Die Aktivierten

Wenn es auf dem Sauberg funkt – Ein Erfahrungsbericht

Von Carolin Erstellt: 13. Juni 2018, 00:00 Uhr
Die Aktivierten Die Aussicht, die sich von der Chartaque auf dem Sauberg aus bietet, wird von vielen Wanderern geschätzt. Doch der Turm hat sich nun auch in anderer Hinsicht bewährt. Foto: Becker, privat

Von Carolin

Ötisheim-Schönenberg. Da fehlt doch etwas. Ja, zugegeben. Doch bevor der Verdacht gravierender Schlamperei aufkommt, die sich bereits vor Eintritt in den eigentlichen Artikel Bahn zu brechen scheint: Die Autorin ist ihres Nachnamens tatsächlich im Lauf der Recherche für diesen Artikel verlustig gegangen. Und sie hat an diesem sonnigen Sonntagmorgen noch mehr verloren – ihre Rolle als Berichterstatterin nämlich. Doch keine Sorge: Sie hat auch viel gewonnen.

Das mag alles etwas kryptisch klingen, doch nach ungefähr zwei Stunden, die auf eine seltsam unwirkliche und verdichtete Weise angefüllt sind mit für den Laien undeutbaren Kombinationen aus Ziffern und Buchstaben, lässt sich das Faszinosum des Unerklärlichen nicht so leicht aus den Kleidern beziehungsweise den tippenden Fingern schütteln. Es hat gewissermaßen gefunkt. Oder sie.

Nur einer bleibt von solch unerwarteten Entwicklungen unberührt. Breit und gelassen liegt er da, der eigentliche Hauptdarsteller, Rebstöcke unter seiner eichengekrönten Stirn und den Ort Schönenberg zu seinen wiesengrünen Füßen. Weniger lyrisch als diese Beschreibung klingt sein Name: Sauberg. Viel hat er gesehen in seiner langen Geschichte, nicht nur die Schweine, die sich von seiner Bäume Früchte satt gegessen haben, sondern auch hungrige Fronarbeiter, die zum Ende des 17. Jahrhunderts einen teils noch zu erahnenden Schutzwall gegen die Franzosen ausgehoben haben. Eine daran erinnernde moderne Bildergalerie schmückt ihn heute, und Wanderer wissen nicht nur deren Schönheit zu schätzen. Doch bleibt ein Makel, nicht wegzudiskutieren und einer 330 Meter hohen Erhebung unwürdig: Der Sauberg ist in Sachen Amateurfunk ein unbeschriebenes Blatt. Dies zu ändern, den Unbeachteten zu aktivieren, wie es in der Fachsprache heißt, hat sich ein Mann an diesem Morgen zum Ziel gesetzt. Larry hat seinen 20 Kilogramm schweren Rucksack gepackt und wird den Mangel beheben.

Eine Mission, die Beachtung verdient hat, denkt sich im Vorfeld die Schreiberin dieser Zeilen, die dank familiärer Verbindungen in die Szene von der geplanten Aktion erfahren hat. Die Sache klingt in den Ohren eines Laien einfach zu kurios, um die Geschichte sausenzulassen: Im Rahmen des Programms Global Mountain Activity (GMA) sind Funkamateure dazu aufgerufen, Berge, zu denen schon bescheidene Hügel von mindestens 100 Metern über Normalnull gerechnet werden, zu erklimmen und von dort aus funkenderweise die Welt zu kontaktieren. CQ, CQ, werden sie zur Verwunderung ahnungsloser Zeitgenossen und zufällig vorbeifliegender Vögel in ein handliches Gerät rufen und fein säuberlich in einer Art Logbuch festhalten, wessen Antwort sie empfangen. Sie werden das stolze Ergebnis über das Internet an die zuständige Stelle melden und den Lohn in Gestalt einer Urkunde empfangen. Doch noch weitaus verdienstvoller: Der Standort ihrer Wahl wird in aller Funkamateurmunde sein und sich von nun an „aktiviert“ nennen dürfen.

Wie es vonstattengeht, wenn sich Larry aus Asperg des Saubergs annimmt, möchte die Autorin gern erkunden und erscheint ein wenig vor der verabredeten Zeit, ausgerüstet mit Schreibzeug und Fotoapparat, auf dem Aussichtsturm Chartaque, der trotz zahlreicher Graffiti, wüst eingeritzter Anwesenheitsbekundungen und – Skandal – achtlos verstreuter Fußballsammelbilder einen würdigen Schauplatz für die Aktivierung abzugeben verspricht. Allerdings zeigt sich nur Sekundenbruchteile nach der freundlichen Begrüßung, dass hier nicht nur ein Hügel im Stromberg aktiviert werden soll. Larry, Rentner und passionierter Funkamateur seines Zeichens, hat gar nicht vor, selbst mit den zuvor unter anderem per E-Mail über die Pläne in Kenntnis gesetzten Thomasse, Volkers und Wolframs der näheren und weiteren Region zu sprechen. DL8VKO, so lautet sein Rufzeichen, komplimentiert stattdessen die ahnungslose Schreiberin auf ein ihrer Körpergröße angemessenes Campinghockerchen, und schon hält sie zusätzlich zum Block ein Funkgerät in der Hand. 145,425 ist dort im Display zu lesen, wobei es sich um den für die Aktivierung gewählten, in Megahertz gemessenen Frequenzbereich handelt. Den allerdings muss Funkfreund Willi erst räumen, der wie Larry in Sachen GMA unterwegs ist und dem Begriff Gipfelglück eine neue Bedeutung verleiht: Für Funkverbindungen von Berg zu Berg winken schließlich Sonderpunkte. Gerade noch schafft es die Schreiberin, diese und einige dürftige Informationen zu ihrem Lehrer auf Papier zu bannen, der aus Michigan stammt, 1972 nach Deutschland kam und nach gut zweijähriger, Sonntag um Sonntag gewachsener Erfahrung in Sachen Bergfunk dem Präsidenten seines Herkunftslandes sicherlich genau erklären könnte, wie man sich auf Gipfeln benimmt. Erklären kann Larry ohnehin gut, unter anderem, was für ihn die Faszination seines Hobbys ausmacht. Dass da gerade ein Funkamateur im Weltall herumfliegt und beispielsweise von Schulen mit der entsprechenden Arbeitsgemeinschaft angefunkt werden kann, ist nur ein Aspekt der Tätigkeit, für deren Ausübung zunächst eine Lizenz erworben werden muss. Offensichtlich geht damit die Lizenz zum Erwerb eines Elefantengedächtnisses einher, denn wie anders sollte es man sich erklären, dass ein leicht verrauschter, an fremdsprachige Verse mit jambischem Ende erinnernder Buchstaben-Zahlen-Mix noch vor dem Aufnotieren übersetzt wird? „Walter aus Niefern“, stellt Larry den ersten Kontakt fest. Die Unterhaltung ist rasch beendet, geht es doch beim Amateurfunk nicht vordergründig um den Austausch banaler Informationen. Der Weg ist das Ziel, das Möglichmachen der Verbindung der Ansporn, die – möglichst große – Entfernung zum Gesprächspartner ein Maß des Erfolgs. Das mag der Smartphonegeneration erst nahegebracht werden müssen. „Die jungen Leute fragen: Warum soll ich funken, wenn ich mit meinem Handy die ganze Welt erreichen kann?“, schildert Larry eine Schwierigkeit bei der Gewinnung von Nachwuchs.

Da kann ein wenig Eigenwerbung nicht schaden. Die Schülerin, für die es nun ernst wird, soll, legt ihr Larry ans Herz, bitteschön stets nicht nur auf den Standort Sauberg, sondern auch auf den zu erwartenden Artikel aufmerksam machen. Das tut die blutige Anfängerin, froh, einen Satz sagen zu können, der ohne Stolperfallen daherkommt. Die gibt es nämlich in erklecklicher Zahl. Das Ausbildungsrufzeichen DN8VKO findet sich zwar vorsichtshalber bald auf fast allen Schreibblockseiten notiert, doch bleibt ein Verheddern nicht aus, wenn dieses zur Begrüßung mit dem Rufzeichen des unsichtbaren Gegenübers kombiniert werden soll. Delta November, wie war das nochmal? November in Kombination mit Juniwärme lässt jedenfalls den Kopf rauchen. Das sieht Lothar glücklicherweise nicht, der, wie die anderen Gesprächspartner übrigens auch, zu duzen ist. Nachnamen sind für Funkamateure schließlich Schall und Rauch – sprich: nicht existent.

Zwischen alten Eichen reagieren in der Folge auf die „CQ, CQ“-Rufe immer mehr Funker, wobei das Unterschlagen der weiblichen Endung hier in jeder Hinsicht zu rechtfertigen ist. Zu Wolfram aus Serres, Manfred aus Asperg, Franz aus Pfaffenrot, Bernd aus Westerheim am Albaufstieg, zu all den anderen netten Thorstens, Andys und Alfreds wird sich keine weibliche Stimme hinzugesellen. Das registriert die Schülerin freilich erst später. Die kleinen grauen Zellen sind mit anderem belegt. „Von uns eine ,fünf neun‘ für Euch.“ Sätze wie diese suchen im Hirn der Anfängerin erst nach Andockmöglichkeiten. Das zufriedene Gesicht Larrys und weitere ähnlich lautende Bekundungen lassen den Schluss zu, dass es sich bei dieser Zahlenkombination um ein Bewertungskriterium für die Empfangsqualität handelt. „Der Standort ist sehr gut“, zieht Larry eine Zwischenbilanz und deutet auf die am Aussichtsturm montierte Antenne. Die ist rasch gedreht, um auch bei Thomas aus Bauschlott den sogenannten Rapport sprunghaft in die Höhe schnellen zu lassen. Das rauschfreie Gespräch freilich mit einem freundlichen Ade oder Tschüss zu beenden, wäre nicht korrekt, lautet eine weitere Lektion. 73 fliegt stattdessen als Schlussformel hin und her. Warum? Fragen wir lieber: Warum nicht?

Carolin vom Sauberg habe „sehr tapfer mitgemacht“, lobt am Ende des Bergabenteuers Funkfreund Hartmut. Er zählt zum Kreis derer, die ab 10.45 Uhr an der sonntäglichen Runde des Ortsverbands Stromberg teilnehmen und Larry samt Schülerin ebenfalls zu Wort kommen lassen. Da werden keine Romane erzählt, sondern kurz und knapp Neuigkeiten ausgetauscht. Die Generation Smartphone dürfte sich nicht nur darüber wundern, sondern auch über die Tatsache, dass die Surfer auf den geheimnisvollen Funkwellen den Kontakt zur greifbaren Welt keineswegs verloren haben. „Ich verabschiede mich jetzt und gehe meine Schnecken ärgern“, verkündet einer aus der Runde. Na dann 73. Das sagt die Schülerin nach gut zwei Stunden auch zu Lehrmeister Larry. Sie nimmt das erhebende Gefühl mit nach Hause, etwas Neues kennengelernt zu haben, ihn wird es nächsten Sonntag wohl in den Schwarzwald ziehen. Und der Sauberg? Bleibt, wo er ist. Hebt auch im aktivierten Zustand garantiert nicht ab.

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