Die Bisons sind in Gefahr

Mittrainiert: Beim Eishockey in Pforzheim wird MT-Reporterin Julia Klassen aufs Glatteis geführt

Von Julia Klassen Erstellt: 9. Dezember 2017, 00:00 Uhr
Die Bisons sind in Gefahr Pforzheims Eishockey-Trainer Ken Filbey bringt MT-Reporterin Julia Klassen die ersten Stocktechniken bei. Foto: Fotomoment

Der Lebensraum der Bisons ist bedroht. Zumindest in Pforzheim. Die Eishalle könnte bald Vergangenheit sein, damit wäre das Aus der Eishockey-Abteilung des 1. CFR Pforzheim besiegelt. MT-Mitarbeiterin Julia Klassen hat sich beim Probetraining davon überzeugt, wie wichtig der Erhalt der Halle für die Kinder und Jugendlichen im Verein ist.

Julia Klassen beim Anziehen der schweren Eishockey-Montur in der Kabine.Julia Klassen beim Anziehen der schweren Eishockey-Montur in der Kabine.

Pforzheim. Eishockey ist die schnellste Mannschaftssportart der Welt. Und eine der härtesten. Das ist bekannt. Ich sehe sie vor mir, die hünenhaften Männer, groß wie Bäume, breit wie Schränke, mit ausgeschlagenen Zähnen und blutenden Nasen.

Dann sehe ich Ken Filbey. Er ist weder besonders groß, noch breit, und wenn er lächelt, entdecke ich nicht eine Zahnlücke. Dabei war Ken Filbey ein echter Profi, einer aus Kanada, dem Mutterland des Eishockeys. Nur eine schwere Verletzung verhinderte, dass er in der besten Liga der Welt, der nordamerikanischen Eishockeyliga NHL zum Zug kam. Stattdessen ging Ken Filbey 1987 nach Europa und landete erst in der deutschen Eliteliga DEL und dann auf dem Trainerposten der Pforzheim Bisons. Neben den Landesligaspielern trainiert der 54-Jährige den Nachwuchs der Abteilung des 1. CFR Pforzheim und leitet die Laufschule für die ganz Kleinen.

Heute erwartet ihn sein bislang schwerster Fall: Er soll mich in der Pforzheimer St. Maur-Halle aufs Glatteis führen. Ken Filbey ist zuversichtlich und überreicht mir meine Ausrüstung, die eigentlich seine ist. Dementsprechend groß fällt sie aus. Doch mit ganz viel Tape werden die Schoner für Ellbogen, Schienbeine und Knie passend gemacht. Der Schulter- und Brustschutz wird wie ein T-Shirt über den Kopf gezogen, darüber kommt das Trikot. Die Hose ist ebenfalls gepolstert und zu groß, auch hier hilft das Tape. Als ich fertig bin, frage ich mich, wie ich nun die Schlittschuhe an meine Füße bekommen soll. Sonderlich beweglich bin ich nämlich nicht mehr, doch irgendwie schaffe ich es. Ich setze mir noch den Helm mit dem Gitter-Visier auf und denke beim Blick in den Spiegel, dass ich tatsächlich aussehe wie eine zu klein geratene Version eines Eishockeyspielers. Das ist doch schon mal gut.

Der Vorteil: Sollte ich hinfallen, bin ich gut geschützt. Der Nachteil: Ich fühle mich wie ein betrunkenes Michelin-Männchen, als ich den Gang von der Kabine bis zum Eis entlangtorkele. Und so soll ich Schlittschuh laufen? Das kann lustig werden. Für die anderen. Ken Filbey grinst, als er mich sieht. „Meine Klamotten stehen Dir“, sagt er. „Ist klar“, sage ich.

Und dann geht es aufs Eis. Ich bin früher viel Schlittschuh gelaufen. Die Eis-Disco in der St. Maur-Halle war jeden Samstagabend ein Pflichttermin für mich. Dort drehte man zu angesagter Musik – die kam damals von den Backstreet Boys oder Take That – seine Runden. Mehr als 20 Jahre ist das nun her und dementsprechend wackelig sind meine ersten Schritte.

Ken Filbey drückt mir noch einen Schläger in die Hand und legt mir einen Puck vor die Füße. Ich darf langsam anfangen. Was gut ist, denn ich bin wahrlich aus der Übung und mir wird schwindelig, wenn ich die Nachwuchsspieler um mich herumdüsen sehe. Sie sind zwischen acht und zehn Jahre alt und fahren so sicher, dass es ein Leichtes für sie ist, um mich herumzukurven. Irgendwie kommt mir der Spruch von der Kuh auf dem Eis in den Sinn.

Aber herunter will mich niemand holen. Erst einmal darf ich hin und her fahren und nach ein paar Minuten fühle ich mich besser. Kurvenfahren klappt auch und Ken Filbey stellt mir Andreas Hellweger vor. Der ist Torwart bei den Pforzheim Bisons und tatsächlich ein Berg von einem Mann, knapp zwei Meter groß. Er stellt sich ins Tor, das hinter ihm winzig aussieht, und ich soll den Puck hineinschießen. Normalerweise fliegen ihm die schwarzen Scheiben mit 100 km/h um die Ohren. Meine erreicht schätzungsweise sieben. Damit wäre sie auf einer Spielstraße gut aufgehoben, ins Ziel schafft sie es aber nicht. Andreas Hellweger zeigt mir die Technik und es wird besser. Irgendwann schafft es der Puck tatsächlich ins Tor. Ich freue mich.

Um uns herum wuselt es. Es ist viel los beim Jugendtraining. Kaum vorstellbar, dass dies schon bald ein Ende haben könnte. Denn die Zukunft der Eishalle – und damit auch unweigerlich die der Pforzheim Bisons mitsamt ihrem Nachwuchsbereich – steht auf dem Spiel.

Das Damoklesschwert schwebt schon eine ganze Weile über den Köpfen der Abteilung. Eigentlich sollte die Entscheidung über den Verkauf der St. Maur-Halle in der Sitzung des Pforzheimer Gemeinderats im November fallen. Nun steht das Thema auf der Tagesordnung für die letzte Sitzung 2018 am 19. Dezember. Ob es dann zu einer Entscheidung kommt, ist fraglich. Klar ist, es gibt zwei Bieter. Investor Rainer Nuding, der aus der Halle einen Trampolinpark machen will und rund 1,7 Millionen Euro bietet. Und den Pforzheimer Gastronomen Wolfgang Scheidtweiler, der den Eissportbetrieb aufrechterhalten will, aber deutlich weniger Geld bietet. Sollte die Stadt dem niedrigeren Gebot den Zuschlag geben, könnte dies ein juristisches Nachspiel haben. Daher gibt es einen Antrag der Freien Wähler, zu prüfen, ob die Halle nicht doch in Eigenregie von der Stadt weiter betrieben werden kann.

Die Verantwortlichen bei den Pforzheim Bisons bleiben optimistisch. „Wir haben die Hoffnung, dass sich alles noch zum Guten wendet“, sagt Ken Filbey. „ansonsten wäre das eine Katastrophe, vor allem für die Kinder und Jugendlichen, denen man ihr Hobby wegnimmt.“ Die Unsicherheit könnte die Eishockey-Abteilung noch eine ganze Weile beschäftigen. Oder anders ausgedrückt: Die Kuh ist noch lange nicht vom Eis.

Ich dagegen schon. Und das ganz ohne hinzufallen.

Weiterlesen
Niederlage gegen den neuen Meister

Niederlage gegen den neuen Meister

Die Pforzheim Bisons haben ihr abschließendes Spiel der Eishockey-Landesliga nur knapp nach Penaltyschießen verloren. Vor 400 Zuschauern in der St.-Maur-Halle unterlagen sie dem EHC Freiburg 1b SIE MÖCHTEN DEN KOMPLETTEN… »