Der Weg ist das Ziel

Mittrainiert: Beim Parkourtraining des TV Kieselbronn lernt Reporterin Julia Klassen die Extremsportart von der sicheren Seite kennen

Von Julia Klassen Erstellt: 10. März 2018, 00:00 Uhr
Der Weg ist das Ziel MT-Reporterin Julia Klassen (2.v.li.) übt mit den Jugendlichen des TV Kieselbronn eine der vielen Sprungvarianten des Parkoursports. Foto: Fotomoment

Waghalsige Sprünge über Geländer, Saltos über Mülleimer, Überschläge über Mauern – das und noch viel mehr ist Parkour. Mussten sich die Sportler in den Anfangsjahren noch alle Techniken selbst beibringen, hat es die heutige Generation etwas leichter. Beim TV Kieselbronn geben erfahrene Traceure von ihrem Können weiter.

Trainer Valentin Weibert bei einem Speed Vault.Trainer Valentin Weibert bei einem Speed Vault.

Pforzheim/Kieselbronn. Als ich vor kurzem in der Stadt war, rannte plötzlich ein junger Mann an mir vorbei, hinter ihm lief noch einer. Witzig, die spielen fangen, dachte ich, als der eine plötzlich auf ein Geländer sprang, von dort auf eine Mauer. Er machte einen Salto, rollte sich nach der Landung elegant ab und rannte weiter als sei nichts gewesen. Ich muss ziemlich doof geschaut haben, denn der andere meinte zu mir: „Passt schon. Das nennt man Parkour.“ – „Logo, das ist bekannt“, sagte ich. Man will ja schließlich nicht zugeben, dass man alt ist.

Zu Hause ging ich dann ins Internet und googelte. „Die in den späten 1980er-Jahren von dem Franzosen David Belle in einem Pariser Vorort entwickelte Sportart, hat es zum Ziel, den schnellsten und effektivsten Weg von A nach B zu finden“, las ich da. Eine Sportart also. Interessant. Die Suche beim Videoportal Youtube ergab 12,7 Millionen Treffer. Als ich mir das erste Video anschaute, fielen mir nur drei Worte ein: Um. Himmels. Willen. Und dann noch mal drei: Sind die wahnsinnig?

Mein Interesse aber war geweckt – und nur wenige Wochen später stehe ich in der Ludwig-Erhard-Halle in Pforzheim und will es selbst ausprobieren. Beim TV Kieselbronn, der dort trainiert, kann man den Parkoursport, der eigentlich auf der Straße stattfindet, schon seit mehr als zehn Jahren lernen.

Denis Künzel und Valentin Weibert sind beide 29 Jahre alt und erfahrene Traceure, so nennt man die Parkourläufer. Sie haben früher Hindernisse überwunden, überall dort, wo sie sich ihnen in den Weg gestellt haben. Im Groß- und Kleinstadtdschungel, auf Schulhöfen und Spielplätzen. Das meiste haben sie sich selbst beigebracht oder bei anderen abgeschaut. Kurse, in denen man die Techniken für den waghalsigen Sport erlernen konnte, gab es damals noch kaum. „Learning by doing“, lautete das Motto, einfach machen! Geholfen haben dabei Youtube-Videos oder die eigene Kreativität. Mittlerweile geben sie ihr Können an Jugendliche ab zwölf Jahren weiter – und heute auch an mich.

Eine Trainerausbildung wie in anderen Sportarten, mit offiziellen Trainerscheinen, gibt es zwar nicht, dafür aber viele Workshops und Lehrgänge mit pädagogischen und methodischen Inhalten, unter anderem angeboten vom Schwäbischen Turnerbund (STB). „Wir haben beide den C-Trainerschein im Turnen gemacht“, sagt Valentin Weibert. Mit Turnen selbst hat Parkour allerdings nur am Rande zu tun, auch wenn Turner meist gute Traceure sind. Aber während beim Turnen die exakte Ausführung einzelner Bewegungen das A und O ist, gibt es im Parkour keine Regeln, kein richtig oder falsch. Der Weg ist das Ziel. Im wahrsten Sinne des Wortes. „Jeder macht es so, wie er will und kann“, sagt Denis Künzel.

In der Halle haben die Traceure schon verschiedene Obstacles, so nennt man die Hindernisse, aufgebaut. Schwebebalken, große und kleine Kästen, verschiedene Matten, Sprungtische und Reckstangen. Darauf, darunter und darüber sollen wir später laufen, klettern, schwingen, balancieren, springen und rollen. Das hat ein bisschen was von Abenteuerspielplatz, denke ich.

Auch wenn beim Parkour keine Bewegungsabläufe vorgegeben werden, ein paar Basics gibt es trotzdem. „Wenn man die kennt, kann man Verletzungen vermeiden“, sagt Valentin Weibert nach dem Warmmachen, das zum Pflichtprogramm der Nachwuchstraceure gehört. Die stabile Landung ist zum Beispiel besonders wichtig – egal, ob man nun auf den Boden, ein Geländer, eine Mauer oder wie in unserem Fall auf einen Kasten oder einen Schwebebalken springt. „Tief in den Knien landen und die Arme nach vorne strecken, damit man nicht nach hinten kippt“, erklärt der Trainer. Und so übe ich mit einigen anderen Anfängern erst einmal springen und landen. Das ist recht einfach, solange man dies auf dem Boden tut. Wenn man aber von einem Kasten auf einen Schwebebalken springen soll, muss man sich ganz schön überwinden. Also zumindest ich, denn die Jugendlichen scheinen damit kein Problem zu haben. „In deren Alter hat man noch keine Angst“, muntert mich Valentin Weibert auf.

Die nächste Übung ist das Überwinden eines Kastens. Zunächst einmal so wie früher in der Schule. Mit einem Hocksprung. Den nennt man allerdings im Parkour nicht Hocksprung, sondern Kong. Klingt irgendwie cooler. Allerdings ohne Sprungbrett – und das fehlt mir ganz schön. Gerade so komme ich über das Hindernis. Elegant sieht das nicht aus. Vor allem im Vergleich zu Valentin Weibert, der mir nun erklärt, dass man den Kasten nicht nur als Hindernis sehen kann, sondern auch als Schanze. Als er das Fragezeichen in meinem Gesicht sieht, zeigt er mir, was er meint. Er springt über den Kasten und drückt sich so ab, dass er erst einige Meter hinter ihm zur Landung kommt. Ich bin beeindruckt, mache es aber nicht nach.

Eine weitere Technik ist der Speed Vault, den wir als Nächstes ausprobieren sollen. Dabei schwingt man sich seitwärts über das Hindernis, in dem man von einem Bein abspringt und das andere nachzieht. Auch das sieht leichter aus als es ist – was ich feststelle, als ich wie ein nasser Sack auf dem Kasten lande.

Aber ich muss sagen, Parkour macht Spaß und die Begeisterung der Jugendlichen überträgt sich auf mich. „Man kann Parkour in jedem Alter machen“, sagt Denis Künzel, „aber gerade bei den Kids ist es zurzeit sehr beliebt.“ Viele der Jugendlichen, die beim TV Kieselbronn trainieren, machen Parkour auch außerhalb der Turnhalle. Dort, wo die Sportart entstanden ist, auf der Straße, auf Plätzen. „Für Eltern ist das glaube ich leichter zu ertragen, wenn ihre Kinder die wichtigsten Techniken bei uns lernen und üben“, sagt Denis Künzel und grinst.

Und ich werde in Zukunft nicht mehr doof schauen, wenn Traceure an mir vorbeiturnen. Sollte mich einer fragen, kann ich sagen: „Klar, hab’ ich auch schon gemacht.“ Und dann schnell weitergehen, bevor ich noch was zeigen muss.

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