Erfolgsgeschichten wider alle Hürden

Von Klaus Vestewig Erstellt: 12. März 2016, 00:02 Uhr
Erfolgsgeschichten wider alle Hürden Shabal Ahmed (2.v.li.) spielt mit der ersten Badminton-Mannschaft des VfL Herrenberg in der Württembergliga. Der Flüchtling aus Pakistan lebte zunächst in Althengstett. Er suchte einen Badminton-Verein, um sein Hobby weiter zu pflegen, und bekam den VfL Herrenberg empfohlen. Dort erkannte man seine Spielstärke sofort, bezahlte ihm eine Zeit lang sogar das Busticket und organisierte dann seinen Wohnortwechsel nach Herrenberg. Dort trainiert er inzwischen die Jugend. Foto: Holom

Der Sport spielt bei der Integration von Geflüchteten eine vorbildliche Rolle: Viele Vereine im Land beeindrucken durch wegweisende Projekte. Es bedarf aber der Sensibilität und Kreativität, bei Rückschlägen auch der Frustrationstoleranz. Das hat eine Veranstaltung des Sportkreises Ludwigsburg aufgezeigt.

Ludwigsburg. „Wir haben noch keine Sekunde bereut, es angefangen zu haben“, versichert Atilla Böhm, der Zweite Vorsitzende des Schwimmvereins Ludwigsburg, bei der Podiumsdiskussion, die Sportredakteur Steffen-Michael Eigner vom Mühlacker Tagblatt moderiert. Und Steffen Erb, Vorstandsmitglied im TB Neckarhausen, ergänzt: „Wenn man Potenziale sucht und findet, führt das zu gegenseitiger Bereicherung.“ Die beiden Vereinsfunktionäre sprechen von ihren Erfahrungen mit Geflüchteten – beides Einschätzungen nicht von blauäugigen Träumern, sondern von bodenständigen Schaffern.

In der Tat hat sich beim Forum „Flüchtlingsarbeit im Sport“, veranstaltet von der SportRegion Stuttgart in Zusammenarbeit mit dem Sportkreis Ludwigsburg und dem Stadtverband für Sport Ludwigsburg, auf bemerkenswerte Weise gezeigt, wie gut die Eingliederung von Flüchtlingen im baden-württembergischen Sport gelingen kann. Obwohl es zunächst manche Hemmnisse zu überwinden gilt und obwohl naturgemäß auch die eine oder andere Enttäuschung nicht ausbleibt.

Syrischer Flüchtling macht
Freiwilliges Soziales Jahr
Beispiel TB Neckarhausen: Der 1200-Mitglieder-Verein in einem Teilort Nürtingens lud die 40 Geflüchteten im Ort früh zu Jahresfeiern, Jugendnachmittagen und einem Sportfest ein. Als Sponsoren für die Ausrüstung wurden Unternehmer gewonnen. Als erster Verein im Land beschäftigt der Verein im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres seit September 2015 für ein Jahr den syrischen Flüchtling Firas Abu Khraish, der in Kindergärten und Schulen mit großer Zustimmung Kinder zum Sporttreiben animiert. „Anfangs haben wir uns gefragt: Wie kriegen wir den Ort hinter uns, man hat die große Verunsicherung gespürt. Wir haben es geschafft, dass die Vereinsmitglieder als Meinungsbildner und Multiplikatoren dahinter stehen“, berichtet der im Verein für die Öffentlichkeitsarbeit zuständige Steffen Erb in Ludwigsburg. Verbindlichkeit wird bei dem Projekt durchaus eingefordert. „Du warst angemeldet, warum warst Du nicht da?“ – auch solche Rügen für Migranten fehlen nicht, wenn es mal an Regelmäßigkeit und Pünktlichkeit fehlt.

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Pakistani als leitender Trainer
für den Badminton-Nachwuchs
Beispiel VfL Herrenberg: Wie der TB Neckarhausen hat der Verein, in dem 5000 Mitglieder Sport treiben, 2015 beim Stuttgarter Sportkongress den Innovationspreis für „Sport- und Bewegungsangebot für Flüchtlinge“ erhalten. Mit Ahmed Shabal fand ein erstklassiger pakistanischer Badmintonspieler mit zwei Kollegen, die derzeit die Ausbildung zur C-Lizenz absolvieren, zum VfL. Shabal trainiert inzwischen hochengagiert die Jugendmannschaft. Bei der vom Verein besorgten Zimmermanns-Lehrstelle hat das allerdings nicht so gut mit ihm geklappt. Mitunter steht auch der Mannschaftsbus da, die Geflüchteten aber fehlen noch. „Die ticken anders. Man darf sich aber nicht beirren lassen, wenn es nicht so läuft, wie wir es gewohnt sind hinsichtlich der Pünktlichkeit“, macht Geschäftsführerin Stefanie Wunder deutlich.
Die Fußballabteilung des VfL Herrenberg wurde von 20 bis 30 Neuen geradezu überrollt. Anfangs war es nur eine Handvoll Flüchtlinge, die beim AH-Training erst zuschauten und schließlich fragten, ob sie mitkicken dürften. Dann wurden es von Woche zu Woche mehr. Und weil die jünger, fitter und schneller waren, wurde das für die Seniorenfußballer durchaus ein Problem. „Da krieg ich einen Herzinfarkt“, beklagte sich ein eingesessener AH-Kicker.
Gezeigt hat sich in Herrenberg aber ebenso wie andernorts auch, dass Flüchtlinge zu den Angeboten anfangs nicht von allein kommen. Man muss sie in ihren Unterkünften ansprechen und dort buchstäblich abholen. Sie brauchen außerdem zunächst „Paten“, die sie begleiten, um die ersten Hürden und Hemmungen zu überwinden. „Das kann der Sport allein nicht leisten“, weiß Stefanie Wunder.

Schwimmkurse für
traumatisierte Flüchtlingskinder
Beispiel Schwimmverein Ludwigsburg: Vorstandsmitglied Atilla Böhm ist begeistert über den Lerneifer der Flüchtlingskinder beim angebotenen Schwimmkurs. Mancher Bericht über ihre Flucht ist ihm unter die Haut gegangen: zum Beispiel, wie sie 20 Tage und 20 Nächte voller Angst übers Meer gefahren sind und dabei das Ertrinken von Familienangehörigen mit ansehen mussten. Manche Männer seien sechs bis sieben Kilometer zur nächsten griechischen Insel geschwommen. Jetzt arbeitet der Wasserball-Zweitligist gerade daran, einen Schwimmkurs für Musliminnen aufzubauen, in dem diese vor männlichen Blicken geschützt sind.

Arabischer Sportlehrer
macht sich im Verein nützlich
Beispiel TSV Waldenbuch: Auch der 1900-Mitglieder-Verein, der heuer 125 Jahre alt wird, hatte sich um den Innovationspreis beworben, der letztlich den Vereinen in Neckarhausen und Herrenberg zuerkannt wurde. Die Erste Vorsitzende Manuela Kircher berichtet von einer ganzen Palette an Aktivitäten für Flüchtlinge in Waldenbuch: unter anderem Eltern-Kind-Turnen, Psychomotorik, Kindergartenferiensport oder einen Tanzkurs für Frauen. Ein Glücksfall ist, dass Flüchtlingsvater Ahmed ausgebildeter Sportlehrer ist. Bis Ostern hospitiert er bei zwei Übungsleitern, um mit den Gegebenheiten vertraut zu werden. „Er kann schnell Brücken bauen und Hindernisse überwinden“, so Kircher.

Mitgliederzahlen stagnieren,
die Vereine müssen sich öffnen
„Die Mitgliederzahlen stagnieren. Die Vereine wissen, dass sie sich öffnen müssen“, so lautet das Resümee von Matthias Müller, Präsident des Sportkreises Ludwigsburg und Vorstandsmitglied der SportRegion Stuttgart. Die Botschaft von Werner Rilka, dem Ersten Vorsitzenden des VfL Herrenberg: „Ich kann anderen Vereinen nur empfehlen, sich schnell und intensiv mit dem Thema zu beschäftigen.“ Und Raphael Dahler. bei der Stadtverwaltung Ludwigsburg für den Sport zuständig, empfiehlt, Geflüchtete nicht nur zu „bespaßen“, sondern sie aktiv in den Vereinsalltag und die Vereinsarbeit einzubinden. „Wenn wir Kurse speziell für Flüchtlinge machen, lernen sie außer dem Kursleiter keinen anderen Deutschen kennen. Und wenn wir eine Gruppe Flüchtlinge einmal ins Stadion einladen, kommen sie dabei auch bestenfalls nur mit dem Begleiter in Kontakt“, verdeutlicht Dahler.

Info
Versicherungsschutz

– Asylbewerber und Flüchtlinge, die auch als Nichtmitglieder aktiv an den Sportangeboten der Vereine teilnehmen, genießen Versicherungsschutz. Das betrifft den Hinweg zu einer Veranstaltung (seit 22. Februar) als auch den direkten Rückweg. Das gilt auch für Personen, die einen versicherten Minderjährigen als Aufsichtsperson begleiten. Versichert sind auch Flüchtlinge, die im Auftrag des Vereins gemeinnützig arbeiten oder als Helfer bei Vereinsveranstaltungen eingesetzt werden.
– Nehmen Geflüchtete am Wettkampfbetrieb teil, müssen sie Vereinsmitglied werden. In Sportmannschaften benötigen sie dann einen Spielerpass (im Fußball bis hinunter zur E-Jugend). Bei den Vereinsbeiträgen von Flüchtlingen zeigen sich viele Vereine in den ersten Monaten sehr kulant. Mitunter zahlen später Dritte in einer Patenschaft die Beiträge.
– Infos zu Netzwerken und örtlichen Gruppen unter www.fluechtlingsrat-bw.de

Info
75 Hallen belegt

– 2015 sind 98 000 Flüchtlinge nach Baden-Württemberg gekommen, die vierfache Zahl gegenüber 2014. Seit Oktober 2015 (17 000) geht die Zahl indes stark zurück. Im Januar 2016 waren es 9216 neue Zuwanderer, im Februar unter 6000 Erstantragssteller. Knapp die Hälfte der Geflüchteten sind Syrer. 70 Prozent sind Männer, mehr als die Hälfte zwischen 18 und 34 Jahren, 30 Prozent sind minderjährig.
– Im Land werden derzeit noch 75 Sporthallen als vorläufige Quartiere für Geflüchtete genützt, in ganz Deutschland sind es rund 1000 Hallen. Fußball ist bei Flüchtlingen mit 38 Prozent die weitaus beliebteste Sportart. Auch Vereine, die Turnen und Gymnastik anbieten, sind für Flüchtlinge sehr interessant. (vg)

Eine Dokumentation der Veranstaltung in Ludwigsburg, einschließlich der Vorträge auch der Referenten von WLSB und LSV, gibt es auf www.sportregion-stuttgart.de

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