Realschüler üben sich als Wähler

Rund 200 Neunt- und Zehntklässler der Mühlacker Mörikeschule nehmen an bundesweitem Projekt zur politischen Bildung teil

Von Thomas Sadler Erstellt: 22. September 2017, 00:00 Uhr
Realschüler üben sich als Wähler Juniorwahl in der Mörike-Realschule: Leander Heugel mit Stimmzettel an der Wahlurne. Mit auf dem Bild: Schüler in den Wahlkabinen, Helfer und Konrektorin Andrea Maisel (stehend). Foto: Sadler

Am Sonntag findet in Deutschland die Bundestagswahl statt. Rund 200 Schülerinnen und Schüler der Mörike-Realschule haben schon am Donnerstag ihre Stimmen abgegeben. Allerdings nur bei einem simulierten Urnengang, der Juniorwahl, die Interesse an Politik und die Beteiligung an Wahlen fördern soll.

Mühlacker. An einer Pinnwand im Klassenzimmer der 10d hängen die Konterfeis der Bundestagskandidaten für Pforzheim und den Enzkreis und verschiedene nützliche Informationen zu den antretenden größeren Parteien. Seit vergangener Woche hat Konrektorin Andrea Maisel ihre Schüler in Gemeinschaftskunde auf die unter der Schirmherrschaft von Bundestagspräsident Professor Dr. Norbert Lammert stehende Juniorwahl, an der fünf neunte und drei zehnte Klassen der Mörike-Realschule teilnehmen, vorbereitet.

Und das war auch dringend notwendig. Einen allzu großen Bekanntheitsgrad hatten bis dahin die Abgeordneten und die Kandidaten, die ebenfalls einen Sitz im Bundestag anstreben, samt den Programmen ihrer Parteien nämlich nicht genossen. Ein Schüler der 10d hatte immerhin Katja Mast (SPD) von einer Berlin-Fahrt her schon gekannt, eine Klassenkameradin wusste aufgrund eines früheren Referats über Gunther Krichbaum (CDU) Bescheid. Nur wenige der 15 und 16 Jahre alten Schüler machten sich viel aus Politik, weiß Andrea Maisel. Am größten sei das Interesse bei denen, in deren Elternhaus über politische Themen gesprochen werde. Informationen werden aus Zeitung, Fernsehen, Internet und aus Flyern bezogen.

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Bevor ihre Lehrerin ihnen für die Meinungsfindung wichtiges Hintergrundwissen verschafft hat, wussten nur zwei oder drei Schüler der zehnten Klasse, an welchen Stellen sie bei der gestern Vormittag durchgeführten Juniorwahl ihre Kreuzchen machen würden. Am Anfang, befürchtete ein Mädchen, hätten einige das Projekt „nicht ernst genommen“ und damit geliebäugelt, der AfD ihre Voten zu geben, doch je mehr Details zu deren politischen Vorstellungen sie erfahren hätten, desto stärker habe die Zahl der potenziellen Anhänger der Partei abgenommen.

Wie die Übungswahl an der Realschule ausgegangen ist, weiß noch niemand. Heute werden die Stimmen ausgezählt, und anschließend werde das Ergebnis an die für die Juniorwahl, an der sich deutschlandweit rund 3500 Schulen beteiligen, zuständige Zentrale weitergeleitet. Am Sonntag, 24. September, um 18 Uhr erfolge die Veröffentlichung der Ergebnisse, beschreibt die Konrektorin das weitere Prozedere in dem Projekt zur politischen Bildung. Einzusehen ist das Ergebnis dann im Internet unter www.juniorwahl.de.

Doch auch wenn noch nicht klar ist, wofür sich die Realschüler im Einzelnen entschieden haben, so zeichne sich doch ein Trend ab, meint eine Schülerin am Donnerstagvormittag im Unterricht. Viele, vermutet sie, hätten CDU oder SPD gewählt.

Doch vor der Stimmabgabe musste die simulierte Bundestagswahl freilich erst mal organisiert werden – ganz wie eine richtige Wahl. Erst mal wurde ein Wählerverzeichnis für alle rund 200 stimmberechtigten Schülerinnen und Schüler erstellt. Dann erfolgte ordnungsgemäß die Wahlbenachrichtigung, und schließlich stand dem Gang zu den Wahlurnen, überwacht von Wahlhelfern, die auch die Stimmzettel ausgaben, nichts mehr im Weg. Die Juniorwahl, so die Einschätzung in der 10d, sei eine „gute Vorbereitung“.

Aber es ist eben nur eine Übung in Sachen praktizierte Demokratie und, so Andrea Maisel, eine „Werbeaktion fürs Wählen“. Aber wie ist das mit der Realität? Sollen schon 16-Jährige bei Bundestagswahlen votieren dürfen? Die – für manch einen vielleicht überraschende – Antwort nach einer Abstimmung der 10d: nein! Die Mehrheit spricht sich dagegen aus und kann dies auch durchaus begründen. Eine große Zahl junger Menschen sei „noch nicht reif“ dazu, meinte einer, während andere befürchteten, viele würden das Ganze wohl zu sehr als einen „Spaß“ betrachten. Außerdem, so ein weiterer Einwand, stünden die meisten Jugendlichen bei der Wahlentscheidung zu stark unter dem Einfluss ihrer Eltern.

Dessen ungeachtet ist die Bereitschaft, von seinem Wahlrecht als mindestens 18-jähriger Bürger Gebrauch zu machen, zweifellos vorhanden; wohl nicht zuletzt durch die neu erworbenen Kenntnisse zu Politik und Politikern. Und so kündigt eine klare Mehrheit der von der engagierten Pädagogin Andrea Maisel unterrichteten Zehntklässler schon jetzt an, dass sie später, wenn sie alt genug sind, wählen wollen. Wie etwa die heute 15-jährigen Chanice Seifried und Navina Hafner. „Wenn man die Chance hat, mitzubestimmen, sollte man diese auch nutzen“, macht Chanice ihre Überzeugung deutlich.

Wen sie in Zukunft wählen wird, kann sie nicht konkret vorhersagen, dafür aber, wofür ihr politisches Herz aktuell schlägt. „Ich finde Angela Merkel gut, aber als Partei halte ich die SPD für besser“, differenziert sie – und klingt dabei schon wie eine echte, mündige Wählerin.

 

Am heutigen Freitag, 22. September, „wählen“ die Schüler der Klassen 8 bis 10 der Gemeinschaftsschule Heckengäu in Wiernsheim. Außerdem beteiligen sich laut Online-Karte auch noch das Salzach-Gymnasium und das Evangelische Seminar in Maulbronn an der Juniorwahl.

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