Raupen-Rolli weckt Hoffnungen

Der Mühlackerer Rosario Pesco testet ein Vorführgerät, das Treppen steigen kann

Von Carolin Becker Erstellt: 6. Juli 2019, 00:00 Uhr
Raupen-Rolli weckt Hoffnungen Einen Vorgeschmack auf eine barriereärmere Zukunft erhält Rosario Pesco, auf dem Bild rechts mit Mathias Neu, dank eines für kurze Zeit geliehenen Spezialrollstuhls mit Treppenmodus. Foto: Becker

Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Oder im Fall des Rosario Pesco eine Raupe. Diese tierisch geniale Konstruktion am Fahrwerk eines modernen Elektrorollstuhls hat der Mühlackerer jetzt ausprobieren dürfen. Treppen, Bordsteine und andere Hindernisse könnten den Status „unüberwindlich“ verlieren.

Mühlacker. Es ruckelt, es rattert, es knarzt. Auf der Miene der Testperson weicht die Anspannung der Freude, als der Rollstuhl den Treppenabsatz erklommen hat. Wenige Stufen sind es, die die Wohnung in einem Mehrfamilienhaus an der Banzhafstraße vom Eingangsniveau trennen. Und doch sind sie für Menschen, die nicht über gesunde Beine verfügen, so schwer zu überwinden. Das Hilfsmittel auf Rädern und Raupen könnte dieser Barriere und vielen weiteren Tücken im Alltag des Rosario Pesco den Schrecken rauben. „Ich bin so froh, dass ich das erleben und ausprobieren darf“, sagt er.

Zeugen der Testfahrt, für die Mathias Neu ein Vorführgerät des in Wien ansässigen Unternehmens Help-24 nach Mühlacker gebracht hat, werden an diesem Morgen ein Vertreter des Rosario Pesco betreuenden Sanitätshauses Grothe Rehatechnik aus Bad Wildbad und das Ehepaar Heide und Siegfried Aichele. Die beiden haben als Wohnraumberater des VdK-Landesverbands eine Fachmesse in Karlsruhe besucht und Pesco, seit 2018 Mitglied im Sozialverband, auf den Raupen-Rollstuhl aufmerksam gemacht. „Ein Treppenlift würde hier in der Kreisbau-Wohnung nicht genehmigt, also wäre ein solches Gerät eine ideale Lösung“, begründet Siegfried Aichele, zweiter Vorsitzender des Ortsverbands Mühlacker, den Vorstoß.

Ganz billig freilich ist die Variante, die Mathias Neu vor den Augen Rosario Pescos zunächst selbst steuert, nicht zu haben. 25900 Euro koste das Modell, das über verschiedene Fahrwerke verfügt und im „Treppenmodus“ Raupen ausfährt, sagt der Fachmann, der das Wunderwerk der Technik seit einem Dreivierteljahr mal hier, mal dort vorführt. Ein Joystick erlaubt die exakte Steuerung, auf dem Display erkennt der Fahrer die Umgebung hinter ihm. Das ist auch notwendig, werden Stufen aufwärts doch im Rückwärtsgang erklommen. Treppab geht es vorwärts. „Das braucht ein bisschen Zutrauen“, weiß Mathias Neu, und bald erfährt auch Rosario Pesco, wie sich die Fahrt in die Tiefe anfühlt. „Ein bisschen wie Achterbahn“, scherzt der Mühlackerer. An Mut fehlt es dem 46-Jährigen nicht. Das hat er in den Jahren seit 2002 häufig genug bewiesen, als er mit der Diagnose Multiple Sklerose konfrontiert wurde. „Irgendwann hat mein Körper die Spritzen nicht mehr vertragen“, blickt er zurück auf die Anfangsjahre seiner Krankheit. Doch sei ihm dann eine längere Ruhephase vergönnt gewesen. 2012 habe er sich sogar selbstständig gemacht und den Kiosk bei der Berufsschule geführt. „Obwohl ich Italiener bin, war ich für meine Döner berühmt“, erzählt Rosario Pesco.

Doch dann zeigten sich Einschränkungen beim Gehen, eine Operation an der Wirbelsäule folgte. Wenige Wochen nach der Reha habe er sein Geschäft schließen müssen. Der nächste Krankheitsschub führte zu einem wachsenden Kontrollverlust in der rechten Hand. Mittlerweile könne er nur noch die linke Körperhälfte benutzen, benötige für die kleinsten Tätigkeiten im Haushalt Hilfe. Mühsam bewegt er sich in der Wohnung mit der Hilfe eines Rollators fort, noch mühsamer überwindet er die Stufen bis zur Haustür, vor der sein bisheriger Elektrorollstuhl parkt. „Meine Schwester ist meine Pflegerin“, lobt Pesco das familiäre Netzwerk, das ihn trage. Die Eltern, die im Haus gegenüber wohnen, seien eine große Stütze, doch sei ein Besuch bei ihnen angesichts der zu überwindenden Treppen kaum mehr möglich.

In Selbstmitleid versinkt der gebürtige Mühlackerer jedoch nicht. Schließlich verfügt er über Einfallsreichtum und Erfindergeist. „Ich bin hier in der Stadt sehr bekannt. Ah, da kommt der mit der Rampe, sagen die Leute, wenn sie mich sehen“, verweist Rosario Pesco auf ein Hilfsmittel, das er beispielsweise auf dem Weg zum Arzt mitnimmt und das ihm das Einsteigen in Züge erleichtert. Für einen Rollstuhlfahrer sei die Welt voller Hindernisse, Barrierefreiheit ein frommer Wunsch: „Ohne meine Rampe könnte ich nicht einmal den Bordstein auf dem Weg zum Friseur überwinden.“ Die Kehrseite der Medaille sei eine geringere Reichweite, denn schließlich verbrauche ein mit mehr Gewicht beladener E-Rollstuhl auch mehr Strom. Und Treppe bleibe Treppe.

Stichwort Stufen: Jene zwischen Wohnungs- und Haustür stellen anfangs selbst für das zigfach erprobte Vorführgerät eine Herausforderung dar. „Das Problem sind die Gummieinfassungen“, stellt Mathias Neu fest. Hier könnten die Raupen schlecht greifen. Wenig ideal ist auch, dass am Vorführmodell die Steuerung mit der rechten, kaum noch nutzbaren Hand erfolgen muss. Doch Rosario Pesco wäre nicht Rosario Pesco, würde er sich von Schwierigkeiten entmutigen lassen. Noch ein Versuch – und dieses Mal siegen Wille und Raupen über Stufen und Gummi.

„Ich möchte meinen Alltag zurück“, formuliert der Mühlackerer das große Ziel, von dem ihn noch der Antrag bei seiner Krankenkasse trennt. „Ich werde das jetzt in die Wege leiten“, sagt er voller Zuversicht. „Zu Hause hinlegen und nichts tun, das gibt es bei mir nicht. Aufgeben ist keine Option“, schildert der 46-Jährige sein Credo. Warum auch, wo doch der Testlauf tierisch erfolgreich war?

Carolin Becker

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