Die Hintere Gasse: Hochwassergebiet

Anwohner im Ötisheimer Ortskern erleben dramatische Stunden – Von Normalität ist nach der Flut noch keine Spur

Von Gerhard Franz Erstellt: 4. Juni 2013, 00:00 Uhr
Die Hintere Gasse: Hochwassergebiet Die Hintere Gasse: Hochwassergebiet

Zwei Tage nach dem Hochwasser, das im alten Ortskern von Ötisheim massive Verwüstungen angerichtet hat, sind die Anwohner der Hinteren Gasse noch immer damit beschäftigt, den Schlamm aus ihren Kellern und Wohnungen zu schaufeln, zerstörte Möbel und Elektrogeräte zu entsorgen. Bis zu 1,70 Meter hoch stand das Wasser in den Häusern.

Ötisheim. „Wir wohnen seit 47 Jahren in der Hinteren Gasse. So etwas haben wir noch nie erlebt“, sind Walter und Erna Lehrer auch zwei Tage nach dem Hochwasser noch vollkommen fassungslos. Zumal sich erst nach und nach die Schäden an ihrem Haus offenbaren, wo das Wasser mannshoch im Keller stand.

Nicht nur die Heizanlage mit Wärmepumpe wurde zerstört, auch zwei Tiefkühltruhen, Waschmaschine, Trockner und allerlei Möbelstücke, die im Kellergeschoss gelagert war, fielen den Fluten zum Opfer. Dabei sei Hochwasser für sie kein neues Phänomen, berichten die Lehrers, sei doch in den vergangenen Jahrzehnten ihr Keller immer mal wieder überflutet worden – allerdings nur um 20, 30 Zentimeter. Dafür reichten die eigenen Pumpen, erzählt Walter Lehrer. Kein Vergleich zu den Überflutungen vom vergangenen Samstag.

Wie hoch der Schaden ist, kann der Rentner und ehemalige Mitarbeiter der Gemeinde noch nicht abschätzen: „Wir haben unsere Versicherung bereits informiert.“ Jetzt gelte es, schildert der 75-Jährige das weitere Prozedere, alle Schäden und Verluste exakt aufzulisten.

„Das Wasser ist wie ein Sturzbach ins Haus geschossen“, erinnert sich Erna Lehrer an die dramatischen Stunden der Überflutung. Aus dem Fenster heraus hat sie im Bild festgehalten, wie sich die 76-jährige Nachbarin Emma Hennig, unterstützt von Helfern, in der überschwemmten Straße in Sicherheit bringen muss. Die Lehrers selbst waren in den ersten Stock geflüchtet, später kam dann Sohn Uwe vorbei, um seinen Eltern Lebensmittel durch das Schlafzimmerfenster zu reichen.

Der Dank der Betroffenen

gilt allen Helfern

Mit tiefer Dankbarkeit erfüllt das Ehepaar Lehrer der unermüdliche Einsatz der örtlichen Feuerwehr, die mit mehreren Pumpen auch am Sonntag noch stundenlang in der Hinteren Gasse beschäftigt gewesen sei, um das Wasser aus den Kellern und Erdgeschosswohnungen zu pumpen. Walter Lehrer: „Das hat einwandfrei funktioniert.“ Auch Bürgermeister Werner Henle sei persönlich vorbeigekommen, um sich über die Lage zu informieren. Die Tochter brach ihren Urlaub ab, um den Eltern zur Seite zu stehen und beim Schriftverkehr mit der Versicherung zu helfen.

Geflüchtet ist am Samstag in der Nachbarschaft auch die siebenköpfige Familie Teyin. Mit ihren fünf Kindern im Alter zwischen 23 und sieben Jahren fanden die Eltern eine Zuflucht in der Schule, wo sie auf Feldbetten des Roten Kreuzes übernachteten. Am Sonntagmorgen konnte die Familie in ihr Haus zurückkehren, wo sie die Heizung und die Waschmaschine zerstört vorfanden. Im Kellergeschoss riecht es nach nassem Gips. Halil Teyin: „Meine Frau hat geweint, als wir das Haus mit der Familie verlassen mussten.“ Auch der siebenjährige Sohn sei völlig verstört gewesen. Andererseits freute sich die türkische Familie über die Zeichen der Solidarität. Helfer brachten ihnen am Samstagabend das Abendessen in die Schule, wo sie die Nacht in einem Klassenzimmer der Kinder verbrachten. Vater Halil: „An Schlaf war dabei nicht wirklich zu denken.“

Schlaflose Nächte hat auch Wolfgang Schütz, der zu der Zeit gar nicht zu Hause war, als sich das Unheil anbahnte. Seine Mietwohnung im Erdgeschoss in der Hinteren Gasse ist nach dem Wassereinbruch nicht mehr bewohnbar, er muss für unbestimmte Zeit in eine Notunterkunft der Gemeinde umziehen. Gestern räumte er die Wohnung, in der viele Einrichtungsgegenstände reif für die Müllhalde sind. Schwester Renate Spath, die im selben Haus im ersten Stock wohnt, berichtete, dass am Samstag ihr Sohn mit einem Paddelboot einige Kleider und wichtige Medikamente aus der Wohnung geholt habe.

Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung gaben am Montag Hilfestellung bei organisatorischen Dingen und kümmerten sich darum, dass die Müllberge am Straßenrand beseitigt werden. Hilfe habe auch das Landratsamt angeboten, berichtete Hauptamtsleiterin Corinna Huber.

Wie das Ehepaar Lehrer so loben alle Anwohner der betroffenen Gebiete die große Hilfsbereitschaft von Nachbarn und Freunden, aber auch die Anstrengungen der Freiwilligen Feuerwehr. Manche der Helfer waren über das Wochenende mehr als 30 Stunden am Stück auf den Beinen.

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