Wortkünstler und Sonne in Hochform

Enzgärtenslam: Zum Saisonabschluss erleben 150 Besucher auf der Leseinsel des Mühlacker Tagblatt einen hochkarätigen Wettbewerb

Von Ulrike Stahlfeld Erstellt: 12. September 2019, 00:01 Uhr
Wortkünstler und Sonne in Hochform Alice Rex (v.li.), Therese Degen, Jonas Pan, Gusto, Thon, Sven Timpe und Marcoo bringen beim Enzgärtenslam das Publikum zum Jubeln. Foto: Stahlfeld

Besser hätte der Abschluss der Open-Air-Saison kaum ausfallen können: Nach nassen und grauen Tagen strahlte am Dienstag die Sonne über dem 61. Enzgärtenslam. 150 Besucher genossen am frühen Abend die letzten Strahlen und vor allem die doch so ganz unterschiedlichen Texte der sieben Teilnehmer.

Das Publikum vergibt Punkte für die Texte der Poetry-Slammer.Das Publikum vergibt Punkte für die Texte der Poetry-Slammer.

Mühlacker. „Wer ist zum ersten Mal dabei?“ Moderator Achim Dürr konnte es kaum fassen. Da gingen im Publikum doch tatsächlich einige Arme in die Höhe. Slammer-Neulinge? Tatsächlich scheint es diese noch immer zu geben. Auch wenn es sich nach 61 vom Mühlacker Tagblatt und Buch-Elser unterstützten Enzgärtenslams um vermutlich äußerst seltene Exemplare handeln muss.

Die Slammer-Neulinge dürften am Dienstag überrascht gewesen sein. Denn zusammen mit den sieben Slammern, die sich auf der Mühlacker-Tagblatt-Leseinsel in den Enzgärten präsentierten, ging es einmal querbeet durch das menschliche Leben. Die Gäste hörten traurige Texte, lustige Gedanken, Zeilen, die zum Nachdenken anregten – die Zuhörer wurden bei jedem neuen Auftritt auf eine andere Art angesprochen.

„Ich bin ein Rebell, ich werde keine Zahlen schreiben, nur Buchstaben“, dachte sich Alice Rex (Stuttgart) bei ihrer Mathe-Abiturprüfung. Dort sei auch ihr vorgetragener Text entstanden, ließ sie ihr Publikum wissen. Gusto (Günther Kiefer aus Herxheim) malte mit Worten auf der Lebensleinwand und forderte die Zuhörer auf, Farbe zu bekennen.

Sven Timpe (Bad Kreuznach) hatte sich verliebt. Alexander Müller hieß der Angebetete, der ihn wie Luft behandelte. Allerdings: „Luft braucht man zum Leben“, stellte der Poetry-Slammer fest. Auch Wortkünstler-Kollege Thon (Bruchsal) hatte es mit der (unglücklichen) Liebe und wünschte sich einen Menschen, „der dich so lange drückt, bis dein gebrochenes Herz zusammenwächst“.

Die Sprachwissenschaftlerin und Hula-Tänzerin Therese Degen aus Stuttgart führte ihre Zuhörer mitten hinein in die Schrecken des Krieges. Unüberhörbar auch der Bezug auf aktuelle rechte Tendenzen in der Gesellschaft.

Tatsächlich war es auch ein gesellschaftskritischer Text, der den amtierenden baden-württembergischen Vizemeister Thorsten Fahrbach aus Winnenden, auf der Bühne nennt er sich Jonas Pan, in das Finale katapultierte. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ sei für ihn der schönste Satz der Welt. Allerdings gebe es in Deutschland Kräfte, die die Menschenwürde mit Füßen treten.

Unterschiedlicher hätten die Themen kaum sein können. Marco Valentinoo, der sich Marcoo nennt, schaffte den Sprung in die Endrunde ebenfalls mit einem Blick auf die Gesellschaft, allerdings aus ganz anderer Perspektive. Der Mensch habe wegen Netflix, Facebook und Co. keine Zeit zum Essen, Denken und Schlafen. Wegen Zeitmangels finde das Mittagsschläfchen abends um 22 Uhr statt. Seine Oma indessen habe Zeit, warte auf Wertschätzung, stellt er fest, dass er noch ein paar Minuten Zeit habe. Sprach’s und ging die Oma anrufen. Im Finale hörten die Besucher von Marcoo und Jonas Pan humorvolle Werke, denen auch ein gewisser Tiefgang nicht abzusprechen war. Jonas Pan teilte das Leben in Fünf-Minuten-Einheiten ein, Marcoo sinnierte über den Versuch einer verständlichen Veränderung eines Textes über Unverständlichkeit. Die Stärke des Applauses entschied und machte Jonas Pan zum Sieger an diesem herrlichen Spätsommerabend.

Das nächste Slam-Highlight ist in Planung. Am 10. Dezember wird es bei Buch-Elser und „Vom Fass“ weihnachtlich.

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