Von Hamstern und allzu Menschlichem

Der 60. Enzgärtenslam auf der Burgruine Löffelstelz bietet den über 250 Besuchern einen Dichterwettstreit der Spitzenklasse

Von Thomas Eier Erstellt: 11. Juli 2019, 00:00 Uhr
Von Hamstern und allzu Menschlichem Zum zweiten Mal gastiert die Poetry-Slam-Reihe unserer Zeitung auf der Burgruine Löffelstelz – und was bei perfekten Bedingungen geboten wird, macht allen tierischen Spaß. Foto: Fotomoment

Das beste Starterfeld überhaupt kündigt Achim Dürr für die 60. Auflage des Enzgärtenslams an, und der Moderator hat nicht übertrieben. Im restlos ausverkauften Innenhof der Burgruine Löffelstelz geben sich beim zweiten Poetry Slam an historischem Schauplatz die Meister ihres Fachs ein Stelldichein.

Mühlacker. Nur gut, dass die Ritter von Dürrmenz und ihre Untertanen dereinst eine andere Haltung zum Thema Häuslesbau an den Tag legten als „Nik Salsflausen“. Sonst hätte es die Burg nie gegeben, und der Slammer aus Esslingen wäre nicht im Gemäuer der Löffelstelz erschienen, um seine Strategien als verhinderter Bauherr darzulegen. Im Beitrag des 31-jährigen Lehrers mit dem bezeichnenden Künstlernamen löst sich der (Alb-)Traum von Bausparvertrag und Eigenheim schrittweise in Luft auf – zurück bleiben die unberührte Wiese und das gute Gefühl, frei zu sein.

In ihren vier Jahren hat die unverwüstliche Poetry-Slam-Reihe des Mühlacker Tagblatt, die zur Gartenschau begann, etliche Highlights erlebt, und diese Erfolgsgeschichte wird an einem perfekten Sommerabend auf der Löffelstelz nahtlos fortgeschrieben. Garant dafür sind – neben einem bestens aufgelegten Moderator Achim Dürr – in erster Linie die Teilnehmer, die als erfolgreiche Starter bei überregionalen Wettbewerben im Wortsinn meisterhafte Texte von absurd über hintergründig bis bewegend präsentieren. Beispiel Thorsten Fahrnbach alias „Jonas Pan“, der amtierende baden-württembergische Vize-Meister: Er begleitet seine Liebeserklärung an den gehörlosen Vater mit Gebärdensprache und schafft auf diese Weise ein ausdrucksstarkes, berührendes Gesamtkunstwerk. Mühlacker erlebt eine Premiere, und gleichzeitig stellt der Konstanzer unter Beweis, dass das Format Poetry Slam nicht langweilig werden kann, weil es bei jeder Neuauflage neue Geschichten schreibt.

Der Umstand, dass „Jonas Pan“ trotz eines beeindruckenden Auftritts und hohen Bewertungen durch die Publikumsjury das Finale verpasst, unterstreicht die Klasse der Darbietungen an diesem Abend. Neben Lokalmatador Wolfgang Wetter aus Enzberg, der dem ewigen Rivalen „Jan“ höchst prosaische Einträge im Poesiealbum widmet, und Anna Teufel aus Karlsruhe mit ihrer Ode an die Zweisamkeit muss selbst Stefan Unser, der Landesmeister von 2016 und Sieger der Gartenschauserie 2015 in Mühlacker, im Kampf um den Tagessieg trotz 45 von 50 möglichen Punkten passen. Dabei hätten seine Betrachtungen, die sich mit der wachsenden Verblödung in Zeiten der allwissenden Suchmaschinen beschäftigen, in einer anderen Konstellation locker für den Platz an der Spitze gereicht.

Stattdessen liegt nach der Vorrunde Nik Salsflausen mit seinem Versuch, im Baumarkt das Material für ein komplettes Einfamilienhaus – inklusive 30000 Backsteinen und neun Türklinken – einzupacken, an der Spitze, dicht gefolgt von Natalie Friedrich. Die 18-Jährige aus Malsch bietet mit ihren nachdenklichen Texten den Kontrast zu den Flausen ihres Konkurrenten und vereint Ausdruckskraft mit dem Talent, Bilder aus Sprache zu entwerfen. So werden ein weggeworfenes Reclam-Heftchen zum Symbol für den Umgang mit der hohen Dichtkunst und eine launige Selbstanalyse zum Appell für Individualität gegen alle Zwänge. Ein Plädoyer, das ihr Platz eins auf der Burg sichert.

Natalie Friedrich ist ebenfalls eine Meisterin ihres Fachs, konkret: die amtierende U20-Landesmeisterin, und diese Meriten kommen nicht von ungefähr. Entschieden wird der Zweikampf zum Abschluss des Abends durch den Applaus des Auditoriums, und auch wenn Nuancen den Unterschied machen, steht beim Poetry Slam nicht der Sieg, sondern der Spaß an der Sache und an der Sprache im Vordergrund. Wie beim Nachruf von Nik Salsflausen auf den geliebten Hamster „Epikur“, der – vom herabfallenden Dampfbügeleisen erschlagen – stilvoll auf dem Einweggrill direkt neben den Käsecrackern fürs Herrchen feuerbestattet wird.

Mit Ausflügen ins Comedy-Genre und inhaltlichem Tiefgang bietet der Abend die nötigen Zutaten für einen abwechslungsreichen verbalen Schlagabtausch, der durch die Einlagen des Duos „Einfach so“ bereichert wird. Cäcilia Bosch und Ansgar Hufnagel aus Freiburg, die als Teilnehmer am Enzgärtenslam dem Stammpublikum bestens bekannt sind, switchen mühelos hin und her zwischen brisanten Fragen wie dem globalen Kampf ums Wasser, dem „blauen Gold“, und witzigen Schmankerln wie dem Rap-Song um legale und illegale Drogen, bei dem ein entrückter Ansgar Hufnagel ins Zucker-Delirium fällt.

Wie die Handzeichen auf Nachfrage von Achim Dürr zeigen, haben sich neben vielen treuen Fans doch einige Neulinge in der Welt des Poetry Slams auf der Löffelstelz eingefunden, und sie dürften ihre Premiere in guter Erinnerung behalten. Die mehr als 250 Besucher, mit denen die Kapazitäten des altehrwürdigen Gemäuers voll ausgeschöpft sind, ziehen – weil es abgekühlt hat, inzwischen in Jacken gehüllt – leicht fröstelnd, aber zufrieden von dannen, nachdem der Moderator sich bei den Slammern, bei Redakteurin und Mitorganisatorin Ramona Deeg, beim bewährten Team von Buch-Elser, bei der Volkshochschule Mühlacker als Veranstalter und bei allen weiteren Beteiligten bedankt hat.

Die nächste Auflage des Enzgärtenslams kündigt sich nach der Sommerpause für Dienstag, 10. September, an, und zwar dann – sofern das Wetter passt – am angestammten Schauplatz auf der Leseinsel im früheren Gartenschaugelände. Im Gegensatz zum Gastspiel auf der Löffelstelz, wo der logistische Aufwand ungleich höher ist, gilt dann wie gewohnt: Eintritt frei.

Thomas Eier

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