genter nicht mit voller Wucht von der harten Kniescheibe getroffen worden, Casteels wäre bei einem Zusammenprall aber dennoch geschützt gewesen. Dann wäre es in Ordnung gewesen, wenn der Schiedsrichter hätte weiterspielen lassen. Es wäre vermutlich auch nicht zu einer Verletzung gekommen“, erklärt der Taktikfuchs.

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