Man muss loslassen können

Saisonauftakt im Darts: Von einem Wettkampf, der etwas von einem Familientreffen hat

Von Maik Disselhoff Erstellt: 3. September 2016, 00:00 Uhr
Man muss loslassen können Die Sekunde, die alles entscheidet: Tommy Numann vom Dartclub Lily II aus Mühlacker schickt beim ersten Ligaspiel der Saison einen Pfeil auf die Reise. Fotos: Fotomoment

Für das Spiel mit den kleinen Pfeilen braucht es wenig. Doch wer kein Talent hat, bringt es nicht weit. Und wer besser werden will, muss sehr fleißig sein.

Mühlacker-Grossglattbach. Im Großglattbacher Jugendraum tönen die Toten Hosen aus den Boxen, auf den Sofas sitzen Menschen, die entspannt miteinander quatschen und fachsimpeln. Eine Bar gibt es auch. Nichts deutet auf einen sportlichen Wettkampf hin, wäre da nicht diese Scheibe, die ab und zu klingelt, wenn sie der Pfeil an einer ganz bestimmten Stelle kitzelt. Die Überschrift, unter der die Besucher hier versammelt sind, lautet „DC Lily II gegen DSV Jugendraum Großglabbich“. Die Spieler um Lily-Kapitän Martin Daimer tragen T-Shirts und Jeans, manch einer löscht seinen Durst mit einem Bier. Bei der WM wäre das verboten. Die Sportart, die vermutlich in schummrigen Kneipen und Bars in England im späten 19. Jahrhundert geboren wurde, hat sich verändert. „Bei der WM gibt es heutzutage eine Kleiderordnung. Und die Spieler dürfen während des Wettkampfs keinen Alkohol trinken.“ Diese strengen Vorschriften gibt es in der C-4-Klasse der Baden-Württembergischen E-Dart-Liga nicht. Ein- bis zweimal die Woche trainieren die Mitglieder des Dartclubs Lily im Enka-Stüble in Mühlacker. Neben der Zweiten Mannschaft nimmt die Erste eine Klasse höher in der B-Liga am Spielbetrieb teil. „Soweit ich weiß, ist der Verein nach dem Namen der Tochter der Wirtin benannt“, erklärt Daimer, wo die Lily herkommt.

Die Vereine, die im Verlauf der Spielzeit aufeinandertreffen, kommen aus dem Raum zwischen Karlsruhe und Sersheim. Bis Mai wird der DC Lily II insgesamt 14 Begegnungen bestreiten. „Spaß haben. Ein Aufstieg wäre gut, ist aber nicht wichtig“, umreißt der Kapitän das Saisonziel. Das klingt entspannt, doch im Jugendraum sind Emotionen im Spiel. Ein verpfuschter Wurf ruft Ärger hervor, gleichzeitig brandet bei gelungenen Präzisionswürfen Applaus auf. Und im Gegensatz zu einem Punktspiel im Fußball klatscht dabei auch der Gegner in die Hände.

Heute muss man beim Darts nicht mehr zwingend ein König im Kopfrechnen sein. Bei der Spielvariante mit elektronischer Scheibe nimmt einem der Computer die Arbeit ab. In der C-Klasse müssen beim Wettkampf 301 Punkte runtergespielt werden. Wer zuerst bei null ist, hat gewonnen. Jeder kämpft gegen jeden. Zwei Gewinnsätze sind für einen Punkterfolg nötig. Ein Team besteht aus vier Mann plus Ersatzspieler. Meisterschaftsfavoriten der C-4-Klasse hat Daimer keine auf dem Zettel. „Die Teams, gegen die wir antreten, sind uns fast alle unbekannt.“

Nur wer viel mit den kleinen Wurfgeschossen trainiert, kann sich verbessern. Allerdings gilt das nicht zwangsläufig. „Talent benötigt man auch, sonst muss man sich arg quälen.“ Daimer wurde früher manchmal belächelt, wenn er entfernten Bekannten erklärte, dass er keine Zeit habe, weil er zu einem Dartspiel müsse. „Heute ist das nicht mehr so.“

Daimer findet Darts, das er vor etwa 30 Jahren für sich entdeckt hat, einfach spannend. „Außerdem ist es nicht so schweißtreibend“, sagt er mit einem Schmunzeln. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Ausrüstung nicht teuer ist. „Einen Satz Pfeile gibt’s schon ab zehn Euro.“ Beim Aussuchen des Materials können die Spieler aus einer breiten Palette wählen. „Es gibt verschiedene Legierungen, dicke oder schmale Pfeile. In Ludwigsburg gibt es sogar eine Firma, die Pfeile nach den Vorstellungen des Kunden produziert.“ Entscheidend ist jedoch die Technik des Spielers. In Großglattbach war der DC Lily II treffsicherer und gewann mit 10:6. Allerdings sei der Gegner stark gewesen. „Die haben uns ganz schön gefordert“, sagt Daimer.

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