„Bürokratie hat massiv zugenommen“

Der Landesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau nutzt „Politiker-Praktikum“ in Sternenfels, um auf Probleme hinzuweisen

Von Maik Disselhoff Erstellt: 8. September 2018, 00:00 Uhr
„Bürokratie hat massiv zugenommen“ Grüne Politikerin trifft Geschäftsführer aus der grünen Branche: Die Enzkreis-Abgeordnete Stefanie Seemann informiert sich im Landschafts- und Gartenbaubetrieb von Henning Wagner über aktuelle Probleme, mit denen zurzeit auch viele andere kleine und mittelständische Firmen aus anderen Wirtschaftszweigen kämpfen. Foto: Disselhoff

Fachkräftemangel, Bürokratiewahn und drohende Dieselfahrverbote bereiten vielen Betrieben Kopfzerbrechen. Gleichwohl sind die Probleme der Firmen äußerst unterschiedlich, wie ein Besuch der Politikerin Stefanie Seemann bei einem Garten- und Landschaftsbauer in Sternenfels zeigt.

Sternenfels. Die Sorgen und Nöte, über die sich die Landtagsabgeordnete Stefanie Seemann am Freitag beim „Politiker-Praktikum“ beim Garten- und Landschaftsbauer „Der Henning“ informiert, betreffen bei Weitem nicht nur die grüne Branche. Im ganzen Land stöhnen Handwerks- und Baubetriebe über überbordende Bürokratie und drückende Vorschriften.

Während die größeren Unternehmen die steigenden Anforderungen meist noch gut bewältigen können, ächzen besonders die kleinen Firmen unter den Lasten, die ihnen von der Politik auferlegt werden. Insofern dürfte sich das Gros der Kleinbetriebe und Mittelständler mit dem Forderungskatalog identifizieren, den der Landesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Baden-Württemberg (GaLaBau) im Vorfeld des Termins in Sternenfels an die Grünen-Politikerin übergeben hatte. Der Verband drängt etwa auf einen „fairen Umgang“ mit kleinen und mittelständischen Betrieben in Sachen europäische Datenschutz-Grundverordnung. Den Unternehmen müsse eine angemessene Zeit zur Umsetzung dieser Herkulesaufgabe gewährt werden. In diesem Zusammenhang müssten die politisch Verantwortlichen auch über das „Unwesen der sogenannten Abmahnanwälte“ nachdenken. „Hier ist ein großer Markt zum Nachteil der Wirtschaft entstanden“, heißt es im Positionspapier des Verbands.

Auch das Bleiberecht für Mitarbeiter aus dem Ausland ist ein großes Thema, wie Andreas Baranski, GaLaBau-Referent, in Sternenfels erläutert. „Unsere Betriebe haben oft gute Mitarbeiter aus Südosteuropa, etwa aus dem Kosovo, die immer auf gepackten Koffern sitzen.“ Ein Missstand, der beseitigt werden müsse, zumal der Branche die Fachkräfte fehlten. Für viele Betriebe seien die drohenden Dieselfahrverbote ein Problem, außerdem müsse eine Ausweitung der Lkw-Maut auf Fahrzeuge ab 3,5 Tonnen abgewendet werden.

Die Sorgen, die GaLaBau-Referent Baranski vor Seemann ausbreitet, treffen freilich nicht jeden Betrieb gleichermaßen. So hat „Der Henning“ in Sternenfels keine Mühe, Nachwuchs zu finden. „Der Fachkräftemangel trifft uns hier auf dem Land noch nicht so wie Betriebe in der Stadt“, sagt Henning Wagner, Geschäftsführer des Sternenfelser Unternehmens. Er kenne allerdings Betriebe im Stuttgarter Raum, die angesichts der Löhne, die Firmen wie Daimler, Porsche und Co. ihren Arbeitern bezahlten, nicht mithalten könnten und entsprechende Probleme bei der Gewinnung von Personal hätten, so Wagner. Die Folge sei, dass die Kunden lange auf den Handwerker ihrer Wahl warten und immer höhere Preise zahlen müssten.

Eine weitere Schwierigkeit, die Garten- und Landschaftsbauer, Bauunternehmer und Handwerker angeht, betrifft die Deponieknappheit. Firmenchef Wagner dazu: „S21 füllt uns hier auf dem Land die Deponien auf, und wir bekommen dann gesagt, du darfst nur so viel Erde liefern, wie du Schotter kaufst.“ Die Preise gingen auf den Deponien stetig nach oben, was am Ende wieder der Kunde spüre. Die Entsorgung von Materialien wie Erde wird laut Wagner immer aufwendiger. Der Vorteil des offenbar florierenden Sternenfelser Betriebs, der 20 Mitarbeiter – darunter derzeit vier Auszubildende – beschäftigt, ist, dass er breit aufgestellt ist und deshalb über Spezialisten verfügt. Aber nicht jeder Landschaftsgärtner kann sich drei Bürokräfte leisten. Trotzdem beklagt Wagner, dass die Bürokratie in den vergangenen Jahren im handwerklichen Bereich „massiv zugenommen“ habe („Ich habe ja nicht Steuerberater, sondern Gärtner gelernt“).

Die Abgeordnete Seemann (59), die selbst Landschaftsgärtnerin gelernt hat, erfährt am Freitag auch, dass sich heutzutage schon kleine Betriebe sehr beweglich zeigen müssen, was die Bedürfnisse ihrer Mitarbeiter betrifft. „Wir hatten hier auch schon einen Meister, der wegen seiner Kinder morgens an zwei Tagen später kommen konnte“, schildert Wagner. Und schon war die nächste Baustelle vieler kleinerer Firmen angesprochen: Die Forderung nach flexiblen Arbeitszeiten ist für viele Betriebe ein schwieriger Spagat. Doch Wagner will nicht nur jammern und sagt: „Wir haben Glück mit unseren Mitarbeitern. Viel hängt eben auch vom eigenen Image ab.“

Maik Disselhoff

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