Der geplante Ballverlust im Fußball

Taktikschule: Der langjährige DFB-Stützpunkttrainer Patrick Bouquerot erklärt modernen Fußball – Heute: der geplante Ballverlust

Von Julia Klassen Erstellt: 15. Dezember 2017, 00:00 Uhr
Der geplante Ballverlust im Fußball Ein gut gespielter langer Ball ist für den von drei Roten attackierten blauen Außenverteidiger schwer zu behaupten.Grafik: Klassen / fussballtraining.com

Dreierkette, flache Vier, abkippende Sechs, falsche Neun? Wer da bislang nur Bahnhof versteht, dem hilft unser Taktikfuchs: Patrick Bouquerot war Stützpunkttrainer des Deutschen Fußballbundes (DFB) in Enzberg und erklärt in dieser Serie den modernen Fußball. Heute: „Der geplante Ballverlust“.

Patrick Bouquerot ist unser TaktikfuchsPatrick Bouquerot ist unser Taktikfuchs

Enzkreis. Eines der wichtigsten Ziele im Fußball ist es, den Gegner nicht an den Ball kommen zu lassen. Ballbesitz heißt das Zauberwort. Ein Ballverlust ist eigentlich etwas Negatives. Und trotzdem planen manche Mannschaften ihre Ballverluste neuerdings sogar.

 

Was ist ein geplanter Ballverlust?

Normalerweise machen Ballverluste die eigenen Angriffszüge zunichte. Mit der neuen, jungen Trainergeneration hat jedoch der Begriff des „geplanten Ballverlusts“ Einzug in die Bundesliga gehalten. „Der Ball wird dabei in vorab festgelegten Konstellationen bewusst in Richtung eines Gegenspielers gebracht“, erklärt Patrick Bouquerot. „Die Ballverluste sind jedoch nicht geplant im eigentlichen Sinn, sondern sie werden vielmehr in Kauf genommen.“

 

Welches Ziel wird mit dem geplanten Ballverlust verfolgt?

Dadurch soll eine Situation geschaffen werden, in der der Besitz des Balles der gegnerischen Mannschaft Probleme bereitet. „Das Ziel ist es, nach der Rückeroberung eine unmittelbare Chance zu kreieren, um zum Torerfolg zu kommen“, sagt der Trainer.

 

Wie könnte ein geplanter Ballverlust beispielsweise ablaufen?

„Gegen einen anlaufenden Gegner ist es häufig schwierig, kontrolliert nach vorne zu spielen, da die Ballbesitzer jeweils stark unter Druck gesetzt werden“, erläutert Patrick Bouquerot. Häufig kommt die ballbesitzende Mannschaft also nicht darum herum, lange Bälle im Spielaufbau zu spielen. Anstelle eines Zielspielers aus der eigenen Mannschaft kann der lange Ball jedoch auch in Richtung eines Gegenspielers gespielt werden, der von einem eigenen Mann unter Druck gesetzt wird.

„Wer als Erster am Ball ist, ist für den weiteren Verlauf der Spielszene zumeist unerheblich, da ein gut gespielter langer Ball unter Druck kaum sicher verarbeitet werden kann“, betont der Taktikfuchs und erklärt: „In dem Moment, in dem der Innenverteidiger den Ball nach vorne spielt, bewegen sich also die Spieler der angreifenden Mannschaft in Richtung Zielpunkt, um den zweiten Ball, das heißt den Abpraller, zu erobern. Das ist auch in der Grafik zu sehen.“ So kann es gelingen, deutlich näher an das gegnerische Tor heranzukommen als zuvor in Ballbesitz, und das mit der Möglichkeit, nun zielgerichtet auf den Torerfolg hinzuspielen.

 

Wann kommt der geplante Ballverlust zum Einsatz?

Zum einen kann man den geplanten Ballverlust wie in der beschriebenen Variante gegen pressende Gegner einsetzen. „Gegen Mannschaften, die auch in der eigenen Hälfte stets spielerische Lösungen suchen, ergibt es bisweilen auch Sinn, gegnerische Verteidiger mit dem Rücken zum Feld in Ballbesitz zu bringen, beispielsweise durch flache Pässe seitlich neben den Sechzehn-Meter-Raum“, erklärt Patrick Bouquerot. „Die taktische Vorgabe lautet dann, verstärkt hinter die Abwehr zu spielen. Erreicht der Ball nicht den eigenen Angreifer, wird der Gegner für die sofortige Rückeroberung in Tornähe unter Druck gesetzt.“

 

Welche Varianten gibt es?

Nicht immer ist ein geplanter Ballverlust mit dem Ziel der sofortigen Rückeroberung verbunden. „Beim Karlsruher SC wurde zum Beispiel in der vergangenen Saison der Ball nach Eroberungen in der Nähe des eigenen Sechzehners oftmals bewusst nach vorne ins Seitenaus gespielt, da sich der KSC-Stürmer Dimitris Diamantakos mit dem Behaupten von langen Bällen äußerst schwertat. Anstatt den Ball im laufenden Spiel also direkt wieder zu verlieren und weiter unter dem Druck des Gegners zu stehen, wurde er zum Einwurf für den Gegner nach vorne geschlagen. Die eigene Abwehrreihe konnte sich wieder etwas weiter entfernt vom eigenen Tor positionieren und damit die unmittelbare Gefahr eines Gegentors zwischenzeitlich reduzieren.“

 

Was haben Sie sich beim Fußballschauen schon immer gefragt? Unser Taktikfuchs Patrick Bouquerot hat bestimmt eine Antwort darauf. Schicken Sie Ihre Frage einfach per E-Mail an:
redaktion@muehlacker-tagblatt.de.

Die bisher erschienenen Folgen der Serie
„Taktikschule“ gibt es im Internet auf
www.muehlacker-tagblatt.de/taktikschule

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