Gold aus der grünen Tonne

Suez investiert in Ölbronn 30 Millionen Euro in eine der modernsten Sortieranlagen Europas – Ein Blick hinter die Kulissen

Von Frank Goertz Erstellt: 9. Mai 2019, 00:00 Uhr
Gold aus der grünen Tonne Lupenreine Trennung: Riesige Müllberge, die in der neuen Anlage in Ölbronn sortiert werden, verwandelt Suez in wertvolle Recycling-Rohstoffe. Foto: Suez

In 20 Minuten vom Joghurtbecher aus dem Müll zum wertvollen Rohstoff: Die Firma Suez hat in Ölbronn die nach eigenen Angaben Europas modernste Sortieranlage für Leichtverpackungen in Betrieb genommen. Unsere Zeitung hat einen Blick hinter die Kulissen der 30-Millionen-Euro-Investition geworfen, die im Ölbronn-Dürrner Gemeinderat für heftige Debatten sorgt.

Ölbronn-Dürrn. Von der Sorge über zunehmenden Lkw-Verkehr bis zum Streit über die Entwässerung des Geländes und angebliche Gefahren für das Trinkwasser: Die Liste der Punkte, an denen sich die Fraktion der Aktiven Bürger im Gemeinderat abarbeitet, ist lang. Dabei ist die Anlage schon längst vom Enzkreis genehmigt, im Februar angelaufen und arbeitet mittlerweile unter Volllast. Sie hat eine Jahreskapazität von 100000 Tonnen, was dem Jahresaufkommen an Leichtverpackungen von mehr als drei Millionen Bundesbürgern entspricht. In Ölbronn wird täglich Verpackungsmüll aus 200000 gelben Säcken und den grünen Tonnen, die im Enzkreis und im Landkreis Ludwigsburg im Einsatz sind, sortiert und in 14 verschiedene Wertstofffraktionen getrennt, darunter neun unterschiedliche Kunststoffe. Die sortenreinen Rohstoffe lassen sich anschließend recyceln.

Nach Angaben des Umweltministeriums verbraucht jeder Deutsche 44 Kilo Rohstoffe pro Tag, 35 Prozent der Abfälle sind Verpackungen, aber nur 36 Prozent des Kunststoffmülls werden recycelt. Dabei schreibt das neue Verpackungsgesetz, das am 1. Januar in Kraft getreten ist, bei Kunststoffen eine Recyclingquote von 58,5 Prozent vor, die gemäß EU-Richtlinie am 1. Januar auf 63 Prozent steigen soll. Auch bei anderen Verpackungsmaterialien werden die Recyclingquoten deutlich erhöht, bei Metallen, Glas und Papier auf 90 Prozent.

„Durch die effiziente Sortierung leisten wir einen entscheidenden Beitrag für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft“, sagt Jochen Zickwolf, Geschäftsführer der Suez Recycling Süd GmbH. Mittlerweile arbeiten 130 Menschen am Standort Ölbronn. Für die neue Sortieranlage, zu der neben der 5500 Quadratmeter neuen großen Halle auch 9000 Kubikmeter große, acht Meter tiefe Anlieferbunker gehören, wurden rund 30 Mitarbeiter neu eingestellt.

Die Debatten um die Genehmigung der Anlage kennt Zickwolf natürlich nur allzu gut. Seiner Ansicht nach entbehren die Befürchtungen der Suez-Gegner allerdings jeglicher Grundlage. So sei die Anlage zum Beispiel beim Thema Entwässerung ein deutlicher Fortschritt. Die kompletten Hofanlagen seien neu angelegt worden und Regenwasser, das mit Abfall- und Recyclingstoffen in Berührung kommt, werde in einen öffentlichen Schmutzwasserkanal eingeleitet. Lediglich das saubere Regenwasser von den Dächern fließe in den Mühlbach. Und was den Lkw-Verkehr betrifft – die Verpackungsabfälle werden aus einem Umkreis von rund 150 Kilometern angeliefert – gehe Suez davon aus, dass die Ortsdurchfahrten nicht zusätzlich stärker belastet werden, weil die meisten Lastwagen über die B35 und B10 zur neuen Anlage fahren, die nach modernsten Standards gebaut und auch mit einer wirkungsvollen Lärmdämmung versehen sei.

An sechs Tagen in der Woche laufen bei Suez im Gewerbegebiet Erlen rund um die Uhr die drei großen Siebtrommeln, die den Abfall vorsortieren, und die mehr als 200 Förderbänder, auf denen der Müll unter anderem mit 21 automatischen Infrarottrennern so sortiert wird, dass er sortenrein recycelt werden kann. Eine klassische manuelle Sortierung, bei denen Menschen an Förderbändern in den Müll greifen, findet in Ölbronn nicht mehr statt. „Wir haben nur noch eine Qualitätskontrolle in einer Sortierkabine“, sagt Zickwolf.

Die gepressten Rohstoffe verkauft Suez wieder oder recycelt sie in eigenen Partnerbetrieben, in dem die Kunststoffe zu Granulat verarbeitet werden, das dann wieder für neue Produkte verwendet werden kann. Natürlich möchte das Unternehmen mit Sitz in Paris, das weltweit einer der größten Umweltdienstleister ist und in Deutschland rund 1900 Mitarbeiter beschäftigt, die 512 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften, die Wertschöpfungskette vom Primär- zum Sekundärrohstoff selbst möglichst tief abbilden. „Wir denken momentan über eine neue Anlage in der Region nach, in der die sortierten Rohstoffe recyclingfähig gewaschen und aufgearbeitet werden“, so Zickwolf. „Damit würden wir unser Leistungsspektrum erweitern.“ Sieben bis acht Millionen Euro müsste Suez Deutschland investieren. Ein möglicher Standort sei Ölbronn, wobei laut Zickwolf auch andere Standorte in Süddeutschland infrage kämen.

Aber erst einmal fiebert Suez dem 1. Juli entgegen. Dann soll die neue Anlage offiziell eingeweiht werden. Zugesagt hat bereits Umweltminister Franz Untersteller.

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