Falle mit Risiko für die Fallensteller

Taktikschule: Der langjährige DFB-Stützpunkttrainer Patrick Bouquerot erklärt den modernen Fußball – Heute: die Abseitsfalle

Von Julia Klassen Erstellt: 30. Dezember 2017, 00:00 Uhr
Falle mit Risiko für die Fallensteller Laut Paragraf 11 des Regelwerks befindet sich ein Spieler im Abseits, wenn drei Bedingungen erfüllt sind: Erstens: Er befindet sich in der gegnerischen Platzhälfte. Zweitens: Er ist der gegnerischen Torlinie näher als der Ball („vor dem Ball“) Drittens: Weniger als zwei gegnerische Spieler sind der gegnerischen Torlinie näher als er selbst. Abgepfiffen und mit einem Freistoß für die gegnerische Mannschaft geahndet wird eine Abseitsstellung jedoch nur, wenn ein eigener Mitspieler den Ball abspielt und der im Abseits befindliche Spieler aktiv an der daraus entstehenden Spielsituation teilnimmt, zum Beispiel als direkter Empfänger des Balls. Maßgeblich ist allein der Moment, in dem der Mitspieler den Ball abspielt. Bei der Ballannahme darf der Empfänger sich wieder im Abseits befinden. In unserer Grafik lauern fünf rote Stürmer „vor dem Ball“ auf ein Zuspiel. Wenn sich alle blauen Verteidiger rechtzeitig schnell vom eigenen Tor weg bewegen, stehen diese Stürmer im Moment der Ballabgabe im Abseits, weil sich nur noch ein Gegenspieler, nämlich der Torwart, näher zur Torlinie befindet. Grafik: Klassen / fussballtraining.com

Dreierkette, flache Vier, abkippende Sechs, falsche Neun? Wer da bislang nur Bahnhof versteht, dem hilft unser Taktikfuchs: Patrick Bouquerot war Stützpunkttrainer des Deutschen Fußballbundes (DFB) in Enzberg und erklärt in dieser Serie den modernen Fußball. Heute: „Die Abseitsfalle“.

Enzkreis. Schöner lässt es sich im Fußball kaum diskutieren: War das nun abseits oder nicht? Und was ist eigentlich abseits? Und warum verstehen Frauen das nicht – oder doch? Klar ist: Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift – und der Videoassistent auch nichts dagegen hat. Und wenn eine Mannschaft den Gegner absichtlich ins Abseits laufen lässt, dann ist das eine Abseitsfalle.

 

Was ist die Abseitsfalle?

Sie ist ein taktisches Stilmittel im Abwehrverhalten, bei dem die Defensivspieler ihre Gegenspieler alleine stehen lassen und sich gemeinsam nach vorne Richtung Ball bewegen. „Der nun im Abseits stehende gegnerische Angreifer darf nicht mehr angespielt werden“, erklärt Patrick Bouquerot.

 

Was sind die Ziele der Abseitsfalle?

Durch die Abseitsstellung des gegnerischen Angreifers möchte man eine Spielunterbrechung erreichen, damit es einen Freistoß und damit Ballbesitz für die verteidigende Mannschaft gibt. „Außerdem soll die Abseitsfalle die Abspielmöglichkeiten für den gegnerischen Ballbesitzer verringern“, fügt der Taktikfuchs hinzu.

 

Wie ist die Abseitsfalle entstanden und in welchen Systemen kann man sie anwenden?

„Entstanden ist sie mit der Umstellung von Systemen mit Libero auf Systeme mit Dreier- beziehungsweise Viererkette“, sagt Patrick Bouquerot: „Das Spiel mit einer Abwehrkette, in der alle Verteidiger auf der gleichen Höhe agieren, ist Grundvoraussetzung für das erfolgreiche Anwenden der Abseitsfalle.“

 

Wann kommt die Abseitsfalle zum Einsatz?

Die Abseitsfalle kann nur ausgelöst werden, wenn der ballbesitzende Gegenspieler unter Druck gesetzt wird und dadurch keine unmittelbare Möglichkeit des Abspiels auf einen der vorderen Angreifer hat. Erforderlich ist außerdem, dass die vorderen Angreifer des Gegners alle auf einer Höhe stehen. „Gleiches gilt für die Spieler der eigenen Abwehrkette“, erklärt der Trainer.

 

Wie läuft die Abseitsfalle ab?

Erkennen die Verteidiger, dass die oben genannten Bedingungen erfüllt sind, können sie die Abseitsfalle auslösen. Dies kann beispielsweise über ein vorab definiertes Kommando geschehen, dass der zentrale Verteidiger ruft. Mit dem Kommando laufen dann alle Spieler der Abwehrkette nach vorne und die gegnerischen Stürmer stehen im Abseits.

„In einem voll besetzten Stadion ist die Verständigung mitunter jedoch sehr schwierig, vieles läuft also über die Augen anstatt über die Ohren“, weiß Patrick Bouquerot, „der Orientierungspunkt ist dabei stets der Verteidiger der hintersten Abwehrreihe, der am nächsten zum Ball steht. Nach seinem Verhalten richten sich die anderen Spieler. Jeder für sich muss also erkennen, wann die Abseitsfalle gespielt werden soll. Das ist sehr komplex, und es erfordert extrem gutes Training, um diese Taktik erfolgreich anwenden zu können.“

 

Was sind die Gefahren einer Abseitsfalle?

Verhält sich nur einer der Verteidiger falsch, funktioniert die Abseitsfalle nicht mehr und der Gegner kommt unter Umständen ohne Mühen zu einer großen Torchance. Eine Abseitsfalle lässt sich außerdem über zeitversetzt in Richtung gegnerisches Tor anlaufende Angreifer sehr leicht aushebeln. Der erste Angreifer ist vielleicht schon im Abseits und kann nicht angespielt werden, sein etwas später gestarteter Mitspieler ist aber vielleicht durchaus anspielbar. Wegen seines Vorsprungs gegenüber den nach vorne rückenden Verteidigern ist dieser Spieler auf dem Weg zum Tor dann kaum noch aufzuhalten.

 

Wie funktioniert die Abseitsfalle bei Standards?

„Dieses Phänomen sieht man oft bei Freistößen von den Außenpositionen“, sagt Patrick Bouquerot: „Alle Angreifer und Verteidiger stehen in einer Linie und warten darauf, dass der Ball in die Mitte geschlagen wird.“ Auch hier ist das Anwenden der Abseitsfalle denkbar. Erforderlich ist eine frühzeitige, gemeinsame und unauffällige Verständigung, beispielsweise mittels eines Codesatzes, zwischen allen Abwehrspielern. Kurz bevor der Schütze den Ball berührt, rücken alle Verteidiger nach vorne und stellen die Angreifer ins Abseits. „Die gleichen Gefahren wie im laufenden Spiel gelten jedoch auch hier“, erklärt der Taktikfuchs, „da die Schwachpunkte der Abseitsfalle derart immens sind, findet sie generell nur noch situativ Anwendung.“

 

Was haben Sie sich beim Fußballschauen schon immer gefragt? Unser Taktikfuchs Patrick Bouquerot hat bestimmt eine Antwort darauf. Schicken Sie Ihre Frage einfach per E-Mail an:
redaktion@muehlacker-tagblatt.de.

Die bisher erschienenen Folgen der Serie
„Taktikschule“ gibt es im Internet auf
www.muehlacker-tagblatt.de/taktikschule

Weiterlesen

Türkischer SV vor nächster Absage?

Mühlacker (sil). Der Türkische SV Mühlacker muss womöglich auch sein zweites Heimspiel in der noch jungen Saison verschieben. Wie bereits am 9. September, als die Partie gegen den SIE MÖCHTEN… »