Unter Mäusen

Stars des Alltags: Das Mühlacker Tagblatt stellt außergewöhnliche Menschen vor – Folge neun: Saskia Tratinek

Von Carolin Becker Erstellt: 9. Januar 2015, 00:00 Uhr
Unter Mäusen Hand in Hand wird in der Mäusegruppe des Kindergartens Villa Emrich gebastelt und gespielt. Erzieherin Saskia Tratinek arbeitet aber nicht nur beruflich gern mit Kindern zusammen. Foto: Becker

Wer sieht Schnecken, Igel, Maulwürfe und Mäuse lächeln? Saskia Tratinek muss für diesen Anblick keine biologischen Experimente anstellen, sondern nur die Tür zur Villa Emrich öffnen. In der Arbeit mit Kindern, die dort in tierisch einfallsreich benannten Gruppen spielen, hat sie – beruflich und im Ehrenamt – ihre Erfüllung gefunden.

Mühlacker. Es mag Jobs geben, die besser bezahlt sind, stärker im Fokus der Öffentlichkeit stehen, mehr Prestige versprechen, weniger Geduld und Einfühlungsvermögen voraussetzen. Für Saskia Tratinek indes kamen sie nie infrage. „Schon ganz früh wusste ich, dass ich einmal mit Kindern arbeiten würde“, blickt die Dürrmenzerin zurück auf die Jahre, in denen sie zunächst die Grundschule an ihrem Wohnort, später die Mörike-Realschule in Mühlacker besuchte.

Ihr Talent im Umgang mit dem Nachwuchs zeigte sich früh: Waren die jüngeren Vettern zu Besuch, sorgte Cousine Saskia für deren Unterhaltung, und nach der Konfirmation eröffnete sich ein weiteres Betätigungsfeld. Ermuntert durch eine Jugendreferentin, fand sie Anschluss an ein Team, das sich aktiv in der Dürrmenzer Andreasgemeinde einbrachte. Mittlerweile blickt sie auf sieben Jahre Kinderkircharbeit zurück, auf eine Zeit als Jungscharleiterin, auf Einsätze für die Kinderferienwoche des Vereins Paula, auf zahlreiche Konfitage und -freizeiten, die sie als Betreuerin begleitete.

„Da hat sich einiges angesammelt“, zieht die heute 21-Jährige eine erste Bilanz. „Für mich ist das nichts Besonderes“, ordnet sie ihr Engagement ein. So viele andere gebe es, deren Wirken bemerkenswert sei, die sich als Stars des Alltags fühlen dürften. Selbst wolle sie nicht im Mittelpunkt stehen, bekomme sie doch für die investierte Zeit viel zurück. Angenehmer Nebeneffekt: Im Ehrenamt habe sie eine ihrer besten Freundinnen kennengelernt. „Wir haben viel Spaß im Team“, ermuntert Saskia Tratinek potenzielle Kandidaten, dazuzustoßen. Verstärkung werde benötigt, denn sie selbst könne angesichts ihrer beruflichen Verpflichtungen zwar noch als Helferin im Hintergrund, aber, so schwer es ihr auch falle, nicht mehr jeden Sonntag zur Verfügung stehen.

Ob Kinderkirche, Jungschar oder Freizeiten: Sie habe die Begegnungen mit den Jungen und Mädchen genossen, mehr noch: „Die Arbeit hat mich darin bestärkt, an meinem Berufsziel festzuhalten, auch dann, wenn Prüfungen anstanden und eine Motivationsspritze nötig war.“

Entsprechend konsequent verfolgte sie ihren beruflichen Weg. „Einen Bürojob konnte ich mir absolut nicht vorstellen“, lautet Saskia Tratineks lang gereifte Erkenntnis. So besuchte sie nach dem Realschulabschluss die Evangelische Fachschule für Sozialpädagogik in Stuttgart-Botnang, absolvierte ihr Anerkennungsjahr im Mühlacker Storchennest und kehrte im September 2014 ins integrative Kinderhaus Villa Emrich zurück, das sie schon während eines Sozialpraktikums kennengelernt hatte – eine bewusste Entscheidung gerade auch für das dort gelebte Miteinander von behinderten und nicht behinderten Kindern. „Bisher habe ich nur Positives erlebt“, berichtet die Erzieherin von kleinen Gruppen und einem vorurteilsfreien Umgang der Kinder untereinander nach dem Motto „Wir sind alle unterschiedlich“. Die Woche über sei jede Menge Abwechslung geboten vom Wald- bis zum Hauswirtschaftstag. „Außerdem finden regelmäßig Überraschungstage statt“, erzählt Saskia Tratinek. Zu den Kindern, besonders zu jenen in „ihrer“ Mäusegruppe“, seien enge Beziehungen entstanden. „Da kann der Tag noch so stressig sein, wenn ich die Tür aufmache und mich ein strahlendes Kind begrüßt, geht für mich die Sonne auf“, schwärmt die Dürrmenzerin vom Leben unter Mäusen, Igeln, Schnecken und Maulwürfen.

Keine Biologin muss sie sein, um zu wissen, dass diese zweibeinigen Vertreter ihrer jeweiligen Spezies nicht nur lächeln, sondern sogar sprechen können. Spätestens dann, wenn sie sagen „Ich hab’ dich lieb“, ist Saskia Tratinek ihr Beruf mehr wert als der bestbezahlte Job der Welt.

Carolin Becker

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