Das Motzen und die Folgen

Blick in die Fairness-Tabelle: Lomersheim steht auch in dieser Wertung ganz oben

Von Lukas Huber Erstellt: 11. Juli 2019, 00:00 Uhr
Das Motzen und die Folgen Auf den Fußballplätzen, wie hier im DFB-Pokalspiel zwischen dem CfR Pforzheim und Bayer 04 Leverkusen im August 2018, wird laut dem Schiedsrichter-Obmann Eckhart Streckfuß viel gemotzt – und zwar unabhängig von Liga oder Leistungsniveau. Die Folge sind gelbe und rote Karten. Oftmals, wenn Spieler mit einer Entscheidung eines Unparteiischen nicht zufrieden sind, muss auch er Kritik einstecken.Archivfoto: Huber

Die Saison 2018/19 ist vor einiger Zeit zu Ende gegangen, und die Teams starten allmählich in die Vorbereitung für die neue Runde. Trotzdem lohnt sich nochmal ein Blick in den Rückspiegel, genauer: auf die Fairness-Tabelle, die laut Schiedsrichter-Obmann Eckhart Streckfuß durchaus aussagekräftig ist.

Mühlacker/Enzkreis. Für die Teams in und um Mühlacker dürfte die abgelaufene Spielzeit inzwischen abgehakt sein. Für manche ist sie äußerst erfreulich verlaufen, für andere weniger. Am markantesten in Erinnerung bleiben werden etwa die Aufstiege des TSV Phönix Lomersheim in die Bezirksliga und der SG Roßwag-Mühlhausen in die Kreisliga A sowie der Abstieg des FC Viktoria Enzberg in die B-Klasse Pforzheim. Beim näheren Blick in die Statistiken bietet das Internetportal fussball.de aber mehr Daten als nur Punkteausbeute, Tordifferenz und die Folgen

Ein Beispiel dafür ist die Fairnesstabelle, die ganz oft ein anderes Bild zeigt als die Rangliste, die sich nach den Zählern staffelt. Zur Erklärung: Hier wird mit einer Quote errechnet, wie anständig sich die Kicker der jeweiligen Mannschaften im Saisonverlauf verhalten haben. Das System ist einfach; gelbe Karten schlagen mit jeweils einem Punkt, gelb-rote Karten mit je drei Punkten und rote Karten mit je fünf Punkten zu Buche. Daraus ergibt sich letzten Endes eine Gesamtpunktezahl, die durch die Summe der bestrittenen Spiele geteilt wird, und unterm Strich steht als Durchschnittswert die Quote. Je niedriger sie ausfällt, desto fairer hat das Team über die gesamte Runde hinweg agiert.

Eine Erkenntnis, die wie schon in der Vergangenheit nicht ganz überraschend kommt: In jenen Ligen, in denen zweite Mannschaften aktiv sind und der Ehrgeiz offenbar nicht ganz so groß ist, fallen die Quoten in aller Regel niedriger aus. So hat etwa der TSV Ötisheim II, der in der Klasse C1 um Punkte gekämpft hat, eine Quote von 0,54 erreicht und ist somit auf dem zweiten Platz hinter dem SK Hagenschieß. Zum Vergleich: In der Kreisklasse A1 war der FC Viktoria Enzberg, der als letztplatziertes Team den Gang eine Klasse tiefer verkraften musste, mit der deutlich schlechteren Quote von 1,43 auf demselben Rang. Insgesamt sahen die Kicker aus dem Mühlacker Stadtteil 41-mal den gelben Karton und einmal die rote Karte. Eine glatte Rote musste der FC überhaupt nicht hinnehmen. Doch die gute Platzierung – nach Punkten hätte sie die Aufstiegsrelegation für die Elf von Sascha John bedeutet – dürfte den Trainer nicht trösten. Und so mancher Kritiker würde der Viktoria bestimmt unterstellen, dass ihr im Abstiegskampf die nötige Härte gefehlt habe.

Die hatte offensichtlich die Fvgg 08 Mühlacker, die über weite Strecken gegen den Abstieg gespielt und erst im Endspurt der Saison das rettende Ufer erreicht hat. Im Laufe der Saison sahen zwei Schützlinge von Trainer Hüsnü Gür den roten Karton, gleich siebenmal hagelte es die gelb-rote und 72-mal die gelbe Karte. Letzten Endes bedeutet das eine Quote von 3,43 und die rote Laterne in der Wertung.

Dass eine unfaire Spielweise, die geprägt ist von Fouls und Meckereien, nicht immer notwendig ist, um erfolgreich Fußball zu spielen, hat der TSV Phönix Lomersheim in der Kreisliga A3 Enz-Murr erneut bewiesen. Zum zweiten Mal in Folge war die Mannschaft von Coach Simon Roller, die nach dem dritten Platz in der Runde 2017/18 nun die Meisterschaft geholt hat, nämlich die fairste Mannschaft in der Kreisliga A3 Enz-Murr. Quote: 2,07. Damit ist das Team vom Wässerle der Vorgabe gefolgt, die Roller schon vor einem Jahr geäußert hatte: keine unnötigen Fouls produzieren und andere Lösungen finden. Ob seine Elf dies in der kommenden Saison in der Bezirksliga, in der das Niveau höher ist, so fortführen kann, bleibt abzuwarten.

Besonders fair geht es übrigens auch im Frauenfußball zu. Dort sind die Quoten in der Regel deutlich niedriger als bei den Männern. Die SGM Häfnerhaslach/Sternenfels (0,21), die in der Bezirksliga Württemberg an den Start ging, hat beispielsweise in der ganzen Runde nur dreimal Gelb gesehen. Keine einzige Spielerin wurde vom Platz gestellt.

Für Eckhart Streckfuß, Obmann der Schiedsrichtergruppe Vaihingen/Enz, hat die Fairness-Tabelle indes „schon eine gewisse Aussagekraft“ in Bezug auf die Spielweise der Mannschaften. „Ich glaube, dass sich manche Schiedsrichter in ihrer Vorbereitung diese Statistik durchaus anschauen, bevor sie zu einem Spiel fahren“, sagt der Sternenfelser. Wenn eines der Teams einer Begegnung, die ein Unparteiischer leiten müsse, beispielsweise viele rote Karten habe hinnehmen müssen, könne er daraus ableiten, dass er in strittigen Situationen genauer hinschauen müsse.

Auf die Frage, für welche Art von Vergehen Schiedsrichter die meisten Karten verteilen, kann Streckfuß leicht beantworten: „Von meinem Gefühl her steht das Meckern an vorderster Stelle.“ Oftmals treffe es nicht nur den Gegenspieler, sondern auch Unparteiische. Ein Phänomen, das laut dem Obmann zugenommen hat. Die Hemmschwelle, den Mann mit der Pfeife anzugehen, sei in den vergangenen Jahren gesunken – und zwar nicht nur auf dem Platz. Auch von Zuschauern kämen Kommentare, die unter die Gürtellinie gingen.

Eine „traurige Entwicklung“, die dem erfahrenen Schiedsrichter Sorgen macht – und die nicht nur im Amateurfußball, sondern auch in den höheren Spielklassen zu beobachten sei. Die Auswirkungen sind laut Streckfuß längst zu spüren: „Die Bereitschaft junger Leute, eine Laufbahn als Schiedsrichter einzuschlagen, sinkt.“ Logische Folge: Es werde immer schwieriger, Nachwuchs zu finden. „Schon jetzt ist es schwer, jede Woche alle Spiele mit Unparteiischen zu besetzen – vor allem in den unteren Ligen.“ Und das Problem werde sich künftig noch weiter zuspitzen. „Ich kann mir vorstellen, dass wir in zwei, drei Jahren gar keine Schiedsrichter mehr für die Partien in den B-Ligen haben.“

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