Ein harmonischer Kampf

Mittrainiert: Beim Aikido Club Knittlingen lernt MT-Reporterin Julia Klassen eine ganz neue Art der Selbstverteidigung kennen

Von Julia Klassen Erstellt: 28. Oktober 2017, 00:00 Uhr
Ein harmonischer Kampf Irgendwann klappt es tatsächlich. In Zeitlupe zwar, aber das ist egal: Julia Klassen (li.) beim Training mit Stock, gemeinsam mit Beate Piepenburg. Foto: Fotomoment

Es gibt etliche asiatische Kampfsportarten. Judo, Karate, Teakwondo, Ju-Jutsu sind einige davon. Und Aikido. Sie alle haben viel gemeinsam und doch ist jede einzigartig. Beim Aikido Club Knittlingen hat MT-Mitarbeiterin Julia Klassen viel über diese fernöstliche Kampfkunst und ihre Philosophie erfahren.

Richtig zu fallen und dabei abzurollen lernen schon die JugendlichenRichtig zu fallen und dabei abzurollen lernen schon die Jugendlichen

Knittlingen. Aikido ist eine asiatische Kampfsportart. So weit so gut. Mehr wusste ich bis vor kurzem nicht. Doch weil ich gerne auf das, was mich erwartet, vorbereitet bin, habe ich mich vor dem Training beim Aikido Club Knittlingen schlau gemacht. Im Internet. Aikido, las ich da, bedeutet so viel wie „Der Weg der Harmonie im Zusammenspiel mit Energie“. Ok, sehr viel klüger war ich nun nicht. Ai, so wurde mir weiter erklärt, bedeutet Harmonie, Ki bedeutet Lebensenergie und Do bedeutet Weg. Das Ganze machte mich stutzig. Und neugierig. Harmonie und Kampfsport – das passt eigentlich gar nicht zusammen. Oder doch?

Ich will es herausfinden und als ich zum Training in den Alten Festsaal der Dr. Johannes-Faust-Schule komme, geht es tatsächlich ziemlich harmonisch zu. Obwohl gerade Jugendliche im besten Alter trainieren, ist es im Saal ganz ruhig. Wenn der Übungsleiter, Joachim Jäckel, etwas erklärt, sind die kleinen Aikidoka mucksmäuschenstill. Und das, obwohl „sie eigentlich ein wilder Haufen sind“, wie Jochen Gerst betont.

Einen Angreifer außer Gefecht setzen, ohne ihm zu schaden

Der Vorsitzende bestätigt mir dann auch gleich meine Internetrecherche. „Das Grundprinzip von Aikido ist es“, sagt er, „einen Angreifer außer Gefecht zu setzen, ohne ihm zu schaden.“ Harmonisch eben, jetzt leuchtet es mir ein. Klingt gut. Eine deutlich hellere Erleuchtung als meine Wenigkeit hatte übrigens der japanische Budo-Meister Morihei Uyeshiba um 1900. „Er hatte die Erkenntnis, dass immer einer kommen kann, der stärker ist als du“, sagt Jochen Gerst. Aus diesem Grund entwickelte er aus mehreren Kampfstilen etwas Neues – und nannte es Aikido. Vereinfacht gesagt nutzt man dabei die Energie, die der angreifende Gegner aufbringt, lenkt sie mittels Ausweichen und Drehbewegungen um, und wendet sie gegen ihn. Im besten Fall, ohne dem Angreifer weh zu tun. Ziel von Aikido ist nicht Kampf und Sieg, sondern Friede, Liebe, Harmonie und die Einheit mit dem Kosmos.

So viel zur Theorie. Nun möchte ich das selbst ausprobieren. Die Jugendlichen haben ihr Training mit einer respektvollen Verbeugung vor dem Meister beendet. Jetzt sind die Erwachsenen dran. Die Gruppe ist gemischt. Männer und Frauen trainieren gemeinsam. Die Gürtel leuchten in vielen Farben. Von weiß über gelb bis braun und schwarz. Der jüngste Aikidoka ist 13, der älteste 65. „Aikido kann man in jedem Alter betreiben“, sagt Jochen Gerst. Manche fangen mit fünf Jahren an, andere mit 50. Immer gilt: Der Weg ist das Ziel.

Die Stunde wird angeleitet von Andreas Weindl, dem ranghöchsten Aikidoka im Verein. Er hat natürlich einen schwarzen Gürtel, ist Träger des 4. Dan, wie die Meistergrade auf dem Weg zur Erleuchtung genannt werden.

An den Beinen trägt er zusätzlich zu der üblichen weißen Hose des normalen Budo-Anzugs einen schwarzen Hosenrock. Es ist ein Hakama, wie ihn einst die Samuraikrieger trugen. Nur wer mindestens die Prüfung zum 1. Dan bestanden hat, darf solch ein Beinkleid in Schwarz anziehen.

Bevor es losgeht, gehen wir alle im Kreis auf die Knie und verbeugen uns vor dem großen Meister – ein Bild von Morihei Uyeshiba hängt im Alten Festsaal. Ihm gilt die Wertschätzung aller Aikidoka. Aikido ist, das merkt man schnell, mehr als nur eine Sportart. Es ist eine Lebenseinstellung, die Respekt, Miteinander und Selbstfindung vereint.

Das Aufwärmprogramm hat es in sich. Viele Dehnübungen, alle in der tiefen Kniebeuge ausgeführt, lassen die Oberschenkel zittern. Dann geht es an die eigentliche Kampfkunst. Doch bevor ich mitmachen kann, bekomme ich erst einmal einen Crashkurs im Abrollen über rechts und links. Das klappt ganz gut, dem Kinderturnen sei Dank. Nun wird es aber kompliziert. Andreas Weindl führt mit einem Partner die Technik vor, wir sollen sie nachmachen. Meine Partnerin ist Beate Piepenburg, sie hat mit Mitte 30 Aikido für sich entdeckt und trägt mittlerweile Gürtel und Hosenrock in schwarz.

Aikidoka sind geduldig – insbesondere mit Anfängern

Je viermal bin ich der Angreifer, dann übernimmt sie viermal diesen Part und ich verteidige mich. Oder besser. Ich versuche es. Und merke schnell: Ich muss viel zu viel nachdenken, um genau die Handgriffe auszuführen, die der Meister zuvor gezeigt hat. „Ihr dürft beim Kämpfen nicht zu viel denken“, erklärt dieser auch schon wie aufs Stichwort. Leichter gesagt als getan. „So ging es uns am Anfang allen“, macht Beate Piepenburg mir Mut.

Ich verteidige mir fast einen Knoten in den Arm und Bein, weil ich mir nicht merken kann, auf welche Seite ich nun ausweichen soll. Doch Aikidoka sind geduldig. Gerade mit Anfängern. Immer wieder erklärt mir meine Partnerin, was ich tun muss. Und irgendwann klappt es tatsächlich. In Zeitlupe, aber das ist egal.

Wir üben verschiedene Techniken, mit Abrollen und ohne, später kämpfen wir auch mit einem Stab. Die Zeit vergeht schnell und ich merke, dass ich schon gar nicht mehr so viel nachdenken muss.

Zum Schluss machen die erfahrenen Sportler noch einen Randori. Das ist ein freier Kampf – der für mich eindeutig zu früh kommt. Deshalb lehne ich mich nun zurück und beobachte. Es wirkt fast als würden die Kämpfer miteinander tanzen. Sehr harmonisch. Es passt also doch.

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