Rapper sprengt die Punkteskala

Poetry-Slam beim Weingut Jaggy überzeugt das Publikum – Teilnehmer bekommen teils mehr Zähler, als die Regel hergibt

Von Ulrike Stahlfeld Erstellt: 16. Mai 2019, 00:00 Uhr
Rapper sprengt die Punkteskala Gute Stimmung trotz kühler Temperaturen: der 58. Poetry-Slam auf dem Weingut Jaggy.Fotos: Stahlfeld

Es war der Abend, an dem selbst Moderator Achim Dürr zum Worte(er)finder wurde: Die „Unverfrorenen“ nannte er die rund 150 Gäste, die am Dienstag beim 58. Poetry-Slam im Garten des Weinguts Jaggy keine Probleme hatten, kühlen zwölf Grad zu trotzen.

Angelika Wetzel (Buch-Elser) mit Carluca Ebeling und Felix Duhatschek (li.).Angelika Wetzel (Buch-Elser) mit Carluca Ebeling und Felix Duhatschek (li.).

Ötisheim-Schönenberg. Denn der Wettstreit von fünf Poetry-Slammern und der Auftritt der beiden Slam-Sieger vom Mühlacker Theodor-Heuss-Gymnasium boten ihnen weit mehr als warme Worte. Über ein halbes Jahr hatte die treue Slam-Gemeinde auf eine neue Ausgabe des Enzgärtenslams Mühlacker warten müssen. Nachdem die Veranstaltung im Winter ausgefallen war, hatte man sich das letzte Mal im Oktober bei Buch-Elser getroffen.

Gut ein Jahr war es her, seit Achim Dürr und Ramona Deeg gemeinsam mit ihrem Team Gabi Körner, Caro Britsch, Angelika Wetzel, Sabine Burkhard-Dürr, Angelika Hammer und Jule Britsch zum ersten Poetry-Slam auf dem Weingut Jaggy geladen hatten. Was für ein Unterschied: Wurden bei der Premiere bei fast sommerlichen Temperaturen noch kühle Cocktails geschlürft, so gab es am Dienstag warme Decken, und Moderator Dürr überlegte laut, Glühwein auszuschenken.

Eines indes hatte sich nicht geändert: Die Slammer beeindruckten – jeder auf seine Weise – mit ihren Texten, in denen sie kritische Fragen stellten, auch ungewöhnliche Antworten gaben, tiefen Gefühlen Ausdruck verliehen oder auch die Welt einfach mit ihrem Blickwinkel ein bisschen auf den Kopf stellten.

Allen voran verblüfften Carluca Ebeling (Mühlacker) und Felix Duhatschek (Schönenberg). Die 16 und 15 Jahre alten Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums hatten im Deutschunterricht Texte geschrieben und den schulinternen Wettbewerb gewonnen. In ihren Vorträgen griffen die beiden Zehntklässler persönliche Gedanken, aber auch gesellschaftliche Themen auf.

„Live is a journey“ – Carluca Ebeling betrachtete das Leben als eine Reise, das Wertvollste, was ein Mensch erleben könne. Sein Text richte sich an die Jugend, schaute sich Felix Duhatschek im Publikum um und stellte fest: „Passt ja, alle Anfang, Mitte 20.“ Zugegeben, das war schmeichelhaft für die Gäste im vorwiegend „mittleren Alter“, doch auch an ihnen dürfte die Botschaft nicht abgeprallt sein. Ausgehend vom Begriff des „Alman“, sprach der Jugendliche über die Gruppen und Cliquen in der Gesellschaft, die doch zusammenfinden und für ein Europa ohne Grenzen eine Gemeinschaft bilden sollten.

Dann stiegen Semolina (Anja Vocke) aus Landau, Thomas Ring (Stuttgart), Rolf Suter (Weingarten), Marcel Siedersberger (Göggingen) und Lars Sörensen (Karlsruhe) sozusagen in den Ring und lieferten sich unterhaltsame Wortgefechte, bei denen vor allem die Jurymitglieder ganz genau zuhörten, um die Punkte zu vergeben .

Hellhörig wurden nicht nur sie des Öfteren. Beispielsweise, wenn Semolina im Nu die Identitäten wechselte und vom Bad Girl zum Loving Girl oder gar Cooking Girl wurde. Oder wenn Thomas Ring mit einem Seufzer feststellte, dass Gott auch die Schorletrinker erschaffen habe. Von Wortklauberei sprach Rolf Weingarten und forderte: „Sagen wir ja zum Nein.“ Und dann geschah das Unfassbare. Bei einer Punkteskala von eins bis zehn erschien die Elf auf der Tafel: Marcel Siedersberger hatte mit seinem gerappten Liebesbrief das Publikum restlos begeistert.

Doch er war nicht der einzige Wortkünstler an diesem Abend, der die Slam-Gemeinde vollkommen überzeugte. Lars Sörensen bemängelte, dass heutzutage das Umweltbewusstsein der 1990er Jahre abhandengekommen sei: „Die Leute fahren wieder zum Brötchen holen.“ Er bekam ebenfalls wie Rapper Marcel 47 Punkte, und auch beim folgenden Finale konnte das Publikum zwischen den beiden Slammern keinen Unterschied ausmachen. Der 58. Enzgärtenslam hatte am Ende zwei Sieger und ein zufriedenes Publikum.

Nach dem Slam ist übrigens vor dem Slam: Am 11. Juni geht es in den Mühlacker Enzgärten in die nächste Runde. Hier ist der Eintritt frei. Für den Slam Spezial auf der Burg Löffelstelz hat der Kartenvorverkauf indes begonnen.

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