Familienbetriebe im Tal der Tränen

Europa-Abgeordnete Maria Heubuch besucht den Bioland-Hof Blessing in Wiernsheim

Von Norbert Kollros Erstellt: 24. Juli 2017, 00:00 Uhr
Familienbetriebe im Tal der Tränen Seinen Bioland-Milchviehbetrieb in Wiernsheim stellt Jörg Blessing der Grünen-Europapolitikerin und Milchbäuerin Maria Heubuch (li.), der Landtagsabgeordneten Stefanie Seemann (2. v. li.) sowie der Grünen-Kreisvorsitzenden und Bundestagskandidatin Kathrin Lechler (re.) vor. Foto: Kollros

Wiernsheim. Als Milchbäuerin kennt sich die grüne Europa-Abgeordnete Maria Heubuch aus dem Allgäu bestens aus mit allen Themen rund um die Landwirtschaft. Am Samstag war sie somit – auf Einladung des Grünen-Kreisverbands – kompetente Teilnehmerin einer öffentlichen Gesprächsrunde unter dem Motto „Politik mit Käsehäppchen“ auf dem Bioland-Hof Blessing in Wiernsheim. Auch dieser hat sich auf die Milchviehhaltung festgelegt.

Dass die Familie mit nur 40 Milchkühen wirtschaftlich gut über die Runden kommt und zwei Angestellte und weitere Aushilfskräfte beschäftigen kann, führt Jörg Blessing auf die erfolgreiche Direktvermarktung mit eigenem Hofladen in Verbindung mit der Belieferung weiterer Hofläden von Kollegen und auf die Weiterverarbeitung der Milch zu Käse, Joghurt und anderen Molkereiprodukten zurück. Zudem wird auf dem Bauernhof Blessing nach ökologischen Bioland-Richtlinien gewirtschaftet.

Ein weiterer Betriebszweig sei die Kälberaufzucht mit Vollmilch, was pro Tier täglich 20 Liter ausmache. Er könnte, so Blessing, auch die Kälber in ganz jungem Alter an einen Mastbetrieb verkaufen, doch das widerspreche seiner Philosophie, das Tierwohl im Blick zu haben. Somit gehört von Zeit zu Zeit auch frisches Kalbfleisch in Bio-Qualität zum Angebot im Wiernsheimer Hofladen.

Des Weiteren betreiben Blessings noch in geringem Umfang Schweinehaltung, dies unter anderem auch deswegen, um die in der Käserei anfallende Molke verfüttern zu können – nach Blessings Worten „das Lieblingsgetränk“ und „eine wertvolle Eiweißquelle für unsere Schweine“. Weitgehend autark ist der Hof zudem in der Elektroversorgung, nachdem der Landwirt schon seit 18 Jahren eine Biogasanlage betreibt. Bei der Inbetriebnahme sei sie die zweite überhaupt im Enzkreis gewesen.

In der Gesprächsrunde nach der rund einstündigen Besichtigung des Hofs geißelte Europa-Politikerin Maria Heubuch die „verfehlte Agrarpolitik“ in Deutschland und dem gesamten Staatenbündnis. Resultat sei unter anderem die Krise auf dem Milchmarkt mit unrentablen Erzeugerpreisen. Regelmäßig würden Betriebe aufgegeben, von der Jahresstatistik heruntergebrochen stellten täglich elf Milchvieh-Betriebe die Arbeit ein. Andere stockten zwar rigoros auf, seien aber häufig auch den Zwängen von Investoren ausgeliefert.

Aus eigener Erfahrung berichtete Maria Heubuch, dass ihr Abgeordneten-Salär immer wieder zum Familieneinkommen beitragen müsse. „Aber wenn man investiert und daraus Schulden hat, kann man nicht einfach aufhören“. Man müsse dann die Investitionszulagen zurückbezahlen, „aber wovon, wenn man eh schon die Banken bedienen muss“. So sei es nicht selten ein „Tal der Tränen“, das bäuerliche Familienbetriebe durchschreiten würden.

Der Agrarbereich befinde sich in einem Strukturwandel, so Heubuch, dessen Auswirkungen noch nicht absehbar seien. Dazu komme der Klimawandel, der sich in diesem Jahr durch extrem geringe Niederschlagsmengen gerade auch in der Landwirtschaft bemerkbar mache: „Wie kommt man zu ausreichend Grünfutter, wenn das Gras auf den Wiesen mangels Feuchtigkeit nicht wächst?“, frage die EU-Politikerin.

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