Zweirädrige Alternative zum Auto

Vorstoß des Verkehrsministers, der den Autoführerschein auf Leichtkrafträder erweitern will, trifft in der Region auf Zustimmung

Von Ramona Deeg Erstellt: 26. Juni 2019, 00:00 Uhr
Zweirädrige Alternative zum Auto Geübte Verkehrsteilnehmer können in einigen Übungsstunden das Fahren von Leichtkrafträdern lernen, findet der Mühlacker Fahrlehrer Jim Engel, wenn diese Einheiten sinnvoll genutzt werden. Daher steht er dem Vorschlag von Minister Andreas Scheuer offen gegenüber. Foto: ©antiksu – stock.adobe.com

„Wer das Motorradfahren als Hobby betreiben möchte, für den ist das nichts“, sagt Fahrlehrer Jim Engel über den Vorstoß von CSU-Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer, „aber für Menschen, die eine Alternative zum Auto suchen, könnte das interessant sein.“

Mühlacker/Enzkreis. Geht es nach Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) dann dürfen Autofahrer, die älter als 25 Jahre sind und schon seit mindestens fünf Jahren den Autoführerschein besitzen, mit einer kleinen Schulung ohne Prüfung Leichtkrafträder fahren. Was bundesweit für viel Kritik sorgt, sieht der Mühlacker Fahrschulinhaber Jim Engel sichtlich entspannter. Letztendlich, erinnert er im Gespräch mit unserer Zeitung, gebe es die Regelung in anderen europäischen Ländern schon sehr lange. Auch in Deutschland ist sie nicht ganz neu: Bis 1. April 1980 habe das Leichtkraftrad neben dem Auto zum Führerschein der Klasse 4 dazugehört. Dann fiel das Leichtkraftrad aus Gründen der Verkehrssicherheit nach einer Reform aus der Erlaubnis heraus.

Die Maschinen seien schneller geworden und die Unfallzahlen hätten damals zugenommen, so Engel mit Blick auf die Historie. Argumente, die Gegner auch aktuell ins Feld führen. Allerdings betont der erfahrene Fahrlehrer, dass es durchaus Unterschiede gibt: Die Erlaubnis, die erteilt werden soll, setze eine gewisse Erfahrung im Straßenverkehr voraus. „Man muss mindestens 25 Jahre alt sein“, so Engel zum Vorschlag Scheuers, „das heißt, dass jemand, der den Führerschein mit 17 gemacht hat, zu diesem Zeitpunkt im besten Fall schon acht Jahre Erfahrung im Straßenverkehr hat.“ Daher könne man in der Schulung einige Themen als bekannt voraussetzen: Allgemeine Gefahren im Straßenverkehr, Straßenschilder und ein gewisses Gefühl für Geschwindigkeit. „Außerdem kann man in den sechs angedachten Praxisstunden viel fahrzeugspezifisches Wissen vermitteln, so Engel, erst recht, wenn man es mit geübten Verkehrsteilnehmern zu tun hat.

Der Fahrlehrerverband würde sich tendenziell eine Erhöhung der vorgesehenen 90 Minuten Theorieunterricht wünschen, so Engel. Dem schließe er sich an. Zudem wäre es durchaus sinnvoll, wenn die Praxisstunden nicht nur auf dem Übungsplatz stattfinden müssten, sondern eine Überlandfahrt verpflichtend wäre.

Engel zieht den Vergleich zur Erlaubnis, einen Anhänger über 750 Kilo zulässiger Gesamtmasse ziehen zu dürfen – der Klasse B96. Als diese Erweiterung zum Autoführerschein zugelassen worden sei, die ebenfalls ohne Prüfung erfolgt, hätten Kritiker auch steigende Unfallzahlen angeführt. Fakt sei, dass das grundsätzlich ganz gut funktioniert. Oft würden Eltern diese Erweiterung machen, um im Urlaub einen Wohnwagen ziehen zu dürfen.

Ähnlich sieht er auch die Erweiterung des Pkw-Führerscheins mit der Erlaubnis, Zweiräder zu fahren, die unter den A1-Führerschein fallen würden. Er betont, dass es sich dabei nach aktuellen Planungen nicht um eine A1-Fahrerlaubnis handle. Sprich: Man dürfe nicht nach einer gewissen Zeit direkt die Aufstiegsprüfung für schwerere Motorräder, also dem A2-Führerschein, machen. „Das würde ich tatsächlich kritisch sehen“, so Engel. Er ist sich sicher: Wer Motorradfahren als Hobby betreiben möchte, für den ist das nichts. Als Mobilitätsalternative zum Auto sei es aber durchaus ein attraktiver Vorschlag – gerade mit Blick auf Staus und die allgemeine Parkplatznot. Im Umkehrschluss ist er überzeugt, dass sich viele Verkehrsteilnehmer, die sich für diese Erweiterungsvariante entscheiden würden, keinen Motorradführerschein machen wollen. „Außerdem werden die Leute, die sich für die Erweiterung ihres Führerscheins interessieren, ja nicht einfach auf die Straße gelassen, sondern müssen als geübte Verkehrsteilnehmer eine Schulung absolvieren“, betont Engel nochmals. Bei denen, die die Anhänger-Erweiterung erlangen wollen, gebe es einige, die nach den vorgeschriebenen Stunden zusätzliche buchen würden, wenn sie sich noch nicht restlos sicher fühlen. Ähnliches erwartet er auch bei den Leichtkraftrad-Anwärtern.

Ähnlich entspannt sieht Achim Dürr, milesTone-Sänger und Zweiradfahrer seit seinem 16. Lebensjahr, die Idee. „Das gab es doch schon“, sagt er, „ich weiß nicht, warum man jüngeren verwehren soll, was man älteren die vor 1980 den Führerschein gemacht haben, erlaubt.“ In seinem Bekanntenkreis beobachte er, dass die Motorradfahrer gemessen an früher viel besser ausgerüstet, besonnener und vor allem älter seien und in der Regel passiv fahren würden. Ihm sei es hingegen ein großes Anliegen, dass eine regelmäßige Führerscheinprüfung für ältere Verkehrsteilnehmer – etwa ab 75 Jahren – gibt: „Mir ist schon oft aufgefallen, dass ältere Menschen am Steuer eines Autos meine Geschwindigkeit als Motorradfahrer nicht richtig einschätzen.“

Ein Blick in die Unfallstatistik des Polizeipräsidiums Karlsruhe zeigt, dass sich im gesamten Zuständigkeitsbereich vergangenes Jahr 560 Motorradunfälle ereignet haben. Bei 267 – also knapp weniger als jedem Zweiten – wurde der Zweiradfahrer als Verursacher ermittelt. Im Enzkreis sind vergangenes Jahr zwei Motorradfahrer, darunter ein Leichtkraftrad-Fahrer tödlich verunglückt.

Ramona Deeg

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