Hundeattacke hinterlässt Wut und Trauer

Kleiner Mischling Bärbel wird in der Ötisheimer Waldsiedlung totgebissen – Mahnmal hält Erinnerung an besonderen Hund wach

Von Frank Goertz Erstellt: 3. August 2018, 00:00 Uhr
Hundeattacke hinterlässt Wut und Trauer Der Angriff auf den Mischling Bärbel löst in der gesamten Waldsiedlung große Betroffenheit aus. Die Nachbarn gehen nicht einfach zur Tagesordnung über. Sie errichten ein Mahnmal. Fotos: privat

Nicht nur Hundefreunde in der Ötisheimer Waldsiedlung sind bestürzt, traurig und haben Angst: Am Freitagabend ist am Amselweg der kleine Mischling Bärbel von einem großen Artgenossen attackiert worden. Stunden später ist sie bei einer Notoperation in der Tierklinik gestorben. Ein Mahnmal am Amselweg erinnert an Bärbel, die für viele nicht „nur ein Hund“ war.

„Nur ein Hund??“, fragen die Menschen, die um Bärbel trauern – und liefern ihre Antwort.„Nur ein Hund??“, fragen die Menschen, die um Bärbel trauern – und liefern ihre Antwort.

Ötisheim. Rechtlich betrachtet ist die Attacke noch nicht einmal „Sachbeschädigung“. „Das wäre nur der Fall, wenn ein Vorsatz nachweisbar wäre“, erklärt Polizeihauptkommissar Frank Kusterer, Leiter der Polizeihundeführerstaffel Pforzheim. Insofern verfolge die Staatsanwaltschaft den Fall nicht weiter. Gleichwohl müsse der Besitzer des schätzungsweise zehn- bis elfjährigen Labrador-Mischlings, der Bärbel getötet hat, Schadensersatz leisten.

„Tierärztin, Operation in der Tierklinik und Einäscherung – da kommt eine deutlich vierstellige Summe zusammen“, sagt der Besitzer von Bärbel im Gespräch mit unserer Zeitung. Der finanzielle Aspekt sei aber völlig nebensächlich. Viel schwerer wiege die Trauer – und die lasse sich nicht in Euro und Cent ausdrücken. „Bärbel war ein eins zu einer Millionen Hund – und ist nur ein Jahr und acht Monate alt geworden.“ Bärbel sei nicht nur verspielt, verschmust, treu und kinderlieb gewesen, sondern habe anderen Kreaturen gegenüber auch einen ausgeprägten Beschützerinstinkt gezeigt. Nicht nur vom Wesen her sei sie einzigartig gewesen. Der Mischling aus Old English Bulldog und Deutschem Schäferhund sei sehr klein gewesen und habe nur 3,4 Kilo gewogen, während seine Geschwister alle zwischen 30 und 40 Kilo auf die Waage bringen. „Bärbel hatte einen Defekt an der Schilddrüse, der die Wachstumshormone beeinflusst hat. Sie war ein erwachsener Hund im Körper eines Welpen.“ Und für seine Besitzer und deren Eltern war Bärbel ein Kind- beziehungsweise Enkel-Ersatz. „Meine Mutter hat normalerweise panische Angst vor Hunden – aber Bärbel hat sie sofort ins Herz geschlossen. Und meine Großeltern wirkten 20 Jahre jünger, wenn Bärbel in ihrer Nähe war. Sie war wie ein Therapiehund. Die ganze Straße hat Bärbel geliebt.“

Dass diese Worte nicht übertrieben sind, bestätigen Miriam Starck und Melanie van Beers. „Wir sind am Boden zerstört. Wie kann so etwas passieren, nur weil jemand seinen Hund nicht an der Leine führt? So etwas darf nicht in Vergessenheit geraten. Deshalb haben wir das Mahnmal errichtet“, sagt Miriam Starck. Eine Liebeserklärung an Bärbel und an Hunde im Allgemeinen. Wobei Miriam Starck zu bedenken gibt: „Jetzt hat es Bärbel getroffen. Es hätte auch ein Kind sein können.“

Melanie van Beers war eine der Ersten, die am Freitagabend die Initiative ergriffen hat. „Die Eltern der Besitzer von Bärbel, die an dem Abend mit ihr Gassi gehen wollten, und die Begleiterin des anderen Hunds standen wie gelähmt da“, berichtet van Beers. Laut van Beers habe sich der Labrador-Mischling ohne Vorwarnung auf Bärbel gestürzt und sich in sie verbissen. Den Worten „Der tut nichts“ sei ein gleichsam Betroffenes wie Hilfloses „Das hat er noch nie getan“ gefolgt.

„Ich habe Bärbel auf den Arm genommen und gleich gesehen, dass ihre ganze Seite aufgebissen war“, so van Beers. Ihre Tierärztin konnte nichts für die kleine Bärbel tun, sondern hat sie gleich an die Tierklinik in Ludwigsburg verwiesen.

Dort habe seine Frau Bärbel zum letzten Mal gesehen, berichtet Bärbels Herrchen. Der Hund habe sein Frauchen noch mit einem Schwanzwedeln begrüßt. Ein letztes Schwanzwedeln. Kurze Zeit später ist Bärbel auf dem OP-Tisch gestorben.

In der Waldsiedlung mischt sich die Trauer mit der Angst, dass sich so ein Vorfall wiederholen könnte, und dem Zorn auf Menschen, die ihre Hunde unangeleint laufenlassen. „Dabei spielt die Rasse keine Rolle“, sagt van Beers. „Das Problem ist meist am anderen Ende der Leine.“

Und leider, so van Beers, werden manchmal alle Hundehalter über einen Kamm geschoren. „Wir können nur an die appellieren, die es immer noch nicht geblickt haben“, sagt sie. „Leint eure Hunde in Wohngebieten an und räumt deren Hinterlassenschaften auf!“ Ansonsten sei sie eine Verfechterin dafür, dass – ähnlich wie in anderen Ländern – in Baden-Württemberg ein „Hundeführerschein“ Pflicht wird.

Auch Polizeihundeführer Frank Kusterer empfiehlt jedem Hundefreund, mit seinem Tier eine Hundeschule zu besuchen. „Hier bekommen die Menschen wichtige Tipps, wie sie mit ihren Hunden umgehen und sie erziehen sollten“, sagt Kusterer. Für das Wesen des Tiers sei einzig und allein der Hundehalter verantwortlich.

Für den Besitzer der Labrador-Hündin bleibt der Fall nicht ohne Folgen: „Das Tier erfüllt alle Merkmale als ,gefährlicher Hund‘ eingestuft zu werden“, sagt Kusterer und verweist auf eine Polizeiverordnung, demzufolge Hunde als gefährlich gelten, wenn sie bissig sind, in aggressiver oder gefahrdrohender Weise Menschen oder Tiere anspringen oder zum unkontrollierten Hetzen oder Reißen von Wild, Vieh oder anderen Tieren neigen.

Ein nachträglicher Wesenstest der Labrador-Hündin sei nicht nötig, betont Kusterer. Nach dieser Vorgeschichte könnten seine Kollegen unmöglich zum Ergebnis kommen, dass die Hündin ungefährlich sei. Für die Konsequenzen sei jetzt aber die Gemeinde Ötisheim als Ortspolizeibehörde zuständig, so Kusterer. „Wir haben zur Gefahrenabwehr dazu geraten, dass sie für die Labrador-Hündin einen Leinen- und Maulkorb-Zwang vorschreibt.“ Wobei in Ötisheim, so Hauptamtsleiterin Lizandra Ströhle, sowieso schon ein genereller Leinenzwang herrsche. Und für Hunde, bei denen die Kampfhundeeigenschaft nicht widerlegt sei, bestehe Leinen- und Maulkorbzwang. „Individuell gefährliche Hunde jeder Rasse sind so zu halten, dass von diesen keine Gefahren für Personen und andere Tiere ausgehen“, teilt die Gemeinde auf ihrer Internetseite mit.

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