Badminton ist kein Federball

Mittrainiert: Beim BV Mühlacker lernt MT-Reporterin Julia Klassen das schnellste Rückschlagspiel der Welt kennen

Von Julia Klassen Erstellt: 29. Juli 2017, 00:00 Uhr
Badminton ist kein Federball Trainer Alexander Häcker demonstriert Julia Klassen, wie man den Ball in der Luft hält. Foto: Fotomoment

Bis zu 500 Kilometer pro Stunde sind Federbälle schnell, wenn sie von den besten Spielern der Welt geschlagen werden. Bei Julia Klassen fliegen die Bälle zwar deutlich langsamer, das Training beim Badmintonverein Mühlacker bringt die MT-Mitarbeiterin trotzdem ins Schwitzen.

Nach Konditions- und Koordinationsübungen folgt ein Spieltraining auf mehreren Feldern.Nach Konditions- und Koordinationsübungen folgt ein Spieltraining auf mehreren Feldern.

Mühlacker. Den folgenden Dialog hat fast jeder Badmintonspieler so oder so ähnlich schon einmal erlebt:

„Treibst du Sport?“ – „Ja, ich spiele Badminton.“ – „Federball?“ – „Nein, Badminton.“ – „Sag ich doch, Federball. Das kann ich auch.“

Federball ist seit Jahrzehnten ein überaus beliebter Freizeitsport. Fast jeder hatte schon mal einen Schläger in der Hand, dazu einen Ball mit Plastikfederkranz am einen und Plastikkopf am anderen Ende. Den spielt man sich mal sportlich, mal gemütlich hin und her und freut sich, wenn man möglichst viele Berührungen schafft, ohne dass der Ball herunterfällt. Auch ich kann Federball spielen.

Deshalb bin ich guten Mutes in die Kerschensteinerhalle gekommen, um beim Badmintonverein Mühlacker ein bisschen mitzuspielen. Gut, hier muss der Ball über 1,55 Meter hohe Netze fliegen. Und es geht auch nicht darum, ihn so oft wie möglich hin und her zu spielen, sondern darum, dass der Gegner ihn nicht erwischt. Wie beim Tennis eben. Auch das Feld ähnelt einem Tennisspielfeld, es ist allerdings deutlich kleiner.

Alexander Häcker drückt mir einen Schläger in die Hand. Der 30-Jährige ist Spieler, Trainer und obendrein Vorsitzender des BV Mühlacker. Dann bekomme ich noch einen Ball. Der sieht tatsächlich anders aus als die Federbälle, die ich kenne. Was vor allem an den echten Federn liegt, die dem Ball seinen Namen gegeben haben. Plastik sucht man vergebens. Der Kopf ist nämlich aus Kork.

Eines haben Profi- und Freizeitbälle allerdings gemeinsam: Wenn man sie fangen will und es nicht klappt, sieht das ausgesprochen unbeholfen aus. Und man kommt sich ein bisschen doof vor. Zum Glück tun alle so, als hätten sie es nicht gesehen.

Wir beginnen mit einigen Übungen zur Ballgewöhnung und sollen uns den Ball selbst so oft hochspielen wie möglich. Möglich ist da bei mir nicht viel. Aber das macht nichts. „Das ist reine Übungssache“, sagt Alexander Häcker und korrigiert meine Haltung. Schon klappt es etwas besser.

Bei der nächsten Übung ist neben der Treffsicherheit auch Schnelligkeit gefragt. Wir spielen „Mäxle“, so wie ich es von den Tischtennisplatten im Freibad kenne. Nach dem Schlag muss man sofort auf die andere Seite des Spielfeldes rennen, um den zurückkehrenden Ball wieder zu erwischen. Wer einen Fehler macht, scheidet aus und je weniger Spieler noch dabei sind, um so schwieriger ist es – wie ich nach meinem schnellen Ausscheiden vom Spielfeldrand aus feststelle.

Das Guinnessbuch der Rekorde verzeichnet einen 493km/h schnellen Schmetterschlag

Es folgen einige Koordinationsübungen mit einer Trainingsleiter und danach spielen wir tatsächlich so etwas wie Federball. Innerhalb von einer Minute sollen wir uns mit unserem Partner den Ball möglichst oft hin und her spielen und mitzählen. Christian Wiechert und ich schaffen 108. Das ist gar nicht mal so schlecht, auch wenn andere mit 130 natürlich deutlich besser sind. Aber die mussten sich während der Minute ja auch nicht fünfmal nach dem Ball bücken.

Alexander Häcker verringert die Zeit. Erst 30 Sekunden, dann 15, schließlich fünf. Ich bin beeindruckt, mit welcher Wucht die BVM-Spieler die Bälle über das Netz katapultieren. „Nicht umsonst gilt Badminton als das schnellste Rückschlagspiel der Welt“, erklärt mir mein Spielpartner. Der malaysische Profi Tan Boon Heong hat in einem Geschwindigkeitstest im Jahr 2013 einen Federball mit 493 Stundenkilometern geschmettert. Damit steht er im Guinness-Buch der Rekorde. Gut, so schnell geht es hier nicht zu, aber immer noch meistens zu schnell für mich. Im Gegenzug mache ich es meinem Gegenüber leicht, wenn mein Federball ganz gemächlich über das Netz segelt.

Trotzdem findet sich ein Doppelpartner für mich. Alexander Häcker traut sich. Uns gegenüber stehen Christian Wiechert und Tomasz Lucarz. Es geht zur Sache. Und es ist ziemlich anstrengend, weil ich den Bällen oft hinterherrennen muss. Manchmal hechte ich auch und lande am Boden, was sich am nächsten Tag durch die dunkelblauen Flecken auf meinen Knien beweisen lässt.

Weil ich nicht mit Geschwindigkeit punkten kann, versuche ich, die Gegner mit Netzrollern und kurzen Angriffen mürbe zu machen. Teilweise funktioniert das sogar – und der erste Satz geht an uns. Zugegebenermaßen musste Alexander Häcker dafür ganz schön viel rennen, um auch Bälle, die eigentlich auf meine Seite kamen, zu retten. Den zweiten Satz gewinnen Christian Wiechert und Tomasz Lucarz und den dritten und entscheidenden wir. Ich bin fix und fertig, aber es hat wirklich Spaß gemacht.

Beim Federball aber habe ich noch nie so geschwitzt. Alexander Häcker grinst. Er geht entspannt mit den Vorurteilen um. „Ich selber weiß ja, worin die Unterschiede liegen und muss es niemandem beweisen“ sagt er. Und alle, die es nicht glauben wollen, dass Badminton ein schweißtreibender und ernsthafter Sport ist, lädt er zum Probetraining in die Kerschensteinerhalle ein.

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