Die unbekannte Kampfkunst

Mittrainiert: Bei Vovinam Mühlacker erfährt Julia Klassen, wie man sich gegen Angreifer wehrt

Von Julia Klassen Erstellt: 13. Januar 2018, 00:00 Uhr
Die unbekannte Kampfkunst Meister Mark Holzwarth (re.) und Trainer Stefan Wirbatz demonstrieren vor den Vovinam-Schülern eine Kampftechnik. Foto: Fotomoment

Asiatische Kampfsportarten sind hierzulande bekannt und beliebt. Judo, Karate oder Teakwondo kennt fast jedes Kind. Von Vovinam dagegen haben die wenigsten jemals gehört. Dabei kann man die Kampfkunst aus Vietnam bereits seit 2007 auch in Mühlacker erlernen

MT-Reporterin Julia Klassen (li.) versucht sich unter Anleitung von Trainer Mark Holzwarth mit einer Trainingspartnerin an einigen Grundtechniken der vietnamesischen Kampfkunst Vovinam.MT-Reporterin Julia Klassen (li.) versucht sich unter Anleitung von Trainer Mark Holzwarth mit einer Trainingspartnerin an einigen Grundtechniken der vietnamesischen Kampfkunst Vovinam.

Mühlacker. Dieses mulmige Gefühl, wenn man im Dunkeln unterwegs ist, kennt fast jeder. Was, wenn mir die Gestalt, die da plötzlich aus dem Nichts auftaucht, nicht freundlich gesinnt ist? Was, wenn sie mich angreift, mir meine Tasche klauen will, oder gar Schlimmeres vorhat?

Gut, in der Regel hat die entgegenkommende Gestalt wahrscheinlich genauso viel Angst vor mir – zumindest bis ich näher gekommen und zu erkennen bin – und im Normalfall wird nichts passieren. Was, aber, wenn doch? Könnte ich mich wehren, wenn mich tatsächlich jemand angreift? Die ehrliche Antwort lautet in meinem Fall: vermutlich nicht. Ich bin klein, recht zierlich und nicht besonders stark. Oder anders gesagt: Ich hätte keine Chance.

„Falsch“, sagt Mark Holzwarth, „mit den richtigen Techniken hat jeder und jede eine Chance.“ Der 44-Jährige weiß, wovon er spricht. Er ist Vovinam-Meister.

Wer nun verständnislos drein schaut und achselzuckend da sitzt, dem muss das nicht peinlich sein. Auch mir war Vovinam bislang nicht bekannt. Das liegt vor allem daran, dass es in Deutschland nicht bekannt ist. Hier gibt es nur neun Meister, vier wohnen im Großraum Stuttgart, fünf in Hannover. Während andere Kampfsportarten bewusst in Europa verbreitet wurden, kam Vovinam durch die sogenannten Boat-People, die Flüchtlinge des Vietnamkriegs, eher zufällig in unsere Gefilde. Da überrascht es, dass man Vovinam ausgerechnet in Mühlacker erlernen kann.

Im Trainingsraum des Body-Fitness-Clubs lehrt Mark Holzwarth zweimal pro Woche die „Kampfkunst aus Vietnam“, was Vovinam wörtlich übersetzt bedeutet. Die Gruppe ist buntgemischt. Kleine zierliche Frauen, große und nicht ganz so große Männer. Sie tragen Anzüge, wie man sie vom Judo oder Karate kennt. Allerdings sind diese nicht weiß, sondern blau. Und hier ist auch nicht der Schwarze Gürtel das Ziel aller Träume, sondern der Rote. Und den hat Mark Holzwarth um.

Das Warmmachen hat es schon in sich und ist schweißtreibend. Neben verschiedenen Fußtechniken und Dehnübungen gehören auch Liegestütze zum Programm. Danach trainieren die Fortgeschrittenen unter sich. Diejenigen, die noch nicht ganz so lange dabei sind, erkennbar an blauen, hellblauen oder gar keinen Gürteln, üben Selbstverteidigungstechniken. Denn darum geht es bei Vovinam in erster Linie. Zu lernen, wie man sich selbst schnell und effektiv schützen kann und das ohne dicke Muskeln oder scharfe Messer.

„Wir lernen hier zuerst die Basics. Es ist wie mit dem Alphabet. Wenn man die einzelnen Buchstaben nicht beherrscht, kann man auch kein Buch lesen“, betont Mark Holzwarth. Deshalb geht es bei Vovinam am Anfang darum, Stereotypen zu trainieren. Die Techniken zur Selbstverteidigung werden so oft wiederholt, bis man sie im Schlaf beherrscht. Nur so kann man im Ernstfall richtig reagieren. Ziel ist es, die Schwachstellen des Gegners zu nutzen und diese gegen ihn zu verwenden. „Aufgrund seiner Effizienz ist Vovinam besonders für die Verteidigung schwächerer gegen stärkere Personen geeignet“, sagt der Meister. Also genau das Richtige für mich.

Jetzt wird es ernst. Wir würgen. Ich bin überrascht, wie fest Mark Holzwarth beim Demonstrieren der ersten Technik zupackt. Aber das muss so sein. Beim Vovinam wird nicht nur simuliert. Der Griff an die Gurgel ist fest. „Was bringt es“, fragt er, „wenn ich im Training meinen Gegenüber sanft an den Schultern anfasse. Im Ernstfall wird er von der Wucht eines Angriffs dann total überrumpelt und kann vermutlich nicht schnell genug reagieren.“

Das Ganze läuft dann so ab: Sobald ich gewürgt werde, spanne ich meine Halsmuskeln an und reiße dann blitzartig meine Arme nach oben. Dadurch löst sich der Griff des Gegners. Meine Hände schnellen nach vorne und treffen den Angreifer am Hals. Auch hier soll ich nicht zimperlich sein. „Ich halte das aus“, sagt der Meister. Na gut, denke ich und haue ihm seitlich gegen den Hals. Er zuckt nicht mal. Dann umschließe ich seinen Nacken und reiße seinen Kopf nach vorne, wo schon mein Knie auf ihn wartet. So viel zur Theorie. In der Praxis läuft das Ganze erst mal in Zeitlupe ab. Später muss alles blitzschnell gehen – so wie es Mark Holzwarth mit den erfahrenen Teilnehmern demonstriert. So schnell kann ich gar nicht gucken. Und der Angreifer im Ernstfall eben auch nicht.

Für jede Angriffsart gibt es im Vovinam eine Technik. Würgen, packen am Handgelenk, Umklammern. Ich merke: Vovinam ist effektiv und kann tatsächlich auch von kleinen, minderbemuskelten Persönchen wie mir effektiv angewendet werden.

Mark Holzwarth lehrt diese Art der Selbstverteidigung schon achtjährigen Kindern – mit einem positiven Nebeneffekt: „Sie lernen sich hier zu konzentrieren, sich zu beherrschen und gewinnen an Selbstvertrauen“, sagt der Illinger.

Nach kurzer Zeit werden die Bewegungen fließender. Irgendwann, sagt Mark Holzwarth, beherrsche man die Techniken im Schlaf. Und spätestens dann sollten sich potenzielle Angreifer lieber zweimal überlegen, ob sie mich würgen wollen.

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