So setzt man den Gegner unter Druck

Taktikschule: Der Enzberger Stützpunkttrainer Patrick Bouquerot erklärt den Lesern des Mühlacker Tagblatt den modernen Fußball

Von Julia Klassen Erstellt: 17. Februar 2017, 00:00 Uhr
So setzt man den Gegner unter Druck Gegenpressing: Sofort nach dem Ballverlust attackiert ein Roter den ballführenden Blauen. Seine Mitspieler blockieren die Passwege zu den anderen Blauen. Im Zweifel bleibt dem Ballführenden nur, den Ball unkontrolliert weit nach vorne zu schlagen.Grafik: fussballtraining.com / Klassen

So setzt man den Gegner unter DruckFußball ist eine Wissenschaft. Keine andere Sportart liefert jedes Wochenende so viel Gesprächsstoff. Dreierkette, flache Vier, abkippende Sechs, falsche Neun? Wer da nur Bahnhof versteht, dem hilft unser Taktikfuchs: Patrick Bouquerot (25) ist Stützpunkttrainer des Deutschen Fußballbundes (DFB) in Enzberg. Heute erklärt er „Gegenpressing“.

 

Mühlacker. Wenn man Fußball spielt, will man den Ball haben. Wenn man ihn verliert, ist das zwar blöd, aber kein Weltuntergang. Bei Ballverlust hat eine Mannschaft zwei Möglichkeiten. Entweder sie zieht sich zurück und überlässt dem Gegner zunächst das Spiel. Oder aber, sie versucht, den Ball sofort zurückzuerobern. Dieses Umschaltverhalten nennt sich im modernen Fußball Gegenpressing.

 

Wann kommt Gegenpressing zum Einsatz?

„Im Wesentlichen gibt es drei Erfolgskriterien für sofortiges Gegenpressing“, sagt Patrick Bouquerot. Erstens: Die Mannschaft ist nach dem Ballverlust in Ballnähe in Überzahl. So kann sie sofort Druck auf den Gegenspieler ausüben. Zweitens: Der Ballbesitzer steht mit dem Rücken zum Spiel und kann den Ball dadurch nicht sofort nach vorne oder lang spielen. Und drittens: Der Ballbesitzer ist in eine Spielfeldecke gedrängt und hat dadurch wenig Möglichkeiten zur Fortsetzung des Spiels. „Es müssen nicht alle Kriterien zwangsweise erfüllt sein, um ins Gegenpressing gehen zu können“, betont Patrick Bouquerot, „oft reicht auch nur eines davon aus.“

 

Wie läuft das Gegenpressing ab?

Der ballnahe Spieler attackiert sofort den gegnerischen Ballbesitzer und versucht, ihn zu einem Fehler zu zwingen. Die Mitspieler stellen indes sofort die möglichen Anspielstationen zu. „Prinzipiell gibt es dann zwei Optionen“, sagt der Trainer. Entweder man erzwingt einen unkontrollierten langen Ball. Oder man erzwingt einen Ballverlust nahe des gegnerischen Tores. Dazu wird das Spielbein des Ballbesitzers angelaufen, um einen langen Ball zu verhindern, beziehungsweise zu blocken. „Der Vorteil ist“, sagt Patrick Bouquerot, „dass sich aus dieser Balleroberung direkt eine gute Torchance ergeben kann.“

 

Welche taktischen Varianten gibt es?

Eine Variante ist „Einer steht, alles fällt“: Der Spieler, der sich am nächsten zum Ball befindet, läuft den Gegner an, um ihn zu Quer- beziehungsweise Rückpässen zu zwingen und das Tempo damit zu verlangsamen. In dieser Zeit können sich die anderen Mitspieler in die vorgesehene defensive Grundordnung zurückbewegen. Eine andere Variante ist das „Kollektive Zurückziehen“: Jeder Spieler begibt sich auf kürzestem Weg in Richtung eigenes Tor. Das Ziel ist es, möglichst schnell viele eigenen Spieler wieder hinter den Ball zu bekommen, um einen Gegenangriff geordnet verteidigen zu können. „In der Praxis ist dies vor allem in Unterzahlsituationen zu sehen“, sagt Patrick Bouquerot.

 

Nicht verwechseln mit Angriffspressing!

„In der Bundesliga ist bei RB Leipzig derzeit neben dem Gegenpressing häufig auch das sogenannte Angriffspressing zu sehen, das gerne mit dem Gegenpressing verwechselt wird“, sagt Patrick Bouquerot. Während das Gegenpressing das Umschalten nach dem Ballverlust beschreibt, ist das Angriffspressing das Attackieren eines geordneten gegnerischen Spielaufbaus weit in der gegnerischen Hälfte.

 

Was sind die Vorteile von Gegenpressing?

Bei Balleroberungen in der Nähe des gegnerischen Tores kann man bei unsortierten Gegnern schnell Torgefahr erzeugen.

 

Was sind die Nachteile?

Schafft es der Gegner, sich aus der Pressingsituation zu befreien, hat er viel Raum für einen Konter. „So ist zum Beispiel das 1:0 von Borussia Dortmund gegen RB Leipzig am 19. Spieltag entstanden und auch das 1:0 von 1899 Hoffenheim gegen Leipzig in der Woche davor“, sagt Patrick Bouquerot.

 

Welche Bundesligisten spielen Gegenpressing?

RB Leipzig wendet sowohl Angriffs- als auch Gegenpressing an. Auch bei Bayer Leverkusen ist es bis in die vergangene Saison gut zu beobachten gewesen. Bayer-Coach Roger Schmidt ließ schon bei seiner vorherigen Station RB Salzburg die Spieler oft ins Gegenpressing gehen. „Lehrbuchmäßig war es beim FC Bayern unter Pep Guardiola und bei Borussia Dortmund unter Jürgen Klopp zu sehen. Beide Mannschaften waren immer auf die sofortige Ballrückgewinnung aus“, sagt Patrick Bouquerot.

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