Brasilien mitten in Pforzheim

Mittrainiert: Beim Capoeira-Training spürt Julia Klassen das Lebensgefühl der Südamerikaner

Von Julia Klassen Erstellt: 27. Januar 2018, 00:00 Uhr
Brasilien mitten in Pforzheim Bei einer „Roda“ treten abwechselnd zwei Teilnehmer aus dem Kreis in die Mitte, um dort zu tanzen. Trainer Anderson Marangoni alias Professor Saci (li.) zeigt hier etwas Akrobatik. Foto: Fotomoment

Wer an Brasilien denkt, denkt an die Copacabana, den Zuckerhut, an Caipirinhas und das 7:1 bei der WM 2014. Vielleicht denkt er aber auch an Capoeira. Die traditionelle Kampfkunst kann man sogar in Pforzheim erlernen. MT-Mitarbeiterin Julia Klassen hat es ausprobiert.

MT-Reporterin Julia Klassen unternimmt ihre ersten Versuche in Capoeira, der brasilianischen Mischung aus akrobatischem Tanz und Kampfkunst.MT-Reporterin Julia Klassen unternimmt ihre ersten Versuche in Capoeira, der brasilianischen Mischung aus akrobatischem Tanz und Kampfkunst.

Pforzheim. Schon wenn man das Centro Cultural Barracao, das sich in einem schlichten Pforzheimer Geschäftshaus befindet, betritt, fühlt man sich ein bisschen wie in Südamerika. Überall leuchten die brasilianischen Farben, man hört südamerikanische Klänge. Hinter der Theke vervollständigt Anderson Marangoni mit seinen langen Dreadlocks das Bild. Er, den alle nur Saci (sprich: Sasi) nennen, kommt aus Sao Paulo, der größten Stadt Brasiliens. Sein Leben ist die Capoeira, die traditionelle brasilianische Kampfkunst. Seit 2009 ist der Professor, so lautet seine Graduierung, in Deutschland. Kaum in Pforzheim angekommen, übernahm er auch schon die dortige Capoeira-Schule.

Und hier darf ich heute beim Basiskurs mitmachen. Bevor es sportlich wird, wird es rhythmisch. Wir singen und klatschen. Das hört sich jetzt nach abgedroschenen Witzen über Waldorfschulen an, ist aber wirklich gut. Saci verteilt die traditionellen Instrumente, die beim Capoeira niemals fehlen: Die Berimbau, ein Streichinstrument, das Pandeiro, ein Tamburin, und die Atabaque, eine Trommel. Wer kein Instrument ergattern konnte, nutzt seine Hände, um den Rhythmus zu klatschen. Saci gibt den Takt vor, dazu noch ein paar Schritte, und schon qualmt der Kopf. Mehr als einmal gerate ich aus dem Takt. Merkt aber keiner. Denn die anderen sind entweder selbst damit beschäftigt, den Rhythmus zu halten, oder aber sie gehen so in der Musik auf, dass sie Falschklatscher gar nicht bemerken. Gesungen wird natürlich auf Portugiesisch. Wenn ich kurz ruhig bin und lausche, klingt es grandios, und das Brasiliengefühl stellt sich endgültig ein.

Dann wird es sportlich. Wir üben verschiedene Schritte und Drehungen, von denen zum Leidwesen meiner Oberschenkelmuskulatur die meisten in der Kniebeuge ausgeführt werden. In der tiefen.

Capoeira, das merke ich schnell, ist ein Ganzkörpertraining. Nach den Schritttechniken kommen Akrobatikübungen. Sie machen die Kampfkunst aus. Räder, Handstände, ja sogar Salti und Flick Flack können zum Programm gehören. „Ihr könnt auch einen Doppelsalto mit Schraube machen, das ist mir egal. Hauptsache ihr weicht eurem Partner aus“, sagt Saci.

Wieder einmal kommt mir meine turnerische Vergangenheit zugute. Handstände und Räder kann ich. Aber selbst wenn dies nicht so wäre, wäre nichts verloren. So wie bei Katharina Görsch. Die 23-Jährige kam vor einem Jahr zum ersten Mal ins Training, weil sie Kampfsport machen wollte, aber ohne die strenge Disziplin, die bei asiatischen Kampfkunstarten gefordert wird. „Ich konnte vorher gar nichts“, sagt sie, „schon gar kein Rad.“ Mittlerweile kann sie es perfekt. Ich bin beeindruckt.

Saci setzt einen drauf und weicht seinem Gegenspieler mit einem Rückwärtssalto aus. Der 34-Jährige hat mit 13 Jahren angefangen. Er stammt aus ärmlichen Verhältnissen und nahm damals gemeinsam mit 300 anderen Kindern und Jugendlichen an einem Sozialprojekt teil. Dort kam er auch zu seinem Spitznamen. „Der Lehrer konnte sich meinen Namen nicht merken, er nannte mich jedes Mal anders. Bis er irgendwann Saci zu mir sagte“, erinnert sich der Capoeira-Professor. Saci ist ein in Brasilien bekannter einbeiniger Kobold. Anderson Marangoni hat zwar zwei Beine, aber es blieb dabei. Kurz darauf wurde er entdeckt, tanzte vier Jahre lang in einem bekannten Zirkus-Ensemble in Sao Paulo und kam dann nach Pforzheim.

Und hier, in seinem geliebten Trainingsraum, teilt uns Saci nun in Zweiergruppen ein. Ich übe mit Vitalis, der heute ebenfalls seine erste Stunde absolviert. Ich greife mit einem Bein an, er duckt sich geschmeidig drunter weg, um nach einer Drehung seinerseits sein Bein über mich zu schwingen. Nach Capoeira sieht das zwar noch nicht wirklich aus, aber wir sind auf einem guten Weg. Sagt Saci.

Vor rund 300 Jahren ist der Kampftanz in Brasilien entstanden, als sich afrikanische Sklaven aus der Unterdrückung und einem menschenunwürdigen Leben zu befreien begannen. Und so erlernten sie das Kämpfen und tarnten es als Tanz.

Heute ist Capoeira ein Element der Selbstverteidigung und dient der Selbstentwicklung. Das Training ist auf der einen Seite spielerisch, aber auch sehr kraftvoll. Die Spiele zwischen zwei Kameraden, wie man die Kämpfe nennt, seien wie Körperdialoge, sagt Saci. Die Bewegungen erfordern extreme Koordination, Ausdauer und Kraft werden gestärkt.

Das mit der Ausdauer spüre ich deutlich, als Saci zum Schluss zum Roda aufruft. „Roda“, sagt Ali, ein Capoerista mit Dreadlocks, „das ist Capoeira.“ Roda heißt Kreis, und genauso stellen wir uns auf. Wieder werden die Instrumente verteilt. Wieder wird gesungen und geklatscht. Doch dieses Mal wird auch gespielt. Und zwar im Innern des Kreises. „Jeder zeigt hier, was er gelernt hat“, erklärt mir Katharina Görsch. Die Chance, dass ich nicht in den Roda muss, geht gegen Null. Schon schiebt mich jemand hinein. Ich überlege kurz und spiele dann mit. Angreifen, ausweichen, hier und da ein Rad. Draußen im Kreis klatschen die anderen, die Musik tut ihr übriges. Ein ganz kleines bisschen fühlt sich das jetzt tatsächlich wie Capoeira an. Und das mitten in Pforzheim.

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