Nicht nur geradeaus denken

Taktikschule: Der langjährige DFB-Stützpunkttrainer Patrick Bouquerot erklärt den modernen Fußball – Heute: der Diagonalpass

Von Julia Klassen Erstellt: 13. September 2017, 00:00 Uhr
Nicht nur geradeaus denken Patrick Bouquerot ist unser Taktikfuchsthe

Dreierkette, flache Vier, abkippende Sechs, falsche Neun? Wer da bislang nur Bahnhof versteht, dem hilft unser Taktikfuchs: Patrick Bouquerot war Stützpunkttrainer des Deutschen Fußballbundes (DFB) in Enzberg und erklärt in dieser Serie den modernen Fußball. Heute: „der Diagonalpass“.

Zunächst ist der linke Mittelfeldspieler am Ball. Mit ein oder zwei Pässen wird ein zentraler Spieler angespielt, der wiederum sofort einen langen Ball zum Mitspieler auf die vom Gegner frei gelassene Seite schlägt.Grafik: Klassen / fussballtraining.comZunächst ist der linke Mittelfeldspieler am Ball. Mit ein oder zwei Pässen wird ein zentraler Spieler angespielt, der wiederum sofort einen langen Ball zum Mitspieler auf die vom Gegner frei gelassene Seite schlägt.Grafik: Klassen / fussballtraining.com

Enzkreis. Eine Diagonale ist eine Verbindungslinie zwischen nicht benachbarten Ecken in einem Vieleck. So ist das in der Geometrie. Auch im Fußball wird häufig diagonal gespielt. Wie das aussieht, kann man sich in etwa vorstellen. Was die Vor- und Nachteile von solchen Diagonalpässen sind, das weiß Patrick Bouquerot, unser Taktikfuchs.

Was ist ein Diagonalpass?

Ein von einem defensiveren Spieler quer nach vorne geschlagener Flugball auf einen freien Mitspieler auf der anderen Spielfeldseite.

Wann kommen Diagonalpässe zum Einsatz?

Diagonalpässe bringt man vor allem gegen sehr defensiv eingestellte Mannschaften, die stark raumorientiert verteidigen, die sich also bei gegnerischem Ballbesitz mit allen Spieler stark am Ball und weniger an den Gegenspielern orientieren. „Das war zum Beispiel jüngst beim WM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen Norwegen der Fall“, sagt Patrick Bouquerot.

Wie wird der Diagonalpass vorbereitet?

Um einen Diagonalpass spielen zu können, zwingt man die gegnerische Elf dazu, sich sehr stark auf eine Seite des Spielfelds zu verschieben. „Dies erreicht man vor allem durch Anspiele auf einen möglichst nah am gegnerischen Tor stehenden Flügelspieler“, sagt der Taktikfuchs. Der Gegner deckt daraufhin mit vielen Spielern die bedrohte Seite ab, um das eigene Tor zu sichern. Die Angreifer nutzen das Verschieben, spielen mit ein oder zwei Pässen einen zentralen Spieler an, der wiederum sofort einen langen Ball auf die vom Gegner frei gelassene Seite schlägt.

„Wichtig ist: Um einen Diagonalball spielen zu können, muss sich der zentrale Spieler vom Gegnerdruck befreien und sich ein wenig Platz verschaffen. Dies geschieht meist durch ein kurzes Absetzen in Richtung eigenes Tor“, erklärt Patrick Bouquerot. Weltklasse-Spieler sind auch in der Lage, einen erfolgreichen Diagonalpass ohne Vorbereitung zu spielen. Da der Gegner in diesen Fällen jedoch besser postiert ist, erfordert die Aktion ein Höchstmaß an technischen Fähigkeiten von allen beteiligten Akteuren, das heißt vom Passgeber und vom Passempfänger.

Welche Anschlussaktionen sind möglich?

„Man kann zum Beispiel eine Flanke vors Tor spielen, wie es Joshua Kimmich gegen Norwegen mehrfach getan hat“, sagt der Taktikexperte. Auch kann eine flache Hereingabe zwischen die gegnerischen Spieler folgen, ebenso eine Einzelaktion des Flügelspielers, der den freien Raum selbst zum Dribbling mit Torabschluss nutzt.

Was sind die Vorteile von Diagonalbällen?

Der Passempfänger hat aufgrund des freien Raums viele Möglichkeiten, direkt oder indirekt für Torgefahr zu sorgen. Bis der Gegner außerdem wieder in Ballnähe ist, ist es für die Verteidiger sehr schwierig, gleichzeitig zu verschieben und den direkten Gegenspieler im Blick zu behalten. „Nach einem Diagonalball schaffen es die Angreifer im Zentrum immer wieder, sich von ihren Gegnern zu lösen und eine Hereingabe erfolgreich zu verwerten“, sagt Patrick Bouquerot.

Was sind die Nachteile von Diagonalbällen?

Bei Ballverlusten oder beim Misslingen des Passes besteht eine große Kontergefahr über die zuvor freigelassene Seite. Eine gut organisierte Abwehrreihe, in der ein einzelner gegnerischer Spieler den freien Flügelstürmer abdeckt, kann einen Diagonalball jederzeit mühelos verhindern. Daher ist er eher eine taktische Variante, die situativ eingesetzt wird.

Welche Teams haben den Diagonalball zuletzt eingesetzt?

Deutschland gegen Norwegen: Norwegen hat wie beschrieben sehr stark mit allen Spielern zum Ball verschoben und wollte so das Kurzpassspiel der deutschen Mannschaft verhindern. Die freien Räume auf der anderen Spielfeldseite nutze die DFB-Elf durch schnelle Diagonalbälle. Entsprechend viele Chancen und Tore resultierten aus Hereingaben von außen.

Oder Hoffenheim gegen Liverpool im Hinspiel der Champions-League-Qualifikation: Auch der FC Liverpool machte die Räume in Ballnähe sehr eng. Zudem lauerten sie mit ihren Angreifern auf Konter. Dadurch ergaben sich viele freie Räume auf der jeweils ballfernen Spielfeldseite. Nachdem Hoffenheim zu Beginn des Spiels mit ihren üblichen spielerischen Mitteln Probleme hatte, setzten sie auch vermehrt auf Diagonalbälle.

Was haben Sie sich beim Fußballschauen schon immer gefragt? Unser Taktikfuchs Patrick Bouquerot hat bestimmt eine Antwort darauf. Schicken Sie Ihre Frage einfach per E-Mail an: redaktion@muehlacker-tagblatt.de.

Die bisher erschienenen Folgen der Serie „Taktikschule“ gibt es im Internet auf
www.muehlacker-tagblatt.de/taktikschule

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